Journalismus im Krankenstand

Der Corona-Krise nicht gewachsen: Die viel beschworene Funktion fürs demokratische Gemeinwesen kann Journalismus nur haben, wenn er anbietet, was zur Meinungsbildung notwendig ist

Dass der Journalismus der "Corona-Krise" nicht gewachsen sein wird, offenbarte sich spätestens mit der Heimholung Deutscher aus Wuhan am 1. Februar.

Die Tatsache, dass 128 körperlich gesunde Menschen mit einem Bundeswehrflugzeug nach Deutschland gebracht, zigfach untersucht und dann für zwei Wochen in einer Kaserne unter Quarantäne gestellt wurden, beobachteten die deutschen Medien wie die erste Mondlandung - und weil die Hauptdarsteller am Ende der langweiligen Prozedur nicht mit den Medien sprechen wollten, mussten Rotkreuzler berichten, welch große Herausforderung die zwei Wochen für alle waren.

Die Medien bemühten sich zwar redlich, jeden freigelassenen Nicht-Virenträger für die Heldengalerie festzuhalten, vergaßen darüber allerdings ganz, ein paar kritische Fragen zu stellen. Dabei lag doch auf der gewaschenen Hand: Einen solchen Aufwand kann man für eine einmalige PR-Show veranstalten, aber nicht für alle Menschen, die künftig das Coronavirus SARS-CoV-2 in sich tragen könnten.

Inzwischen haben Politik und Behörden die größten Grundrechtseinschränkungen in der Geschichte der Bundesrepublik verhängt, ohne dass die führenden Medien irgendeine Orientierungsleistung erbracht hätten. Man möchte spotten, sie hätten ihr kritisches Potential bereits an einem unverstandenen Toilettenwitz entladen, doch tatsächlich scheint das Problem grundsätzlicher zu sein, wie schon viele Diskussionen um "Haltung im Journalismus" vermuten ließen.

Die viel beschworene Funktion fürs demokratische Gemeinwesen kann Journalismus nur haben, wenn er anbietet, was zur Meinungsbildung notwendig ist. Das sind natürlich zuallererst die sogenannten Fakten, also Aussagen, die zumindest intersubjektiv überprüfbar sind.

Eine freie Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt

Die meisten Fakten sind an sich jedoch noch wertlos - wie derzeit die vielen Zahlen zu Corona-Fällen. Sie müssen entweder mit anderen Fakten verbunden oder interpretiert werden, wobei jede Interpretation eine Meinung ist. Und eine Meinung ist nur dann hilfreich, wenn ihr andere Meinungen entgegenstehen, andernfalls geriert sich die unwidersprochene Meinung wahlweise als Fakt oder Glaube.

Das gesamte Medienrecht, ausgehend von der grundgesetzlichen Pressefreiheit, fußt auf dieser Annahme: Eine freie Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt, sie ist für die Demokratie geradezu konstitutiv (vgl. z.B. 3. Rundfunkentscheidung des BVerfG).

Während viele den täglichen NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update" mit Christian Drosten feiern, ist eher zu diskutieren, wo die Grenze zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit verläuft, wenn zu einem so wichtigen Thema in einem festen Format jeden Tag ausschließlich derselbe Experte seine Sichtweisen äußern darf und diese auch von anderen Medien der Offenbarung gleich weiterverbreitet werden.

Von daher ist auch weniger zu fragen, wie einige Journalisten kürzlich noch staatliches Handeln kritisch hinterfragen konnten, sondern wo diese und andere Fragen geblieben sind, als sich in Deutschland die repressiven Ereignisse überschlugen. Es ist Aufgabe des Journalismus, nach anderen Ansichten zu suchen, gerade auch, wenn sie mal nicht auf dem Silbertablett von in Berlin ansässigen Lobbyisten angereicht werden.

Doch stattdessen werden die wenigen - meist über alternative Kanäle verbreiteten und natürlich oft dubiosen - Interpretationsalternativen in sog. Faktenchecks ausgesondert, anstatt sie zum Anlass zu nehmen, die Dinge einmal von einer anderen Seite aus zu betrachten und zur Kenntnis zu nehmen, dass noch nicht das ganze Volk die neue Staatsräson bejubelt.

Wie notwendig es ist, gerade auch in Krisenzeiten journalistisch misstrauisch gegenüber allen Autoritäten zu sein, hat Andrej Reisin auf Übermedien an einem kleinen, aber bezeichnenden Beispiel dargelegt: Während das Bundesministerium für Gesundheit per Werbeanzeigen in Social Media die Meinung verbreitete, "die Bundesregierung würde bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigen" sei "Fake News", und man solle helfen die "Verbreitung zu stoppen", plante die Regierung genau solche drastischen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Selbst der ARD-Faktenfinder hatte die Politik-PR nicht als Behauptung, sondern als Fakt gesehen.

Nicht einmal mehr in Comedy und Kabarett...

Die anderen Sichtweisen gibt es inzwischen nicht einmal mehr in Comedy und Kabarett. Der Reihe nach entschuldigen sich die Unterhaltungskünstler, die Corona-Sache noch vor Tagen oder Wochen nicht ernst genug genommen und ihre Späße darüber gemacht zu haben (so etwa "Zärtliche Cousinen", "Bratwurst und Baklava" oder "Gefühlte Fakten").

Zum Höhepunkt der Obrigkeitshörigkeit darf man den Beitrag von Torsten Sträter bei "Nuhr im Ersten" zählen, der in Märchenform erklärt, warum die Herrschenden ihre Untertanen angesichts von Hamsterkäufen "Armleuchter", "Vollidioten", "Hohlbirnen" und "Pimmel" nennen sollten, um nicht Gewalt anwenden zu müssen.

Sehr freimütig soll der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Aussetzung der Demokratie verkündet haben mit den Worten, jetzt regiere die Medizin. Was seriös klingt, weil sich die Generalisten der Politik nach Fachleuten richten wollen, ist tatsächlich jedoch noch einschneidender als das inzwischen verhängte "Kontaktverbot". Denn in einer Demokratie dürfen niemals die Fachleute entscheiden, weil sie nicht anstelle der Gesellschaft Ziele bestimmen können.

Wenn wir Brandschutzexperten der Feuerwehr regieren lassen, wird es natürlich keine Kerze, keinen Grill, keinen Herd im Privathaushalt mehr geben - alles brandgefährlich. Wenn die Unfallverhüter regieren, fährt kein Auto mehr und niemand darf mehr eine Leiter besteigen. Das ist alles richtig - aber die Gesellschaft will es nicht.

Die Aufgabe

Fachleute sollen wie andere Lobbyisten für ihre Positionen werben. Für ihren Wunsch nach möglichst langem Leben, für Wirtschaftswachstum, für Selbstbestimmung, für was auch immer. Diese sehr verschiedenen Sichtweisen verhandelbar zu machen ist die Aufgabe des Journalismus.

Im Falle von Corona hat er sich dieser Aufgabe bisher fast komplett verweigert. Medienethiker Christian Schicha von der Universität Erlangen-Nürnberg hält es im Fall der Corona-Berichterstattung sogar für begrüßenswert, wenn "Medien und Staat [...] ein wenig Hand in Hand gehen" (Gespräch im Deutschlandfunk). Radiosender bringen Durchhalteparolen, torpedieren die Hörer mit Verhaltensanweisungen und ersetzen die verbotenen Gottesdienste durch eine europaweite "You'll never walk alone"-Andacht.

Dabei gab und gibt es tausendundeine Frage. Weil sie nicht gestellt und beantwortet werden, haben sich viele Menschen anhand der einförmigen Berichterstattung eine eigene, simple Generalantwort zurechtgelegt: Es wird schon alles richtig sein, wenn doch alle Länder gleich handeln. (Timo Rieg)