Journalismus: Scheuklappenrealismus über Ländergrenzen hinweg

Charles W. Mills. Bild: Institute for Policy Studies/CC BY 2.0

Über die Medienkritik des US-amerikanischen Soziologen Charles Wright Mills

Die großen Medien sind eines der bedeutendsten Machtmittel, das den Eliten zur Verfügung steht. Die Medien verengen den öffentlichen Diskurs, sie sind in der Lage, die Wirklichkeitsvorstellungen von Menschen zu bestimmen und sie bedienen sich selbst einem "Scheuklappenrealismus". Sie sind nicht weit entfernt von einem Propagandisten, der auf die öffentliche Meinung bereits in ihrem Entstehungsstadium einwirkt.

Diese Medienkritik formulierte der große US-amerikanische Soziologe Charles Wright Mills 1956 als er seine Theorie der Machtelite entwarf. Heute, 60 Jahre später, stehen die Medien und ihre Berichterstattung nicht mehr nur im Fokus der Wissenschaft. Eine kritische Öffentlichkeit hat sich formiert, die Medien beobachtet und die Berichterstattung immer wieder hinterfragt. Was passiert, wenn Mills' Blick aus einer längst vergangenen Zeit auf die Medienkritik der Gegenwart trifft?

Den Stimmen aus der Vergangenheit darf man bisweilen eine eigene Kraft zuschreiben: Aus einer fernen Zeit machen sie sich bemerkbar und drängen an unser Ohr. Wie eine Anklage schallen sie plötzlich durch die Gegenwart und verweisen auf die Ignoranz gegenüber den Warnungen, die sie zu ihrer Zeit aussprachen. Die Auseinandersetzung des US-amerikanischen Soziologen Charles Wright Mills mit der Machtelite seines Landes kann als eine einzige große Warnung verstanden werden (Machteliten: Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus) .

Mills erkannte früh die Gefahren, die ein naiver Glaube an den Pluralismus mit sich bringen würde. Er legte die Schwachstellen im demokratischen Gefüge seines Landes frei, wie es kaum ein anderer zu dieser Zeit getan hat. Mills, der in diesem Jahr am 28. August seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, erkannte früh, dass die Eliten in God's Own Country sich von der Gesellschaft abgesetzt und in eigene Zirkel der Macht ausdifferenziert hatten. Er zeigte auf, welche Gefahr das Aushebeln der demokratischen Entscheidungsgewalt für seine Gesellschaft haben würde.

Doch diese Warnungen wurden abgetan. Die Fachwelt war verärgert: "Ich freue mich auf die Zeit, wenn Herr Mills sein Gewand als Prophet ablegt und sich wieder darauf besinnt, ein Soziologe zu sein", sagte etwa der US-amerikanische Historiker Arthur J. Schlesinger, der zweimal den Pulitzer-Preis gewann und Berater von zwei Präsidenten war. Und Adolf Berle, Rechtsgelehrter und hochrangiges Mitglied eben jener Kreise, auf die Mills den Scheinwerfer ansetzte, schrieb über Mills, dass das Buch des Soziologen zwar "eine unangenehme Wahrheit" enthalte, aber er, Mills, mehr einen "wütenden Cartoon" zeichne als ein "seriöses Bild".

Stimmen wie die von Schlesinger jr. und Berle zeigen: Mills war unbequem. Mit dem, was er sagte, eckte er an. Er erkannte, dass beim Formationsprozess der Machteliten aus den Sektoren Politik, Wirtschaft und Militär, auch den "Massenmedien" eine Bedeutung zukommt. In "The Power Elite", also in seinem Werk, mit dem er die Machtelitentheorie begründet, richtet Mills daher auch sein Augenmerk auf die Medien.

Seine Erkenntnisse haben, trotz all der Veränderungen in der Medienwelt, in weiten Teilen auch heute noch Bestand. Er zeigt uns, dass wir es offensichtlich mit zeitübergreifenden Problemen zu tun haben, die seit Jahrzehnten vorhanden sind und die die Medien und ihre Berichterstattung umgeben.

Der geneigte Leser erahnt an dieser Stelle vielleicht bereits: Die heftigen Reaktionen, die sich derzeit vonseiten der Mediennutzer gegen die Presse entladen, gehen nicht auf eine sich spontan gebildete Unzufriedenheit zurück. Die Medienkritik, die spätestens seit der Ukraine-Krise landauf, landab zu hören ist, ist das Ergebnis von Missständen in der Berichterstattung der großen Medien, die kritische Analysten schon vor langer Zeit ausgemacht haben.

Doch warum hat es so lange gedauert, bis Mediennutzer gegen die Berichterstattung, die ihnen alltäglich geliefert wird, rebellieren? Wenn mit der Berichterstattung doch bereits seit vielen Jahren Grundlegendes nicht stimmte, warum erfolgt der Aufstand gerade jetzt?

Mit diesen Fragen sind wir bereits inmitten der Mills'schen Auseinandersetzung mit den Medien. In ihr findet sich auch ein Schlüssel zum Verständnis für die Frage, warum dieser Kampf um die Deutungshoheit zwischen Vertretern der großen Medien und Vertreter alternativer Formate, wie sie im Internet zu finden sind, überhaupt geführt wird.

Das wichtigste Mittel gegen einseitige Informationen in der Berichterstattung, so erklärte Mills, liege in der Vielfalt der Berichterstattung. Wenn ein Medium einseitig berichte, könne sich der Mediennutzer anderen Medien zuwenden, die ihn besser informierten. Der Soziologe betonte, dass Mediennutzer ein Medium gegen ein anderes "ausspielen" müssten, um das, was Medien berichten, miteinander zu vergleichen. Allerdings stellt Mills fest:

Die Möglichkeit, ein Organ gegen das andere auszuspielen, hat zur Voraussetzung, daß die verschiedenen Organe tatsächlich auch Verschiedenes sagen. Es muß ein echter Wettbewerb herrschen. Und gerade das ist nur beschränkt der Fall. Dem oberflächlichen Betrachter scheinen die Informationsorgane in einem recht vielfältigen Wettbewerb zu stehen; aber bei näherer Betrachtung erweist sich, daß es nur um die Konkurrenz verschiedenartiger Variationen geht.

Charles Wright Mills

Da ist sie, jene Aussage, die Mediennutzern seit geraumer Zeit den großen Medien entgegengehalten. Sie führt dazu, dass Chefredakteure aufgeregt reagieren, um in schöner Regelmäßigkeit schnappatmend zu erklären, wie vielfältig die Berichterstattung doch sei. Doch Aussagen über die Homogenität der Berichterstattung gibt es viele - und sie kommen längst nicht nur von einem unzufriedenen Publikum oder einem Wissenschaftler, der vor 60 Jahren über die Medien in seinem Land sprach.

1998 veröffentlichte der französische Soziologe Pierre Bourdieu sein Buch "Über das Fernsehen".

Die Produkte der Journalisten sind noch viel homogener, als man glaubt. Noch hinter den deutlichsten Unterschieden ... stecken tiefgreifende Ähnlichkeiten ... Vergleichen Sie bloß die Titelseiten der Wochenpresse im Vierzehntagerhythmus: Sie finden fast überall dieselben Aufmacher ... Wenn Liberation auf der ersten Seite über ein Ereignis berichtet, muß Le Monde nachziehen; gleichzeitig wird sich diese Zeitung ein wenig absetzen, um Distanz an den Tag zu legen und ihrem Ruf als niveauvolles, seriöses Blatt gerecht zu werden. Aber diese kleinen Unterschiede, auf die Journalisten subjektiv so viel Wert legen, verbergen enorme Ähnlichkeiten.

Pierre Bourdieu

Bourdieu spricht von einer "wechselseitigen Bespiegelung", die bei Medien festzustellen sei, sprich: Medien beobachten sich gegenseitig um zu sehen, was die Konkurrenz an Geschichten, Aufmachern und Nachrichten bringe. Dies führe, so Bourdieu, zu "eine(r) schreckliche(n) Abkapselung, eine geistige Einzäunung" bei den Journalisten.

Selbst der deutsche Außenminister, Frank Walter Steinmeier, kritisiere in einer Rede über die Medien die Uniformität in der Berichterstattung:

Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.

Frank-Walter Steinmeier

Drei Aussagen von drei unterschiedlichen Akteuren aus drei unterschiedlichen Ländern und Zeiten, erkennen das Gleiche. Auch wenn führende Journalisten es nicht wahrhaben wollen: Die Homogenität in der Berichterstattung der großen Medien war und ist eine Realität - das gilt oft genug länderübergreifend. Doch, dass die Mediennutzer gerade zu dieser Zeit auf die Barrikaden gehen, hat seinen Grund.

Mills erkannte, dass die Medien zu seiner Zeit nur einem bestimmten Personenkreis einen Zugang ermöglichte. Das, was Gegenstand einer öffentlichen Debatte sein konnte und was nicht, darüber bestimmten letzten Endes die Medien, die als Wächter darüber entscheiden konnten, wem Zugang in die heiligen Hallen der medialen Öffentlichkeit gestattet wurde. Sie konnten bestimmen, wer was wann wie und wo sagen durfte oder nicht.

Mills ging von "begründeten Annahmen" aus, wonach die Medien nicht "dazu beigetragen haben, die Diskussion der Primär-Öffentlichkeit zu beleben und zu bereichern", sondern vielmehr mithelfen, eine Massengesellschaft entstehen zu lassen. Er sprach von dem recht einseitigen Verhältnis zwischen Sprecher und Empfänger, der sich auch daraus ableitenden "beschränkte(n) Möglichkeit zum Widerspruch" und von einer "gewaltsame(n) Abstumpfung und Stereotypisierung unserer Sinnesorgane durch die Methoden, mit deren Hilfe die Masseninformationsmittel unsere Aufmerksamkeit zu fangen suchen".

Ja, dies sind Aussagen einer Medienkritik der "alten Schule". Die Worte klingen angestaubt und doch verweisen sie ziemlich geradeaus auf das, was Mediennutzer seit langer Zeit kritisiert haben, wogegen aber nie grundsätzlich etwas unternommen werden konnte: Die Kommunikation zwischen den großen Medien und Mediennutzern verlief immer einseitig vom Sender zum Empfänger. Die großen Medien waren die zentralen Informationsorgane, die aus den Ereignissen auf dieser Welt den Nachrichtengehalt und den Berichterstattungswert herausgesaugt haben - oder präziser: das, was sie als Berichterstattungswert deklarierten.

Anders gesagt: Die Angehörigen der Medien hatten ein Monopol auf die "richtige" Gewichtung, Deutung, Interpretation und Kommentierung von Nachrichten. Alternative Medien, die über eine ähnlich große Reichweite verfügten wie sie, gab es schlicht keine. Alternative Formate, die zwar auch existierten, waren oft nur einem kleineren Kreis von Personen zugänglich.

Mills konnte gewiss nicht voraussehen, dass es einmal ein neues Medium geben würde, das in der Lage sein würde, das Meinungsmonopol der großen Medien auf eine Weise aufzubrechen, wie es wohl kaum jemand für möglich gehalten hat, Stichwort: Internet.

Alle Menschen können, wenn die technischen Voraussetzungen und das entsprechende Wissen vorhanden sind, durch das Internet plötzlich zu Sendern werden. Alle Menschen haben theoretisch die Möglichkeit, die Informationen, die sie für wichtig erachten, in dieses Medium einzuspeisen und damit jedem Bürger, der Zugriff auf das Internet hat und damit umgehen kann, ein Meer an Nachrichten, Berichten, Meinungen, Analysen und Thesen zur Verfügung zu stellen.

Auch wenn das Internet zur Zeit Mills' noch weit entfernt war: Mills hätte mit Sicherheit erkannt, dass solch ein neues Medium zu einem ernsthaften Problem für Medien werden sollte, die sich berichterstatterische Vielfalt und Meinungspluralismus auf die Fahnen geschrieben haben, dabei aber oft genug nur einen Journalismus offenbaren, der sich dem Wirklichkeitsverständnis der gesellschaftlichen Eliten bedient. Und das ist die Situation, wie sie sich nun zeigt: Über lange Zeit schlossen die großen Medien nicht nur die Breite der Bevölkerung vom öffentlichen Diskurs aus, nein, ihre Auswahl der Nachrichten, ihre Gewichtung von Ereignissen, ihre Einordnung der gesellschaftlichen und politischen Sachverhalte, genauso wie ihre Analysen und Kommentare kollidierten mit der Wirklichkeit, wie sie Teile der Bevölkerung wahrnahmen. Die Menschen spürten, und manche wussten es wahrscheinlich auch, weil sie sich schon frühzeitig alternativer Quellen bedient haben, dass der Blick auf die Welt, den die großen Medien bieten, in vielerlei Hinsicht sehr beschränkt ist.

Das Internet erlaubte plötzlich eine Perspektivenerweiterung, und viele konnten so erkennen, was sie bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht nur erahnt haben: Der scheinbar so sorgfältig ausgefeilte Journalismus der großen Medien, ist nicht über alle Zweifel erhaben. Er ist - gewiss nicht immer, aber doch oft genug, wenn es um die großen politischen und gesellschaftlichen Themen geht - stärker durch die Brille der eigenen Sozialisation, der eigenen Wirklichkeitsvorstellungen, den eigenen politischen Ansichten verzerrt, als es sein dürfte. Und ja: Auch handfeste Herrschaftsinteressen spiegeln sich darin wider.

Die Mediennutzer machen nun, heute im 21. Jahrhundert, gerade das, was Mills gesagt hatte, was so wichtig ist, wenn es um die Aufnahme von Nachrichten geht: Das eine Medium gegen das andere ausspielen. Mediennutzer sehen abends in der Tagesschau, wie sich beim Trauermarsch in Sachen Charlie Hebdo die politische Elite gemeinsam mit dem "normalen Volk" versammelt, um zusammen mit ihm zu marschieren.

Sie sehen, sie erkennen dieses Bild mit einer stark aufgeladenen Symbolwirkung, das eindeutig zeigt: Volk und politische Elite sind nicht getrennt. Sie sind vereint im Kampf gegen den Terror. Und nachdem diese medial erzeugten Konstruktion von Wirklichkeit aufgenommen wurde, bewegen sich die Mediennutzer durch das Internet und ihnen wird klar, dass die Bilder, die die seriösen Medien gezeigt haben, die Wirklichkeit verzerrt dargestellt haben.

Doch wer die Rebellion gegen die großen Medien alleine an deren fragwürdiger politischer Berichterstattung festmacht, greift zu kurz. Es geht nicht alleine darum, dass Fehler (die jedem passieren können) gemacht, Inhalte verzerrt dargestellt oder fragwürdige Gewichtungen und Interpretationen von Nachrichten vorgenommen werden.

Bei der Debatte um die Medien muss nicht lange gesucht werden, um auf Begriffe wie "Systemmedien" oder "Herrschaftsmedien" zu stoßen, Journalisten werden gar als "Systemherolde" bezeichnet.

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