John Nelson Darby und die Brüdergemeinden in den USA und Europa

Christliche Endzeit und Juden - Teil 3

In der wissenschaftlichen Theologie und den Landeskirchen gibt es, vertreten von Theologen wie Rudolf Bultmann oder Jürgen Moltmann, eine Unterscheidung zwischen Offenbarung und Geschichte bzw. eine eschatologische Hoffnung; eine apokalyptische Naherwartung jedoch mit dem Glauben an eine baldige Wiederkunft Jesu Christi findet sich nur bei konservativen Christen. Typisch sind sie für John Nelson Darby (1800 bis 1882) und seine Brüdergemeinden in den USA und Europa.

Teil 2: Chiliasmus

Darby war ursprünglich Jurist, wurde dann aber Priester in der anglikanischen Kirche. Er litt unter der Frage, "wie er als sündiger Mensch vor einem gerechten Gott bestehen könne".

In England und Irland hatte es Anfang des 19. Jahrhunderts einer große Erweckungsbewegung gegeben, während der viele Menschen Bekehrungserlebnisse hatten. Damals entstanden mehrere Gemeinschaften, bei denen sich Christen unterschiedlicher Glaubensrichtungen zum Abendmahl trafen. "Auch die Erwartung der Wiederkunft Jesu war überall zu spüren", so Holthaus, Prorektor der evangelikalen Ausbildungsstätte FTH Gießen.

John Nelson Darby (1800-1882). Bild: Public Domain

Darby stieß um 1828 zu einer solchen Gemeinschaft "erweckter" Christen, welche die absolute Autorität der Bibel annahmen und glaubten, dass sie in der Endzeit lebten. Er erlebte selber eine Art Erweckung und verließ im Jahr 1834 die anglikanische Kirche. 1939 ging er in die Schweiz. Dort entwickelte er, so Geldbach, den Gedanken des "radikalen Verfalls" der Kirche, der für ihn typisch wurde: Er kam, so Voigt, zu der Überzeugung, "dass die apostolische Kirche verfallen war und niemand die Vollmacht habe, sie zu erneuern, weder als Freikirche und schon gar nicht als Staatskirche, deren Anhänger seiner Meinung nach zum Bösen zählen. In der Gegenwart sei es nur möglich, eine sonntägliche christliche Versammlung der wahrhaft Gläubigen zum Brotbrechen zusammenzurufen."

Dies wurde die Grundlage seiner Lehre von den verschiedenen Heilszeitaltern: Das Zeitalter der Kirche ist vorbei, sie ist verdorben. Hiermit entwickelte John Nelson Darby die Lehre des Dispensationalismus, die bis heute wirksam ist, vor allem bei amerikanischen Fundamentalisten, aber auch in der weltweiten Brüderbewegung unter anderem in Deutschland.

Voigt rechnet die Brüderbewegung - zumindest die Brüdergemeinden innerhalb des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden - zusammen mit Baptisten, Mennoniten und Freien evangelischen Gemeinden zu Gruppe der täuferisch-kongregationalistisch-independentistischen Bünde. "Täuferisch", denn sie haben mit der Praxis der Kindertaufe gebrochen, einige erkennen die Praxis der Kindertaufe nicht an und nehmen nur in die Gemeinde auf, wenn jemand eine so genannte "Glaubenstaufe" vollzogen hat. Wer zB in der als Kind in der Landeskirche getauft wurde und als Erwachsener zu einer dieser Freikirchen stößt, wird in vielen Gemeinden noch einmal getauft. "Kongregationalistisch" leitet sich von dem lateinischen Wort congregatio für Geselligkeit bzw. Vereinigung ab, "independentistisch" von independens, lateinisch für eigenständig bzw. unabhängig. Diese Freikirchen haben sich von der Kirche getrennt und bilden Bünde aus unabhängigen Einzelgemeinden.

Voigt2 nennt als zwei der zentralen Anliegen der Brüderbewegung die "Bindung an die irrtumslose Autorität der Bibel" sowie die "heilsgeschichtlich-endzeitliche Ausrichtung auf das Wiederkommen Christi".

Darby warb in Dublin für seine Überzeugungen, parallel zu Georg Müller, der in Bristol ein großes Diakoniewerk aufbaute. Im Jahr 1848 exkommunizierte3 Darby eine Gemeinde, die andere Mitglieder aufgenommen hatte. So entstanden entstanden die später "exklusiven" bzw. "geschlossenen Brüder" nach Darby, und nach Müller die später "offenen Brüder" genannten Gruppen. Diese Unterscheidung hat sich bis heute gehalten; die "exklusiven Brüder" sondern sich nach wie vor von allen Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften ab.

Darby war ein rastloser Reisender und kam im Jahr 1854 zum ersten Mal nach Deutschland. Hier hatte der Lehrer Carl Brockhaus (1822 - 1899) eine so genannte "Versammlung" gegründet. Man wollte die Bibel möglichst wörtlich lesen. Brockhaus, Darby und der Referendar Julius Anton von Poseck (1816 - 1896) taten sich zusammen, schreibt Holthaus: "Die Heilige Schrift wird als Wort Gottes, inspiriert und unfehlbar, anerkannt. Um das Wort Gottes grundtextgenau lesen und auslegen zu können, machten sich Carl Brockhaus, John Nelson Darby und Julius Anton von Poseck im Winter 1854 an die Erarbeitung einer neuen, möglichst wortgetreuen Übersetzung, der so genannten Elberfelder Bibel." 1855 erschien das Neue Testament, 1871 das Alte Testament.

Die Brüderbewegung hat ein starkes Interesse an Mission und Evangelisation und sie warb von Anfang an mit Büchern, Zeitschriften und Kalendern aus eigenen Verlagen. Auch Minderjährige sollten "erweckt" werden. Holthaus: "Besonders die Kinder- und Jugendzeitschriften der Brüderbewegung fanden und finden über die Bewegung hinaus dankbare Leser in vielen Gemeinden und Werken. In 30 Filialen wirken auch die Christlichen Bücherstuben evangelistisch und missionarisch in unserem Land."

1937 wurden die "geschlossenen" Brüderversammlungen verboten, da sie aufgrund der fehlenden Organisation nicht zu kontrollieren waren. Im Jahr 1942 schloss sich daher ein Teil der Brüderbewegung mit den Baptisten zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zusammen. Politisch haben die Brüdergemeinden wie fast alle Freikirchen nicht protestiert, so Holthaus selbstkritisch:

Nur wenige Brüdergemeindler haben zum nationalsozialistischen Staat und seiner Ideologie eine deutlich ablehnende Stellung eingenommen. Auch in der so genannten 'Judenfrage' hörte man innerhalb der Brüderbewegung praktisch keinen Protest gegen die staatlichen Repressalien.

Nach dem Krieg verließen zwei Gruppierungen den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, daher gibt es seit dieser Zeit in Deutschland fünf Zweige: Die schon in den 1890er Jahren abgespaltenen "Raven-Brüder", die "geschlossenen Versammlungen", die "bundesfreie Brüdergruppe" bzw. den "Freien Brüderkreis", die Brüdergemeinden im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, die sich 1980 zur "Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden" zusammenschlossen, und Mitte der 1990er Jahre spaltete sich noch einmal ein großer Teil der "geschlossenen" Brüderversammlungen ab.

Die Unterscheidung liegt im Grad der Absonderung von anderen Gruppen, und die Bezeichnungen sind nicht offiziell, weil man sich ja eigentlich gar nicht als Gruppe versteht, sondern als Bewegung.

Noch heute sind Brüdergemeinden in den Bereichen Mission und Evangelisation aktiv. Sie unterhalten eine Bibelschule für Missionare (Wiedenest) und betreuen Missionare in mehreren Staaten, ebenso die Barmer Zeltmission. Immer noch versucht man, auch Minderjährige zu einem evangelikalen Glauben zu bringen. Holthaus dazu:

Durch die ausgeprägte Sonntagsschularbeit werden frühzeitig Kinder zum Glauben gerufen. Evangelistische Verteilblätter werden in großer Zahl unter die Leute gebracht. Bis heute ist der Ruf zur Umkehr und zur Entscheidung für Jesus Christus eines der Hauptkennzeichen der deutschen Brüderbewegung.

Außerdem unterhält die Brüderbewegung Diakonie, Alten- und Pflegeheime.

Dispensationalismus ist eine Form des Prämillenarismus, also der Auffassung, dass erst Christus wiederkommt und dann ein tausendjähriges Friedensreich auf der Erde aufgerichtet wird.

John Nelson Darby hat den Dispensationalismus begründet. In dieser Auffassung von Geschichte ist die Heilsgeschichte in verschiedene Zeitalter eingeteilt. Darby nahm die Bibel wörtlich und hielt die Kirche für verfallen. Ungläubige wollte er vom Abendmahl ausschließen. Er verband "ein streng fundamentalistisches Schriftverständnis und eine exklusivistisch bestimmte Ekklesiologie mit entsprechenden Heilsabschnitten [...] und [konnte] die endzeitlichen Glaubensaspekte mit höchster Autorität und geistlichem Anspruch vertreten".4 Wirksame Verbreitung fand diese Lehre über die Scofield-Bibel. Der US-amerikanische Jurist und Theologe Cyrus Ingerson Scofield (1843 - 1921) entwickelte eine Studienbibel, die im Jahr 1909 erschien. Er versah sie mit Fußnoten, in denen er Darbys Lehre des Dispensationalismus aufnahm und weiterentwickelte. Diese "Scofield-Bibel" wurde Standardbibel in bibelfundamentalistischen Kreisen. Sie beinhaltet eine Art Kettensystem, Kettenverweise zu 72 Themen: Verwandte Bibelverse werden miteinander verbunden. So können auch Laien diese Themen über verschiedene biblische Bücher hinweg verfolgen. Die deutsche Ausgabe der Scofield-Bibel basierte zunächst auf einer Luther-Übersetzung, späteren Ausgaben liegt die Elberfelder Übersetzung zugrunde.

Durch die Scofield-Bibel wurde Darbys von Scofield weiterentwickelter Dispensationalismus sehr stark verbreitet, vor allem im amerikanischen Fundamentalismus. Geldbach schätzte im Jahr 1981 die Gesamtzahl der Mitglieder der Brüderbewegung auf etwa 500.000, davon ungefähr 30.000 in Deutschland.

Teil 4: Die Rolle der Juden in der christlichen Heilsgeschichte

Hinweis: Die Recherchen für diesen Artikel wurden durch ein Stipendium der Journalistenvereinigung netzwerk recherche gefördert und betreut. Die Autorin war früher selber Mitglied in einer evangelikalen Freikirche.

Der Text ist außerdem ein Auszug aus einem Telepolis-Mehrteiler über christliche Endzeitvorstellungen. In ihm beschäftigt sich Ulrike Heitmüller unter anderem mit Prämillenarismus, Postmillenarismus und Gruppen in den USA und Europa, die noch heute in einer Naherwartung leben. Außerdem untersucht sie den Konflikt zwischen judenmissionarischen Gruppen und der evangelischen Kirche und zeigt, welch religions- und kirchenpolitischen Zündstoff solche Vorstellungen bergen.

(Ulrike Heitmüller)

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