Johnson & Johnson: Einmal-Impfung reicht wohl doch nicht

Unsicherheit nach hoher Zahl an Impfdurchbrüchen. In Österreich wird bereits eine Zweitimpfung empfohlen, in Deutschland steht das offenbar auch bevor

Kurz vor den Sommerferien wandelte sich der Impfstoff aus dem Hause "Johnson & Johnson" vom Ladenhüter zum Liebling der Leute. Der Grund war einfach: Ein Pieks, zwei Wochen warten - und schon konnte man in den Urlaub. Wer vor den Ferien noch gezögert hatte und es dann aber eilig mit der Urlaubsreise hatte, entschied sich für "Janssen". Doch inzwischen mehren sich die Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffs. Eine eventuell notwendige zweite Impfdosis ist im Gespräch. Der Grund für die Unsicherheit ist die hohe Zahl der Impfdurchbrüche.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) führt im aktuellen Wochenbericht insgesamt 56.837 wahrscheinliche Impfdurchbrüche auf. Davon betreffen 8.489 Fälle Impfungen mit Janssen. Bei den gut 3,1 Millionen verabreichten Dosen bedeutet das: Auf eine Million Impfungen kommen - grob überschlagen - 2.600 Impfdurchbrüche.

Damit schneidet Janssen im Vergleich mit anderen Impfstoffen deutlich schlechter ab: Comirnaty aus dem Hause Biotech/Pfizer weist bei gleicher Rechnung etwa 900 Impfdurchbrüche auf eine Million Zweitimpfungen aus. Bei der zweiten Dosis Moderna sind es etwas mehr als 500. Dass sich überhaupt geimpfte Menschen infizieren können, ist für Wissenschaftler keine Überraschung.

"Wir wussten von Anfang an, dass die Impfung nicht zu 100 Prozent wirksam ist: Selbst in den Zulassungsstudien hatten sich vollständig Geimpfte infiziert", erklärte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Deswegen träten natürlich mehr und mehr Impfdurchbrüche auf, je mehr Menschen "immunisiert" würden.

Auch der Infektionsimmunologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité betonte, dass eine gewisse Zahl solcher Infektionen erwartbar gewesen sei. "Gerade bei einem respiratorischen Erreger, der die oberen Atemwege befällt, sind dort vermehrt und auch von dort weitergegeben wird, ist es schwierig, eine sterile Immunität herzustellen." Von dieser spricht man, wenn sowohl Ansteckung mit einem Erreger als auch die Weitergabe komplett unterbunden werden.

Antikörperbildung dauert länger

Den Grund für Janssens schlechtes Abschneiden liege laut Watzl in seiner Schutzwirkung selbst. Denn nach der Impfung brauche es länger als nach den mRNA-Impfungen, bis sich ausreichend Antikörper gebildet hätten. "Teilweise steigen die Spiegel mehr als einen Monat nach der Impfung noch an." Aber schon nach 14 Tagen gelte man als vollständig immunisiert und eine Infektion würde als Impfdurchbruch gewertet. "Zu dem Zeitpunkt ist man aber noch nicht vollständig durch die Johnson-&-Johnson-Impfung geschützt. Und die Antikörperspiegel liegen deutlich unterhalb derer, die durch die anderen Impfstoffe erzeugt werden", so Watzl.

Janssen ist der einzige in der Europäischen Union zugelassene Impfstoff, von dem es laut EU-Arzneimittelbehörde (EMA) nur eine Dosis braucht. Und darauf seien die Impfdurchbrüche zurückzuführen, erklärte Christian Bogdan, Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko), im September gegenüber dpa. Zum anderen entwickelten Menschen über 60, bei denen das Vakzin in Deutschland vor allem wegen seines Nebenwirkungsprofils angewendet werde, im Vergleich zu jüngeren Menschen nur eine geringere und weniger lang anhaltende Immunantwort.

Auch in Frankreich gab es zuletzt Hinweise darauf, dass der Impfstoff von Johnson & Johnson weniger wirksam sein könnte. Krankenhäuser in Marseille und Tours hatten berichtet, dass auffallend viele Geimpfte auf der Intensivstation Janssen erhalten hatten. Zum Zeitpunkt der Meldung waren es in Marseille vier von elf Eingelieferten, in Tours drei von neun. Vor diesem Hintergrund keimte die Diskussion auf, ob eine zweite Impfdosis empfohlen oder vorgeschrieben werden müsste.

Ende September hatten dann Untersuchungen ergeben, dass Janssen wirksamer gegen eine Corona-Infektion ist, wenn er zweimal verabreicht wird. Die zweite Dosis war zwei Monate nach der ersten verabreicht worden - und sie bot nach Angaben des Unternehmens einen 75-prozentigen Schutz. Der Antikörperwert stieg demnach auf das Vier- bis Sechsfache der nach der Einzeldosis beobachteten Werte. Bei moderaten Verläufen liegt die Wirksamkeit der Einzeldosis bislang bei gut 66 Prozent.

Zweitimpfung zeitnah, aber frühestens nach 28 Tagen empfohlen

Das Nationale Impfgremium (NIG) von Österreich hat jetzt auch eine Empfehlung ausgesprochen: Die zweite Impfung solle mit einem mRNA-Impfstoff (Moderna oder dem von Biontech/Pfizer) erfolgen und das möglichst zeitnah, frühestens aber 28 Tage nach der Erstimpfung.

Laut Watzl haben auch die Gesundheitsminister in Deutschland eine Empfehlung herausgegeben, dass alle mit Janssen geimpften Menschen nach sechs Monaten mit einem mRNA-Impfstoff geimpft werden. "Immunologisch macht das absolut Sinn, da wir bereits wissen, dass so eine Kreuzimpfung wunderbar funktioniert und einen sehr guten Schutz gibt", so Watzl. Die EMA gab sich etwas zurückhaltender: Vor einer solchen Empfehlung müssten noch entsprechende Daten ausgewertet werden. Man erwarte aber, dass sich eine Kreuzimpfung bei Janssen als geeignet herausstellen werde. (Bernd Müller)