Joseph Ratzingers Festung bröckelt

Prominente Christdemokraten machen Bekanntschaft mit der Vatikan-Arroganz

Jüngst haben sich sogar prominente katholische CDU-Politiker für eine Lockerung der – nur imlateinischen Ritus der röm.-kath. Kirche obligaten – Priesterehelosigkeit ausgesprochen. Der Vatikan ließ ihnen durch einen Offenen Brief seines Chefhistorikers Kardinal Walter Brandmüller antworten, der an Arroganz nicht mehr zu überbieten ist: Die Politiker, immerhin getaufte und gefirmte Glieder der Kirche, hätten gar nicht die Befugnis, sich zu solchen Fragen zu Wort zu melden.

Dass Joseph Ratzinger 1970 in seinem Buch "Glaube und Zukunft" die Suche nach neuen Formen der Gemeindeleitung und des Zugangs zum Amt befürwortet hat, ist lange bekannt. Ende Januar ist nun aber an seine Unterschrift unter einen vertraulichen, an die Bischöfe gerichteten Theologenbrief vom 9. Februar 1970 erinnert worden. In dem Brief, der alle heute päpstlich aufgestellten theologischen Behauptungen zum obligaten Zölibat widerlegt, steht u.a.:

Wir sind […] der Überzeugung, daß der deutsche Episkopat bei [Papst] Paul VI. für eine ernsthafte Überprüfung der Zölibatsgesetzgebung […] eintreten sollte. Dazu haben die Bischöfe das Recht und nach unserer Meinung in der heutigen Situation auch eine wirkliche Pflicht.

Österreichische Laien: Ohne Ungehorsam ändert sich nichts

Reformkatholiken haben seit 150 Jahren Erfahrung mit Frustrationen gesammelt. Auch heute meinen viele wie einst der Laie Edmund Bischop (1846-1917): "Rome is irreformable."

Die österreichische Laieninitiative hat bis vor kurzem vor allem Gutachten erstellt, nach denen z.B. eine Bischofsberufung ohne Beteiligung der Getauften theologisch und kirchenrechtlich unhaltbar ist. Im Januar 2011 hat diese Bewegung angesichts der Folgenlosigkeit sogenannter Dialogprozesse eine Kursänderung beschlossen. Man erachtet nun – im Wortlaut – als notwendig:

  1. die Nichtbeachtung von Vorschriften und Anordnungen der Kirchenleitung, soweit deren Befolgung sorgfältig gebildetem christlichen Gewissen widersprechen würde, sowie die Loslösung von einem nicht mehr zeitgemäßen Klerikalismus,
  2. die eigenständige und selbstverantwortliche Übernahme und Besorgung der kirchlichen Dienste, sofern geeignete Priester dafür nicht zur Verfügung stehen, sehr wohl aber qualifizierte und erprobte Laien beiderlei Geschlechts,
  3. die Praktizierung eines offenen ökumenischen Verhaltens wie die Teilnahme an gemeinsamen Abendmahlfeiern mit Angehörigen von im Ökumenischen Rat vertretenen Kirchen.

Aufbruch – aber unter welchem Horizont?

Am Ende bleibt freilich eine wichtige Frage noch offen: Wird sich der reformkatholische Aufbruch auf die bürgerlichen Wünsche nach einer etwas moderneren und liberaleren Kirchenheimat konzentrieren und dabei auf die – oftmals auch reaktionären – nationalkirchlichen Traditionen zurückgreifen?

Oder wird es – im Sinne des aktuellen Memorandums der Theologen – um ein offenes, solidarisches und glaubwürdiges Christentum im 3. Jahrtausend gehen, dessen Horizont nur ein globaler und weltkirchlicher sein kann? Dann freilich wird man sich bei uns im reichen Deutschland auch den hohen – zum Großteil vom Staat finanzierten – Lebensluxus jener anschauen müssen, die sich im Gegensatz zu anderen Menschen noch immer als besondere "Würdenträger" betrachten. Jesus sei ehelos gewesen, sagt Rom. Er war aber auch besitzlos und wanderte mit den Seinen ohne Mitra, Mercedes oder BMW – nur in Sandalen – durch das Land. (Peter Bürger)

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