Journalistische Nebelkerzen über Erneuerbare Energien

Summe alle Treibhausgasemissionen in CO2 -Äquivalenten. Den größten Posten machen die CO2 -Emissionen der Energiewirtschaft und der industriellen Prozesse aus. CO2 -FOLU steht für Emissionen aus Entwaldung und anderen Formen der Landnutzung. Rechts sind die einzelnen Komponenten für 2010 mit den Fehlerbalken abgebildet, die die Unsicherheiten bei der Bestimmung der Emissionen wiedergeben. Bild: IPCC

Die Energie- und Klimawochenschau: Die Treibhausgasemissionen steigen schneller denn je, die "Welt" unterhält ihre Leser mit aufgewärmten Grusel-Stories und Japan streitet sich über seine AKW

Wir haben am Montag bereits geschrieben, dass die Zeit für den Klimaschutz knapp wird. Der Weltklimarat IPCC hat in seinem jüngsten Bericht dargelegt, dass die Beschränkung des Klimawandels auf ein erträgliches Maß umso teurer werden wird, je länger mit dem Umbau der Energiewirtschaft und anderen Maßnahmen gewartet wird.

Die Dringlichkeit wird auch deutlich, wenn man sich die Entwicklung der Emissionen anschaut. Etwa die Hälfte der seit Beginn der Industrialisierung um 1750 aus menschlichen Aktivitäten (Verbrennung fossiler Energieträger, Entwaldung und industrielle Prozesse) stammenden CO2 -Emissionen wurden in den letzten 40 Jahren in die Luft geblasen, wo etwas weniger als 50 Prozent langfristig, das heißt für etliche Jahrhunderte angereichert werden.

Und der Anstieg des Treibhausgasausstoßes hat sich seit Beginn des neuen Jahrtausends weiter beschleunigt. 2010 betrug der jährliche Ausstoß an Treibhausgasen 49 Milliarden Tonnen CO2 -Äquivalente (Methan und andere Gas werden ihrer Klimawirksamkeit entsprechend in CO2 umgerechnet). Damit hatten die jährlichen Emissionen in nur einem Jahrzehnt um zehn Milliarden Tonnen CO2 -Äquivalente zugenommen.

Die IPCC-Arbeitsgruppe III empfiehlt, um den wachsenden Emissionen entgegenzusteuern, wie am Montag berichtet, vor allem zweierlei: Zum einen effizienteren Einsatz von Energie, was in Deutschland erreicht werden könnte, wenn zum Beispiel industrielle Großverbraucher nicht länger belohnt, sondern zum Stromsparen angehalten, und wenn die Wohnungsbaugesellschaften und Immobilienfonds gezwungen würden, ihren Altbestand energetisch zu sanieren.

Zum anderen wird der rasche Ausbau der erneuerbaren Energieträger gefordert, doch auch da bläst in Deutschland der Wind eher aus einer anderen Richtung. Ein lehrreiches Beispiel für die hierzulande inzwischen in vielen Medien üblich Stimmungsmache gegen die klimafreundlichen Umbau der Stromversorgung, der die Wirtschaft zu gleich weniger krisenanfällig machen würde, lieferte am Montag "Die Welt". "'Flatterstrom' gefährdet Stabilität der Netze" titelte sie, wobei mit dieser Überschrift schon mal das erste Gebot der Propagandaschule erfüllt war: Belege, was du bekämpfen willst, mit eingängigen negativen Attributen.

Die Ökostromversorgung kranke an Planbarkeit und Sicherheit erfährt der "Welt"-Leser. Schuld ist mal unerwarteter Hochnebel, mal durchziehende Wolkenbänder: "Tatsächlich tun sich die Netzbetreiber immer schwerer, mit dem wetterbedingten Auf und Ab der Wind- und Solarstrom-Einspeisung klar zukommen. Schon wenn ein Wolkenband über Deutschland zieht, kann die Solarstrom-Produktion um drei, vier Gigawatt einbrechen." Wolkenbänder von derartigen Ausmaßen sind übrigens Stunden vorher auf Satellitenbildern zu sehen. Wenn große Teile Deutschlands bewölkt sind, geht die Solarleistung sogar noch weiter zurück. Nur ist auch das vorhersehbar. Für beides gibt es den Deutschen Wetterdienst in Offenbach, von dem die Netzbetreiber jederzeit die nötigen Informationen beziehen können.

Doch mit derlei schnöden Details lässt sich offensichtlich nicht das richtige Grusel-Feeling erzeugen. Dann schon eher so: "Mit Grausen erinnert man sich etwa beim Netzbetreiber 50 Hertz an den 3. April vergangenen Jahres. An diesem Tag hatte sich der Netzbetreiber, dessen Einzugsgebiet Hamburg und die östlichen Bundesländer umfasst, gemäß Wetterbericht auf viel Solarstrom eingestellt. Doch als die Sonne aufging, lag unangemeldet Hochnebel über den hektargroßen deutschen Solarparks. Auf einen Schlag fehlte eine Leistung von 8,8 Gigawatt, es war, als wären acht Atomkraftwerke zugleich ausgefallen."

Was ist an diesen Sätzen alles falsch?

1. Auf dem Gebiet des Netzbetreibers 50Hertz gab es nach den Informationen von dessen Internetauftritt Ende 2013 Fotovoltaikanlagen mit einer Leistung von 7,4 und nicht, wie unterstellt, mindestens 8,8 Gigawatt (GW). Und da nicht alle gleichmäßig nach Süden, sondern sinnvoller Weise die einen mehr nach Osten, die anderen mehr nach Westen ausgerichtet sind, ist die maximal einspeisbare Leistung mit 5,346 GW noch etwas geringer.

2. Der "Welt"-Artikel suggeriert, es hätten "auf einen Schlag" bei Sonnenaufgang 8,8 GW Leistung gefehlt, die aufgrund des Wetterberichts eingeplant gewesen seien. Das wäre aber eine ziemlich schlechte Planung gewesen, denn der Solarstrom ist bei Sonnenaufgang keineswegs auf volle Leistung, sondern wächst stetig an. Das Maximum wird bundesweit je nach Wetterlage meist in den ersten Stunden nach Mittag erreicht, im April also rund sechs Stunden nach Sonnenaufgang.

3. So dramatisch kann der wetterbedingte Ausfall also gar nicht gewesen sein, selbst wenn die Netzbetreiber sich nicht vernünftig beim Wetterdienst informiert haben sollten. Gaskraftwerke können in etwa zehn bis 15 Minuten hochfahren, um auch kurzfristig einzuspringen. Braunkohlekraftwerke sind allerdings weniger gut geeignet: Sie benötigen viele Stunden, bis sie auf volle Leistung hoch geregelt sind. Der Netzbetreiber 50Hertz gibt für sein Regelgebiet die größten je erlebten Stundensprünge bei der eingespeisten Fotovoltaikleistung mit +2,119 GW und -1,432 GW an.

4. Weitflächiger Hochnebel ist hierzulande nichts Besonderes. Meteorologen hätten dem Netzbetreiber ohne weiteres sagen können, dass er sich eventuell auf eine solche Wetterlage einstellen muss. Dafür müssen Prognosedaten natürlich mehrmals täglich abgefragt werden. Der Autor der "Welt" ist offensichtlich nicht auf die Idee gekommen, beim Netzbetreiber nachzuhaken, ob das vielleicht versäumt wurde.

Diese journalistische Nebelkerze "Welt"-Beitrag ist umso ärgerlicher, als dieser ansonsten auf einen tatsächlich vorhandenen Missstand der aktuellen Politik der großen Koalition hinweist: Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, deren Entwurf letzte Woche vom Bundeskabinett verabschiedet und ans Parlament übermittelt wurde, wird insbesondere der Ausbau von Biogasanlagen drastisch eingeschränkt. Neubau soll nur noch bis zu 100 Megawatt pro Jahr zugelassen werden. Erweiterungsbauten werden allerdings von dieser Obergrenze ausgenommen.

Biogas wäre aber in mancherlei Hinsicht eine sehr sinnvolle Ergänzung zu den schwankenden Einspeisungen von Windrädern und Solaranlagen. Statt ihren Ausbau zu hemmen, sollte der Einsatz von Wildblumen und vor allem verschiedene Formen des bedarfsgerechten Einsatzes gefördert werden, damit Biogas für die anderen neuen Energieträger sozusagen ein wenig den Lückenbüßer machen kann.

Japans stramm rechte Regierung hat eine neue Energiepolitik verkündet, die hierzulande für Schlagzeilen wie "Japan reaktiviert seine Atomkraftwerke (n-tv) oder "Trotz Fukushima: Japan beschließt Rückkehr zur Atomkraft" (Deutsche Wirtschaftsnachrichten) sorgte. In der bereits oben erwähnten Springer-Postille "Die Welt" sorgt in diesem Zusammenhang ein Autor für unfreiwillige Komik, der sich sonst eher damit beschäftigt, die Öffentlichkeit mit allerlei kruden Geschichten über die Klimawissenschaft in die irre zu führen. "Auf Abenteuer will man sich nicht einlassen", kommentiert er zustimmend den Beschluss der Regierung Shinzo Abes.

Allerdings handelt es sich bei diesem zunächst mehr um eine bloße Absichtserklärung sowie eine gehörige Portion Propaganda denn um einen Plan richtigen Plan. Wie die japanische Zeitung "Mainichi" auf ihrer englischsprachigen Internetplattform berichtet, hat das Tokioter Kabinett zwar einen "Basic Energy Plan" verabschiedet, der jedoch auch nach wochenlangen Diskussionen keinerlei konkrete Vorgaben für die verschiedenen Energieformen beinhaltet.

Die Vorbehalte der Öffentlichkeit gegen die Atomkraft seien nach wie vor hoch. In Japan ist der Einfluss regionaler und lokaler Behörden in Fragen des AKW-Betriebs im Vergleich zu Deutschland sehr stark und diese verweigern sich einer Inbetriebnahme meist, weil sie nicht gegen die Stimmung in den betroffenen Bevölkerungen handeln können oder wollen.

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