Joseph Ratzingers Festung bröckelt

Ein Aufruf wider Grabesruhe und Angststarre

Durch selbstherrliche Pastoralplanungen wird die Auflösung von Ortsgemeinden betrieben, die zum Teil auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken können. Viele Gläubige vor Ort betrachten diese "Ermordung" ihrer Gemeinden – zugunsten eines Priester-Sektenmodells – als eine Kirchenverfolgung von oben.

Die traditionalistischen Amtsträger antworten auf solche Proteste mit der arroganten Phrase, die Gläubigen sollten erst einmal wieder mehr Sehnsucht nach der heiligen Priestermesse unter Beweis stellen. Im Memorandum ist dagegen zu lesen: "Das kirchliche Amt muss dem Leben der Gemeinden dienen – nicht umgekehrt."

Zu den weiteren Themen der Erklärung gehören die Bereicherung der Gottesdienste durch kulturelle Vielfalt und eine glaubwürdige Versöhnung der Kirche mit allen, "an denen sie schuldig geworden ist". Implizit geht man nicht nur vom Fehlgehen einzelner Getaufter aus, sondern von einer Sündigkeit der Kirche und ihrer Strukturen. In den Schlusssätzen wird zur Angstfreiheit in der Kirche aufgerufen:

Dem Sturm des letzten Jahres darf keine Ruhe folgen! In der gegenwärtigen Lage könnte das nur Grabesruhe sein. Angst war noch nie ein guter Ratgeber in Zeiten der Krise. […] auf Jesu Wort hin […]: "Warum habt ihr solche Angst?"

Die fromme Revolte vollzieht sich auf vielen Schauplätzen

Die – bislang – 143 Theologinnen und Theologen stehen im viel größeren Gesamtzusammenhang einer frommen Kirchenrevolte, die in diesem Jahr immer mehr Konturen annimmt. Im Erzbistum Köln tut sich ein – von Rom gegen den Willen der Ortskirche eingesetzter – Bischof (und Kardinal) durch infantile theologische Äußerungen und einen besonders rigorosen Herrschaftskurs – mit Opus-Dei-Präferenzen – hervor. Intelligente Ordensfrauen werden dort telefonisch vor einer Teilnahme an zu offenen katholischen Veranstaltungen gewarnt.

Doch auch in diesem Bistum wollen die Schäfchen und Katholikenräte nicht länger stillhalten. Bürgerliche Gemeinden im Köln-Bonner Raum organisieren sich selbst, wenn etwa die offizielle Internetseite zensiert wird – so z.B. die Katholiken am Ennert, die Katholiken im Burgviertel und noch eine andere Stimme aus Godesberg.

Gegen Hausgottesdienste mit einem verheirateten Priester kann schließlich auch ein Generalvikar Dr. Dominik Schwaderlapp mit seinen Sündendrohungen nichts ausrichten. Allzu offenkundig verwechseln die Kölner Kirchenfürsten in ihren Drohungen nämlich Christus mit sich selber.

Der Anteil homosexuell orientierter Kleriker ist im Kölner Bistum so hoch wie überall sonst, auch wenn der Kardinal beharrlich das Gegenteil beschwört. Vor wenigen Wochen hat mir gegenüber allerdings ein Priester behauptet, in diesem Bistum könne man gegen schwule Amtsträger nicht allzu repressiv vorgehen, weil sonst die Veröffentlichung einer unangenehmen Liste mit mehr als 100 Namen befürchtet werden müsste. Aufgrund meiner eigenen Kenntnisse erscheint mir das keinesfalls als völlig unwahrscheinlich.

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