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Joseph Ratzingers Festung bröckelt

Die fromme Revolte in der römisch-katholischen Kirche bekommt Konturen - 143 Theologen legen ein Memorandum zu Umkehr und Aufbruch vor

In ihrer aktuellen Ausgabe berichtet [1] die Süddeutsche Zeitung über ein Memorandum [2] zur Kirchenreform, das bislang 143 namhafte Theologinnen und Theologen unterschrieben haben. Wer den Inhalt liest und mit den repressiven Binnenstrukturen der Ratzinger-Ära vertraut ist, kann über die Zahl der amtierenden Lehrstuhlinhaber auf der Unterzeichnendenliste nur staunen (man wundert sich allerdings auch über so manchen Namen, der fehlt). Der Aufruf ist mit Blick auf die aktuelle kirchliche Situation noch viel brisanter als die Kölner Erklärung "Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität" von 1989, in deren Folge sich die meisten röm.-kath. Theologen – bis heute – auf unverfängliche akademische Forschungen zurückgezogen haben.

Die Kirche ist kein Opfer und braucht den kritischen Blick der Gesellschaft

Die Theologen, die sich nun trotz allen Drucks doch wieder als Mutmacher verstehen, fordern im Memorandum angesichts des unaufhaltsamen Kirchen-Exodus [3] einen Aufbruch noch in diesem Jahr und erteilen der von Traditionalisten betriebenen Selbststilisierung – "Kirche als Opfer böser Zeitverhältnisse" – eine unmissverständliche Absage:

Die Erneuerung kirchlicher Strukturen wird nicht in ängstlicher Abschottung von der Gesellschaft gelingen, sondern nur mit dem Mut zur Selbstkritik und zur Annahme kritischer Impulse – auch von außen. Das gehört zu den Lektionen des letzten Jahres: Die Missbrauchskrise wäre nicht so entschieden bearbeitet worden ohne die kritische Begleitung durch die Öffentlichkeit. Nur durch offene Kommunikation kann die Kirche Vertrauen zurückgewinnen.

"Was alle angeht, soll von allen entschieden werden"

Für eine Kirche als "glaubwürdige Zeugin der Freiheitsbotschaft des Evangeliums" werden klare Maßstäbe formuliert: "Unbedingter Respekt vor jeder menschlichen Person, Achtung vor der Freiheit des Gewissens, Einsatz für Recht und Gerechtigkeit, Solidarität mit den Armen und Bedrängten."

Wider die zentralistische und unkontrollierte Machtausübung in der Ära der letzten drei Jahrzehnte erinnert das Memorandum an das altkirchliche Leitprinzip "Was alle angeht, soll von allen entschieden werden". Namentlich die (völlig unbiblische) Einsetzung von Bischöfen und anderen Amtsträgern ohne Beteiligung der Gläubigen soll ein Ende finden. "Rechtsschutz und Rechtskultur in der Kirche" müssten "dringend verbessert werden".

Zölibat, Frauen als Amtsträger und gleichgeschlechtliche Liebe

Rom behandelt wider alle historische und theologische Vernunft den Zölibat wie ein Dogma oder gar als "achtes Sakrament". Über die Frage des Frauenpriestertums ist – unter Strafandrohung – ein striktes Diskussionsverbot erlassen worden. Gegen beide Punkte machen die Theologen geltend: "Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt." Eine Hochschätzung von Ehe und ehelosen Lebensformen gebiete keineswegs, die Liebe in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und die Liebe von wiederverheirateten Geschiedenen auszuschließen.

Besonders der Respekt vor homosexuell Liebenden ist im Kontext eines so prominenten kath. Theologen-Memorandums ein echtes Novum. In den meisten röm.-kath. Gemeinden sind Schwule und Lesben längst willkommen wie jeder andere Mensch. Doch der rechtskatholische Klerikerflügel der Hierarchie hält geradezu fanatisch an der Homophobie fest, obwohl gerade dort männerbündlerische Netzwerke und selbstverliebte homophile Stile bis in die oberen Etagen hinein verankert sind. Unerlöste homosexuelle Priester, die sich aus Angst besonders konservativ und gehorsam zeigen, gehören zu den Stützen des traditionalistischen Machtsystems.

Vieles spricht dafür, dass die römisch-katholische Reformblockade (z.B. Ausschluss der Frauen, Zölibat, Priesterbild) ganz zentral auch im Selbsthass homosexueller Verantwortungsträger wurzelt. Die Theologen haben offenbar verstanden, dass dies alles nur durch eine Botschaft der Angstfreiheit und Selbstannahme aufgebrochen werden kann.

Ein Aufruf wider Grabesruhe und Angststarre

Durch selbstherrliche Pastoralplanungen wird die Auflösung von Ortsgemeinden betrieben, die zum Teil auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken können. Viele Gläubige vor Ort betrachten diese "Ermordung" ihrer Gemeinden – zugunsten eines Priester-Sektenmodells – als eine Kirchenverfolgung von oben.

Die traditionalistischen Amtsträger antworten auf solche Proteste mit der arroganten Phrase, die Gläubigen sollten erst einmal wieder mehr Sehnsucht nach der heiligen Priestermesse unter Beweis stellen. Im Memorandum ist dagegen zu lesen: "Das kirchliche Amt muss dem Leben der Gemeinden dienen – nicht umgekehrt."

Zu den weiteren Themen der Erklärung gehören die Bereicherung der Gottesdienste durch kulturelle Vielfalt und eine glaubwürdige Versöhnung der Kirche mit allen, "an denen sie schuldig geworden ist". Implizit geht man nicht nur vom Fehlgehen einzelner Getaufter aus, sondern von einer Sündigkeit der Kirche und ihrer Strukturen. In den Schlusssätzen wird zur Angstfreiheit in der Kirche aufgerufen:

Dem Sturm des letzten Jahres darf keine Ruhe folgen! In der gegenwärtigen Lage könnte das nur Grabesruhe sein. Angst war noch nie ein guter Ratgeber in Zeiten der Krise. […] auf Jesu Wort hin […]: "Warum habt ihr solche Angst?"

Die fromme Revolte vollzieht sich auf vielen Schauplätzen

Die – bislang – 143 Theologinnen und Theologen stehen im viel größeren Gesamtzusammenhang einer frommen Kirchenrevolte, die in diesem Jahr immer mehr Konturen annimmt. Im Erzbistum Köln tut sich ein – von Rom gegen den Willen der Ortskirche eingesetzter – Bischof (und Kardinal) durch infantile theologische Äußerungen und einen besonders rigorosen Herrschaftskurs – mit Opus-Dei-Präferenzen [4] – hervor. Intelligente Ordensfrauen werden dort telefonisch vor einer Teilnahme an zu offenen katholischen Veranstaltungen gewarnt.

Doch auch in diesem Bistum wollen die Schäfchen und Katholikenräte [5] nicht länger stillhalten. Bürgerliche Gemeinden im Köln-Bonner Raum organisieren sich selbst, wenn etwa die offizielle Internetseite zensiert wird – so z.B. die Katholiken am Ennert [6], die Katholiken im Burgviertel [7] und noch eine andere Stimme [8] aus Godesberg.

Gegen Hausgottesdienste mit einem verheirateten Priester kann schließlich auch ein Generalvikar Dr. Dominik Schwaderlapp mit seinen Sündendrohungen [9] nichts ausrichten. Allzu offenkundig verwechseln die Kölner Kirchenfürsten in ihren Drohungen nämlich Christus mit sich selber.

Der Anteil homosexuell orientierter Kleriker ist im Kölner Bistum so hoch wie überall sonst, auch wenn der Kardinal beharrlich das Gegenteil beschwört. Vor wenigen Wochen hat mir gegenüber allerdings ein Priester behauptet, in diesem Bistum könne man gegen schwule Amtsträger nicht allzu repressiv vorgehen, weil sonst die Veröffentlichung einer unangenehmen Liste mit mehr als 100 Namen befürchtet werden müsste. Aufgrund meiner eigenen Kenntnisse erscheint mir das keinesfalls als völlig unwahrscheinlich.

Prominente Christdemokraten machen Bekanntschaft mit der Vatikan-Arroganz

Jüngst haben sich sogar prominente katholische CDU-Politiker für eine Lockerung der – nur imlateinischen Ritus der röm.-kath. Kirche obligaten – Priesterehelosigkeit ausgesprochen [10]. Der Vatikan ließ ihnen durch einen Offenen Brief [11] seines Chefhistorikers Kardinal Walter Brandmüller antworten, der an Arroganz nicht mehr zu überbieten ist: Die Politiker, immerhin getaufte und gefirmte Glieder der Kirche, hätten gar nicht die Befugnis, sich zu solchen Fragen zu Wort zu melden.

Dass Joseph Ratzinger 1970 in seinem Buch "Glaube und Zukunft" die Suche nach neuen Formen der Gemeindeleitung und des Zugangs zum Amt befürwortet hat, ist lange bekannt. Ende Januar ist nun aber an seine Unterschrift unter einen vertraulichen, an die Bischöfe gerichteten Theologenbrief [12] vom 9. Februar 1970 erinnert [13] worden. In dem Brief, der alle heute päpstlich aufgestellten theologischen Behauptungen zum obligaten Zölibat widerlegt, steht u.a.:

Wir sind […] der Überzeugung, daß der deutsche Episkopat bei [Papst] Paul VI. für eine ernsthafte Überprüfung der Zölibatsgesetzgebung […] eintreten sollte. Dazu haben die Bischöfe das Recht und nach unserer Meinung in der heutigen Situation auch eine wirkliche Pflicht.

Österreichische Laien: Ohne Ungehorsam ändert sich nichts

Reformkatholiken haben seit 150 Jahren Erfahrung mit Frustrationen gesammelt. Auch heute meinen viele wie einst der Laie Edmund Bischop (1846-1917): "Rome is irreformable."

Die österreichische Laieninitiative [14] hat bis vor kurzem vor allem Gutachten erstellt, nach denen z.B. eine Bischofsberufung ohne Beteiligung der Getauften theologisch und kirchenrechtlich unhaltbar ist. Im Januar 2011 hat diese Bewegung angesichts der Folgenlosigkeit sogenannter Dialogprozesse eine Kursänderung beschlossen. Man erachtet nun – im Wortlaut – als notwendig:

  1. die Nichtbeachtung von Vorschriften und Anordnungen der Kirchenleitung, soweit deren Befolgung sorgfältig gebildetem christlichen Gewissen widersprechen würde, sowie die Loslösung von einem nicht mehr zeitgemäßen Klerikalismus,
  2. die eigenständige und selbstverantwortliche Übernahme und Besorgung der kirchlichen Dienste, sofern geeignete Priester dafür nicht zur Verfügung stehen, sehr wohl aber qualifizierte und erprobte Laien beiderlei Geschlechts,
  3. die Praktizierung eines offenen ökumenischen Verhaltens wie die Teilnahme an gemeinsamen Abendmahlfeiern mit Angehörigen von im Ökumenischen Rat vertretenen Kirchen.

Aufbruch – aber unter welchem Horizont?

Am Ende bleibt freilich eine wichtige Frage noch offen: Wird sich der reformkatholische Aufbruch auf die bürgerlichen Wünsche nach einer etwas moderneren und liberaleren Kirchenheimat konzentrieren und dabei auf die – oftmals auch reaktionären – nationalkirchlichen Traditionen zurückgreifen?

Oder wird es – im Sinne des aktuellen Memorandums der Theologen – um ein offenes, solidarisches und glaubwürdiges Christentum im 3. Jahrtausend gehen, dessen Horizont nur ein globaler und weltkirchlicher sein kann? Dann freilich wird man sich bei uns im reichen Deutschland auch den hohen – zum Großteil vom Staat finanzierten [15] – Lebensluxus jener anschauen müssen, die sich im Gegensatz zu anderen Menschen noch immer als besondere "Würdenträger" betrachten. Jesus sei ehelos gewesen, sagt Rom. Er war aber auch besitzlos und wanderte mit den Seinen ohne Mitra, Mercedes oder BMW – nur in Sandalen – durch das Land.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3388547

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.sueddeutsche.de/politik/reform-von-innen-theologen-gegen-den-zoelibat-1.1055185
[2] http://www.sueddeutsche.de/politik/memorandum-der-theologen-kirche-ein-notwendiger-aufbruch-1.1055197
[3] http://www.ksta.de/html/artikel/1295542522903.shtml
[4] http://www.ksta.de/html/artikel/1162473073014.shtml
[5] http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=841932
[6] http://www.katholiken-am-ennert.de/
[7] http://katholiken-im-burgviertel.de/
[8] http://www.auch-wir-sind-gemeinde.de/
[9] http://www.solinger-tageblatt.de/Home/Solingen/Kirchenrecht-steht-gegen-Kirchenrecht-92e4901a-784b-4fa2-bb33-d2a61b0aa697-ds
[10] http://www.welt.de/politik/deutschland/article12280837/CDU-Katholiken-wollen-Ehemaenner-als-Priester.html
[11] http://www.kath.net/detail.php?id=29865
[12] http://www.kath.net/detail.php?id=29945
[13] http://sueddeutsche.de/politik/debatte-um-zoelibat-in-der-katholischen-kirche-ratzingers-brandbrief-1.1052132
[14] http://www.laieninitiative.at
[15] https://www.heise.de/tp/features/Wenn-s-ums-Geld-geht-gibt-es-kein-Pardon-3388374.html