Jimmy Wales im Olymp der Superreichen

Der legendäre Onlinelexikon-Erfinder nutzt das Prestige seiner Erfindung Wikipedia, um seinem Freund Tony Blair bei der Werbung für despotische Regime behilflich zu sein. Teil 3

Nach einigen Jahren als Börsenspekulant und Betreiber einer Online-Suchmaschine für Pornographie gelang James Donal Wales mit der Erfindung des Mitmach-Lexikons Wikipedia der Durchbruch (siehe Teil 1 und Teil 2). Die Enzyklopädie für alle hat traditionelle Lexika vom Markt verdrängt und ist heute de facto Monopolist für die Definition von Wissen weltweit.

Doch genau diese Monopolstellung könnte auch den Untergang von Wikipedia einläuten. Denn zunehmende Professionalisierung und Kommerzialisierung haben zu einer starren Hierarchie im Wiki-Apparat geführt, die potentielle Neueinsteiger abschreckt.

An die Stelle einer basisdemokratischen Wissensaushandlung treten autoritär durchgesetzte Artikel, denen es oft an der gebotenen Neutralität mangelt. Möglicherweise aus diesem Grund nehmen die Zugriffszahlen für Wikipedia in letzter Zeit erheblich ab. Jimmy Wales bewegt sich derweil in den allerhöchsten Sphären der globalisierten Gesellschaft.

"Normalerweise sind die Mädels nackt, aber heute ist der Premierminister anwesend"

Jimmy Wales wird nicht müde zu betonen, dass er praktisch kein Vermögen habe - jedenfalls weniger als eine Million Dollar; alles andere verschenke er an die Wohlfahrt. Nichtsdestoweniger lehnt er es nicht ab, von den Superreichen dieser Welt eingeladen zu werden.

Amazon-Chef Jeff Bezos gehört zu seinen engsten Freunden wie auch der Besitzer des milliardenschweren Virgin-Konzerns, Richard Branson. Letzterer will im Alleingang das Erdklima retten mit Geoengineering, also mit Maßnahmen, die die Erderwärmung mildern sollen, z.B. durch Ausbringen von künstlichen Aerosolen in die Stratosphäre.

Und so sehen wir Jimmy Wales bei einem informellen Treffen der Superreichen im Jahre 2008 auf dem Necker Island, einem Inselchen im Pazifik, das sich Branson gekauft hat - und dazu noch die Nachbarinseln.

Larry Page (Google), Paul Allen (Microsoft), Shai Agassi (ehemals SAP), Elon Musk (PayPal) und Tony Blair, ehemals britischer Premierminister und nun gut dotierter Berater der mächtigen Privatbank JP Morgan, sitzen mit dem Gastgeber Branson und Jimmy Wales auf Liegestühlen zusammen und erörtern, wie man mit grüner Ökonomie viel Geld machen kann.

Sie beenden die anregende Runde, indem sie auf einem Katamaran zur Nachbarinsel schippern, um sich dort bei Discomusik an jenen oben genannten, heute ausnahmsweise mit Bikinis bedeckten Damen zu erfreuen.

Wikipedia-Logo: Wikimedia Foundation, Lizenz: CC-BY-SA-3.0. Illustration: TP

Wales liebt das Leben im Olymp der Superreichen. Bereits im Jahre 2007 wählte ihn das World Economic Forum zum Young Global Leader, und seitdem ist Wales immer wieder gern gesehener Gast in diesem informellen Treffen der Reichen und Mächtigen. Besonders gern begibt sich Wales seit einiger Zeit in die Entourage des ehemaligen britischen Premierministers Tony Blair.

Er trennte sich sogar von seiner Frau und seiner Tochter im sonnigen Florida, um die Privatsekretärin von Blair zu heiraten und sich in London niederzulassen. Ist es purer Zufall, dass Wales überall dort Aktivitäten entfaltet, wo auch Tony Blair seinen Einfluss in bare Münze umzusetzen weiß?

Wales‘ mehr als zweifelhafte Aktivitäten in Kasachstan

Zum Beispiel in Kasachstan. Kasachstan wird seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren von Nursultan Nasarbajew regiert, der auch schon zu Sowjetzeiten ein mächtiger Mann war. Mit harter Hand sorgt Nasarbajew dafür, dass Investoren aus Ost und West ungestört Rohstoffe im Land abbauen können. Öl und Gas vor allen Dingen.

Als im Dezember 2011 Nasarbajews Soldaten bei einem Streik in Zhanaozen im Südwesten Kasachstans sechzehn streikende Ölarbeiter wahllos erschossen, begann eine Welle der staatlichen Repression mit Verhaftungen, Folterungen und Ermordung von Oppositionellen. Diese Ereignisse brachten Nasarbajew schlechte Publicity im Westen.

Um seinen Imageschaden zu reparieren, engagierte der Despot Tony Blair als PR-Berater. Blair eröffnete ein Büro in Almaty, der Hauptstadt von Kasachstan. Blair macht nun weltweit gut Wetter für seinen neuen Kunden, und erhielt dafür von Nasarbajew 16 Millionen Dollar Honorar.

Exakt in dieser Zeit engagierte sich auch Wales in Kasachstan. Er half bei der Gründung einer Stiftung mit Namen Wikibilim, die der kasachischen Wikipedia Leben einhauchen sollte. Wikibilim genießt besondere Förderung durch die kasachische Regierung, und das nationale Lexikon übereignete seine Artikel der aufgefrischten Wikibilim-Wikipedia.Zudem ernannte Wales bei der Wikimania, einem Wikipedia-Festival im Jahre 2011 in Haifa/Israel, den Direktor von Wikibilim zum Wikipedianer des Jahres.

Diese Unterordnung von Wikipedia unter die Kontrolle einer despotischen Regierung reiht sich ein in die bigotte Haltung westlicher Eliten gegenüber unappetitlichen, aber nichtsdestoweniger äußerst lukrativen Diktaturen.

Unter dem Dach der staatseigenen Samruk Kazya Welfare Stiftung sind sämtliche Konzerne des Landes vereinigt. Im Direktorium sitzen neben Kasachen und Russen auch zwei Briten: Sir Richard Evans, ein hochkarätiger Rüstungsmanager, und Nigel John Stapleton, Londoner Finanzbroker.

Das Vorwort für ein Buch, das Nasarbajew zu seinem eigenen Lobpreis schreiben ließ mit dem Titel "Epicenter of Peace" hat kein anderer verfasst als - Graham Allison, den wir schon als Direktor des Belfer Centers kennen.

"Weltweiter Kampf gegen Zensur und Repression"

Die Wikipedia-Community was not amused über die Eskapaden des Wahl-Briten Wales. Noch mehr Ärger entlud sich, als Wales Ende des Jahres 2014 erneut zwei despotischen Regimen mit seinem Auftritt zu unverdientem Ansehen verhalf.

Im Dezember hielt Wales die Eröffnungsrede bei einer Preisverleihung für besondere Leistungen im "eGovernment" an der Sultan Quabus-Universität in Mascat. Mascat liegt im Sultanat Oman, wo die Menschenrechtssituation nach einhelliger Meinung aller Experten erbärmlich ist.

Nach diesem sicher nicht unentgeltlichen Auftritt flog Wales weiter nach Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dort nahm er zusammen mit dem Erfinder des Internets, Tim Berners-Lee, den "Knowledge Award" der Mohammed bin Rashed Al Maktoum Foundation entgegen.

Jeder der beiden Preisträger konnte 500.000 Dollar mit nach Hause nehmen. Auch die Vereinigten Emirate haben eine erbärmliche Menschenrechtspolitik vorzuweisen, und hier ist Tony Blair noch mehr zu Hause als in Kasachstan.

Die Seele der Wikipedianer kochte, und Wales musste sich diesmal gegen einen für ihn ungewohnten Sturm der Entrüstung zur Wehr setzen. Genervt blaffte er auf Twitter zurück:

Ich bin extrem stark in meinem weltweiten Kampf gegen Zensur und Repression. Ich bin froh, einiges von ihrem Geld ergattert zu haben, um sie zu vernichten.

Es bleibt der Phantasie der Leser überlassen, wie Wales die spendablen Scheichs vernichten will.

Dafür wird ihm wohl auch nicht viel Zeit verbleiben. Denn schon warten neue Herausforderungen auf den Alleskönner Wales. Denn er leitet seit 2015 eine Telefongesellschaft mit Namen The People’s Operator. Die Firma wurde 2012 gegründet und hat, was zu Wales Image passt, trotz Profitorientierung einen sozialen Touch.

Die Telefonkunden führen nämlich 10% ihres Rechnungsbetrags an einen guten Zweck ab, den sie selber auswählen. Zudem führt die Telefongesellschaft ein Viertel ihrer Gewinne wohltätigen Stiftungen zu. Hier kommt also wieder ein Element des Sozialunternehmertums zum Tragen.

Die Gesellschaft wurde von Andrew Rosenfeld gegründet, der ein großzügiger Spender für die Labor Party und deren Spitzenkandidat Tony Blair war. Nach dessen frühem Tod im Februar dieses Jahres wurde die Stelle des Direktors nunmehr Jimmy Wales übertragen.

Man darf gespannt sein, wie die Wikipedia-Gemeinde auf die erstaunlichen Wandlungen ihres Inspirators reagieren wird.