Journalismus für die Mächtigen

Medienmeute? Bild: jackmac34/Pixabay.com

Eine Medienpolemik zur Auseinandersetzung mit Kevin Kühnerts Zeit-Interview

Der mediale Mainstream hat sich auf das Stichwort von der BMW-Kollektivierung in Kevin Kühnerts Interview mit der ZEIT gestürzt (Eigentum an Haus und Grund ist kapitalistische Ideologie). Die Skandalisierung trug erwartbare Früchtchen: Kevin-Witzchen und Studienabbrecher-Vorwürfe - auf Social-Media oder im Telepolis-Forum stellen viele Mitbürger ihre Halsstarrigkeit zur Schau.

Das wäre kein weiteres Wort wert, griffen die Medien nicht begierig jede Art von Denkverweigerung auf, um tagelang mit minimalem Aufwand Erregung zu simulieren. Und weil das leider keine Ausnahme ist, sondern eine Skandalisierung die nächste jagt, muss man sich fragen, ob sich der Journalismus selbst abschaffen will. Eine Medienpolemik.

Problem Nacherzählung

Jede mediale Inszenierung eines Skandals beginnt mit Nacherzählungen. Sie sind notwendig, wenn man am Skandalgewinn beteiligt sein möchte. Informationswert hat das Ganze nicht: Die ZEIT verkauft etwa eine halbe Millionen Exemplare von jeder Ausgabe. Das ist genügend, um interessante Gespräche zu starten. Wie schön, wenn man mit Arbeitskollegen oder Nachbarn mal etwas Neues austauschen kann. Und wenn sich aus kleinen gesellschaftlichen Gesprächen tatsächlich irgendetwas Relevantes ergibt, dann werden es die Medien schon mitbekommen und können davon berichten.

Zu allem Überfluss stand das Interview mit Kevin Kühnert aber auch online, frei zugänglich. Das sollte in unserer vernetzten Welt nun wirklich genügen. Aber dann wäre natürlich kein Skandal entstanden, und Spiegel, Welt, Süddeutsche, Handelsblatt, Tagesschau und all die anderen hätten an irgendwelchen eigenen Geschichten basteln müssen. Daher das Genre Nacherzählung: Mach einen Beitrag, indem du schon möglichst skandalträchtig und daher keinesfalls richtig zusammenfasst, was jeder Interessierte mit einem Linkklick korrekt lesen könnte. Es ist nichts anderes als der Klatsch und Tratsch des Volkes, der dort allerdings nicht gewerblich, sondern rein als Teil sozialer Interaktion produziert wird. Längst haben dieses Feld nicht nur die Boulevardmedien professionalisiert. Das Unglück nimmt seinen Lauf.

Self-Fulfilling-Prophecy - der Skandal MUSS kommen

Die Meldung, jemand habe irgendwo irgendwas gesagt, ist zugleich das Versprechen auf einen Skandal. Weil das Gesagte aber regelmäßig völlig banal ist - ob sich nun Gauland über Boateng äußert, Kramp-Karrenbauer über Toiletten oder eben der Vorsitzende der Jungsozialisten über Sozialismus - muss die Aufregung über das Gesagte selbst zum Thema werden. Weil diesen Mechanismus jeder Selbstdarsteller kennt, läuft spätestens ab der ersten dpa-Meldung die Echauffierungs-Maschinerie.

Einzelne Personen wie PR-Funktionäre von Lobbygruppen liefern hier absolut zuverlässig, zumal sie heute noch nicht einmal mehr eine Pressemitteilung verfassen (in der sie sich umständlich selbst zitieren) und diese durchs Faxgerät jagen müssen - heute genügt ein gutturaler Laut auf Twitter. Journalisten lieben es der Welt zu erzählen, was sie gerade auf Twitter gelesen haben und damit den großen Teil der Menschheit zu behelligen, der absichtlich nicht liest, mit welchen Weisheiten und Kampfslogans dort gerade um Gefolgschaft gebuhlt wird.

In diesem Schritt wird vollständig aufgegeben, was der ehemalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher laut Armin Wolf so treffend als Job der Presse beschrieben hat: "Journalismus ist die Unterscheidung von wichtig und unwichtig, wahr und unwahr, Sinn und Unsinn." Doch statt Orientierung gibt es eben Skandalisierung.

Alte Schulhofregel: "Alle auf einen"

Die Skandalisierung lebt vom Schwarz-Weiß-Zeichnen, dem Dualismus zwischen Gut und Böse, weise und bekloppt. Aus einem Interview oder einer Rede wird daher immer nur ein Halbsatz herausgegriffen.

Kühnerts Kritik an der Profitgier von Vermietern etwa hätte nie zum Skandal getaugt. Wie bei den Schulhofschlägereien erprobt, gilt die Strategie: Alle auf einen. Damit muss man gewinnen und damit steht man zwangsläufig auch als jubelnder Zuschauer auf der Gewinnerseite. Hier also: Keineswegs die Jusos insgesamt angreifen, sondern nur ihren Vorsitzenden. Und damit auch wirklich alle mitprügeln, muss der Feind besonders bedrohlich gemacht werden. "Kollektivierung" klingt nach harmloser Solarenergie, aber "Sozialismus à la DDR", "Trabi" und "Planwirtschaft" sind Testosteron.

"Hören, was man hören will"

Vorsätzliche Falschberichterstattung ausgenommen, dürften die meisten Problem im Journalismus in Recherchemangel gründen. Recherchieren heißt: Fragen stellen, Antworten dazu suchen. Das verlangt nur selten ausgeklügelten Techniken oder Zugänge zu Geheiminformationen - es verlangt einfach nur, Fragen stellen und Antworten suchen zu können. Nicht wenige Journalisten scheitern am ersten Schritt - ob aus Bequemlichkeit oder Begrenztheit muss offen bleiben.

Im "Fall Kühnert" beginnt dieses Problem bereits beim Ausgangs-Interview der "Zeit". Da, wo es spannend wird, fragen die Journalisten nicht nach, weil ihnen gar nicht auffällt, dass es hier viele spannende Fragen gibt. Und auch den Nacherzählern und Weiterdrehern anderer Medien stellten sich offensichtlich keine Fragen - die Stichworte "Sozialismus" und "Kollektivierung" genügen, um die eigenen Vorstellungen davon abzurufen und zu verbreiten.

"Leser, Hörer und Zuschauer ignorieren"

Auch Journalisten lieben die Klassengesellschaft. Sie spielen gerne möglichst weit oben mit. Natürlich ist das wie überall nur einem kleinen Teil vergönnt (wir kleinen Freien gehören da ganz sicher nicht hin), aber dieser kleine Teil gibt den Ton an. Den "Fall Kühnert" kommentieren Chefredakteure, Ressortleiter, Berliner Alpha-Journalisten - oder solche, die noch daran arbeiten, auch mal bei den Mächtigen auf dem Schoß sitzen zu dürfen. Ihr gemeinsames Problem: sie leben in einer anderen Welt als die meisten derjenigen, für die sie angeblich Journalismus machen. Das Phänomen nennt sich mal "Raumschiff Berlin", mal "Dunstglocke Reichstag", mal "Eppendorf-Syndrom".

Praktisch jeder, der von Journalisten zum "Fall Kühnert" zitiert wird, lebt zumindest zeitweise in diesem merkwürdigen Berliner Biotop der Reichen und Mächtigen. Normale Bürger? Kommen nicht vor. Irrelevant. Eben Leser, Hörer, Zuschauer - aber keine Akteure. Selbst nicht, wenn es gerade mal um Sozialismus geht.

Ganz ungeniert wenden sich Journalisten in ihren Publikationen an diese Macht-Eliten. Sie gerieren sich als Unternehmensberater der Parteien (tagesschau.de: "Die SPD hat ein Führungsproblem [...] wer zum Teufel ist eigentlich Kevin Kühnert?"; sueddeutsche.de: "Kühnert schrumpft sich mit seinen Äußerungen selbst auf die Rolle des Juso-Chefs zurück") oder schreiben gleich einen "Brandbrief", damit der Politikbetrieb wieder nach ihren Vorstellungen läuft (bild.de: "Gleichermaßen abschlägig möchte ich Ihre Überlegungen zur Verstaatlichung von BMW und anderen Wirtschaftseinheiten bescheiden").

Immer die fragen, deren Antwort man schon kennt"

"News is what's different", hieß es im letzten Jahrhundert noch an Journalistenschulen und Journalistik-Instituten. Es galt die "Mann-beißt-Hund"-Regel, wonach nur das Ungewöhnliche, das Irreguläre eine Nachricht wert sei. Allerdings sind Hunde beißende Männer journalistisch anstrengend, sie verlangen einem viele Fragen ab, will man ihr Tun adäquat beschreiben. Einfacher ist es natürlich, wenn der blöde Hund beißt und Journalisten landauf landab recherchefrei ihre Weltsicht abspulen können (Maulkorbpflicht!, Hundeführerschein!, und der Kot!, Steuer rauf!, verbieten, verbieten, verbieten!).

Wen also fragt man zum Schlagwort "Sozialismus", um mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jeden Erkenntnisgewinn und damit jeden Anflug von Verunsicherung gleich Frage gleich Recherche gleich Arbeit auszuschließen? Bonzen natürlich, Ober-Kapitalisten oder wenigstens ihre Lakaien. Und schon steht die Schlagzeile: "Deutsche Wirtschaft ist entsetzt über Kühnert-Aussagen".

Ein "Gesamtbetriebsratschef" ist natürlich nicht repräsentativ für die Arbeitnehmerschaft und als Mitglied des Aufsichtsrates ein ebenso origineller Gesprächspartner zum Sozialismus wie Jäger zur Abschaffung der Jagd.

Nicht anders ist es mit dem gesamten politischen Personal: Dass Wettbewerber Kühnerts Idee doof finden, soll eine Nachricht sein? Dass ein ehemaliger Bundeswirtschaftsminister (Jahreseinkommen 260.000 Euro), der den demokratischen Sozialismus nicht spürbar vorangetrieben hat, "schwere Anschuldigungen gegen Juso-Chef Kevin Kühnert" erhebt und dessen "Sozialismusthesen" "scharf zurückgewiesen" hat, soll eine Meldung wert sein?

Oder geht es nicht langsam doch um Volkserziehung und die stete Dosis Opium? "Wir, Politik und Medien, haben alles im Griff, selbst sozialistische Umstürze schlagen wir im Nu nieder."

Gefühle statt Fakten

Bekanntlich kann nichts so schnell eine Geschichte kaputt machen wie Recherche. Fakten sind die größte Gefahr jeder schönen Skandalstory, daher darf nach ihnen unter keinen Umständen gefragt werden. Unangreifbar hingegen sind Gefühle, die es ja längst zur "gefühlten Wahrheit" gebracht haben.

Lehrbuchmäßig ist etwa ein Kommentar von Peter Stefan Herbst, Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, im Deutschlandfunk (bitte lesen): a) Wiederholung markiger Sprüche: "Was raucht der eigentlich?"
b) Das Medienopfer für seine Rolle verantwortlich machen: "Kevin Kühnert hat in einem Interview mit der Wochenzeitung 'Die Zeit' unzählige Fragen provoziert." (Wenn dem so ist, haben die Zeit-Journalisten einfach einen schlechten Job gemacht, schließlich hätten sie alle provozierten Fragen stellen können und müssen.)
c) Die einzigen, leider vorhandenen Fakten ignorieren oder umdeuten: "Die Schreckgespenster der Verstaatlichung und Enteignung ziehen am Horizont auf." (Dabei hatte Kühnert explizit bejaht, dass er keine Verstaatlichung wolle.)
d) Statt neuer Fakten eigene Gedanken, Wahrnehmungen, Interpretationen: "Die Utopien von Kühnert riechen nach sozialistischer Mottenkiste - und das 30 Jahre nach dem Fall der Mauer." (Tatsächlich riechen die "Utopien" nur nach der Kiste, in die der Kommentator sie gesteckt hat, anstatt sie in der Hand des Urhebers zu beriechen.)
e) Meinungen als Tatsachen verkaufen: "'Für Arbeiter in deutschen Unternehmen ist diese SPD nicht mehr wählbar', dieser Satz des Betriebsratsvorsitzenden von BMW ist der größte anzunehmende Betriebsunfall der SPD." (Was hat ein Interview des Juso-Vorsitzenden, der momentan nirgends zur Wahl steht, mit der Europa-Wahl der SPD zu tun? Und welche totalitäre Idee muss man verfolgen, wenn ein solcher "Betriebsunfall" künftig sicher vermeidbar sein soll?)
f) Sich gemein machen mit den Mächtigen, Politik immer aus Sicht der Politiker beschreiben, nie aus Sicht der Wähler: "Kühnert aber hat zum völlig falschen Zeitpunkt völlig unnötig überdreht und die Chancen der SPD bei den anstehenden Wahlen weiter gefährdet." (Sind öffentliche Debatten dazu da, die Wahlchancen einer bestimmten Partei zu erhöhen? Oder sollen sie vielleicht dazu dienen, Positionen herauszuarbeiten, zu denen sich dann Parteien verhalten können?)
g) Sei dir auf keinen Fall zu blöde für ein ad-hominem-Argument: "Kevin ist mit seinen Überzeugungen nicht allein zu Haus." (Bei diesem Wortspiel wäre der Begriff "Mottenkiste" vielleicht tatsächlich angebracht, so rein empirisch...)

Fazit

Ein großer Teil der Medien hat sein übliches Geschäftsmodell verfolgt: Skandalisierung, Sau durchs Dorf jagen, zur Strecke gebracht ausweiden, dann weiterziehen. Schlauer ist man hernach niemals.

Natürlich gibt es immer Ausnahmen, natürlich ist die Medienlandschaft nicht ganz so eintönig, wie hier polemisch überzeichnet. Spiegel-Online bspw. hatte schon am Morgen des 2. Mai süffisant angemerkt, "der Chef der 'Jungsozialisten in der SPD'" habe gewagt zu sagen, "was seit jeher Bestandteil der Juso-Programmatik ist - dass er den Kapitalismus überwinden möchte".

Es gab ein paar wohlwollende Anmerkungen zu offenen Debatten, gelegentlich wurde auch Zustimmung zu Kühnerts Positionen oder schlichte Unaufgeregtheit vermeldet - doch das dominierende Narrativ war, dass ein Milchbubi mit abgebrochenem Studium, der also noch nie in seinem Leben etwas geleistet hat, aus Bosheit oder Dummheit der alten Tante SPD geschadet habe, obwohl doch nun wirklich jeder weiß, was für einen Blödsinn er da von sich gegeben habe.

Was hätten all die Nacherzähler und Kommentatoren wohl gemacht, wenn sie über den von ihnen sogleich enttarnten Blödsinn den gütigen Mantel des Schweigens gelegt hätten und ein Zeit-Interview einfach ein Zeit-Interview geblieben wäre?

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