Judenmissionarische Gruppen und die evangelische Kirche

Christliche Endzeit und Juden - Teil 5

Der Konflikt zwischen judenmissionarischen Gruppen und der evangelischen Kirche ist ein Beispiel dafür, wie theologische Nebenwege politischen Zündstoff bergen können.

Teil 4: Die Rolle der Juden in der christlichen Heilsgeschichte

Die christlich-heilsgeschichtliche Interpretation der Bibel ordnet das Judentum notwendigerweise dem Christentum unter. Nett gesagt, wäre das Judentum die Wurzel oder Grundlage des Christentums. Etwas böser gesagt, würde das Christentum das Judentum vollenden oder auch ablösen. Die Grundfrage in der Einstellung von Christen gegenüber Juden ist, wie schon geschrieben, Jesus Christus: Ist er der Sohn Gottes, der im Alten Testament verheißene Messias - und infolgedessen: Ist der Glaube an Jesus Christus als Gottes Sohn notwendig zum Heil, also zur Erlösung zum ewigen Leben nach dem Tod?

Die Auseinandersetzung um das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum hat eine lange Geschichte. Sie liegt im Christentum selbst begründet, weil Jesus Jude war - und die ersten Christen auch.

Schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus haben sich Juden ebenso wie "Heiden" dem christlichen Glauben zugewandt. Unter Judenchristen1 versteht man historisch meist Juden, die sich zu Christus bekannten und an der jüdischen Struktur von Theologie und Lebenshaltung festhielten.

Die erste historisch nachweisbare christliche Gemeinde war die so genannte "Urgemeinde" von Jerusalem, die aus "Judenchristen" bestand. Diese - und auch andere frühchristliche Gemeinden - waren sehr unterschiedlich. Umstritten war zum Beispiel, ob die jüdischen Gesetze weiterhin zu gelten hätten, also ob etwa die Söhne zu beschneiden wären.

Man kann (aus christlicher Perspektive) das Judenchristentum als "Bindeglied zwischen Synagoge und Kirche" betrachten: Es steht einerseits für die Verwirklichung der Versprechen Gottes aus dem Alten Testament in Christus, und andererseits für den bleibenden Anspruch Israels gegenüber der Kirche.

Die Judenchristen verstanden Jesus Christus als "Messias", als einen im Alten Testament verheißenen Retter. - Jesus allerdings war keineswegs der Einzige, der für den Messias gehalten wurde: Die Geschichte des Judentums kennt mehrere messianische Gestalten, solche Bewegungen gab es immer wieder im Judentum. Und natürlich wurde für jeden Messias denn auch fleißig "missioniert".

Die christliche Judenmission hat eine längere Geschichte2: Die theologischen Voraussetzungen entstanden in der Alten Kirche. Daran wurde in der Reformationszeit angeknüpft, und damals entstand die Judenmission der Sache nach. Als Institution des kirchlichen Lebens gibt es evangelische Judenmission seit dem 18. Jahrhundert.

Besonders Luthers Äußerungen über Juden sind berüchtigt. Zwar sah er sie als Brüder Jesu, betrachtete sie aber auch als Gefangene des Gesetzes, von dem sie befreit werden müssten. Sie seien wie die Anhänger des Papstes eine Versuchung und Warnung für die Christenheit. Luther glaubte, dass Juden sich zu Christus bekehren müssten, um das Heil zu erlangen. Dies wurde auch in der Theologie des 17. Jahrhunderts vertreten, hier setzte man sich allerdings auch wissenschaftlich mit dem Judentum auseinander und es entstand eine kontroverse Literatur, weil die Christen versuchten, die Juden von ihrer Heilslehre zu überzeugen.

Die eigentliche protestantische Judenmission begann im 18. Jahrhundert mit Johann Christoph Wagenseil. Dieser ermahnte die Christen zu einem vorbildlichen Leben, baute Kontakte zu jüdischen Gelehrten auf und befürwortete eine Judenmission durch ausgebildete Missionare. In der Folge entstand eine Art der Judenmission, die durch Offenheit und Vertrauen geprägt war - in Halle wurde sogar ein "Institutum Judaicum" zur Erforschung des Judentums gegründet - aber es war nicht gerade erfolgreich, zumindest vom christlichen Standpunkt aus.

In der Neuzeit begann sich das Judentum zu emanzipieren, aber die christliche Erweckungsbewegung machte auch vor dem Judentum nicht Halt. Im 19. Jahrhundert wurden Gesellschaften für Judenmission gegründet, und im 20. Jahrhundert veritable Missionsgesellschaften, vor allem in England, aber auch in Deutschland, dem übrigen Europa und Amerika. Zur Zeit der Judenverfolgung haben Mitarbeiter der deutschen und ausländischen, vor allem der schwedischen, Judenmission, Juden auch gegenüber der Verfolgung geholfen.

Nach 1945 kam es in Deutschland allmählich zu einer Neuorientierung und im Januar 1980 erklärte als erste Landeskirche die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland, dass die Kirche die Juden "nicht wie ihre Mission an der Völkerwelt wahrnehmen kann".

Das evangelikale Spektrum ist, was dieses Thema (und andere Themen auch) betrifft, disparat.

So gibt es eine Richtung mit der Auffassung, dass der Bund Gottes mit Israel andauert, das Heil also "auch" für Juden gilt.

Allgemein gehört jedoch zur evangelikalen Grundüberzeugung, dass der Glaube an Jesus Christus heilsnotwendig ist. Demnach muss ein Evangelikaler eigentlich auch Juden missionieren, damit auch sie, plump gesagt, in den Himmel kommen.

Eine dritte Richtung im evangelikalen Spektrum, vor allem unter Gruppierungen im pfingstlich-charismatischen Bereich, geht noch weiter: Ihrer Ansicht nach ist die Ansiedlung von Juden in Palästina und die Gründung des Staates Israel eine Erfüllung von biblischen Prophezeiungen und ein Zeichen der baldigen Wiederkunft Christi.

In der ersten Perspektive stellt sich die Frage nach der Judenmission nicht. Es sind die beiden anderen Richtungen, die heikle Frage aufwerfen, die auch immer wieder in - manchen - evangelikalen Kreisen auftauchen:

Diese zweite Richtung im evangelikalen Spektrum setzt voraus, dass der Bund Gottes mit Israel nicht mehr "genügt". Wer so eine Frage stellt wie in der Überschrift, setzt im Grunde voraus, dass der Bund Gottes mit Israel nicht mehr "genügt" und wertet ihn damit ab.

Einerseits ist damit schon die Frage selbst klar antisemitisch, denn sie diskriminiert Juden, indem sie überhaupt in Frage stellt, dass ein Anhänger dieser Religion das Heil erlangen kann. Und: Nur wer evangelikal ist, kann so eine Frage überhaupt stellen. Insofern ist Evangelikalismus (genauer: diese spezifische evangelische Richtung) notwendige Bedingung für diese Art Antisemitismus. Nur wer zu diesem Spektrum der evangelikalen Bewegung gehört ist, kann diese Art Antisemitismus vertreten.

Andererseits: Wer glaubt, dass jeder, der nicht bekehrt ist, in die Hölle kommt, für den bilden Juden nur eine beliebige Gruppe unter den vielen, die das ewige Leben nicht erlangen. So gesehen, ist die Frage gerade nicht antisemitisch.

Eine derartige Einstellung gegenüber Juden hat auch die Funktion, aus den "Rechtgläubigen" eine Gruppe mit einer eigenen Identität zu machen.3 Die Rechtgläubigen stehen auf der Seite des Heiligen, alle anderen bleiben draußen, sie gehören zum profanen Bereich und müssen sich bekehren, um dazu zu gehören. - Dann gehören sie aber auch dazu. Wenn diese Erklärung zutrifft, ist evangelikaler Glaube und seine sogenannte "Judenmission" gerade nicht antisemitisch, sondern "bloß" fundamentalistisch. Insofern ist Evangelikalismus keine wirklich hinreichende Bedingung für Antisemitismus. - Ganz abgesehen davon, dass beileibe nicht alle Evangelikalen derartige Ansichten vertreten, sondern nur eine Minderheit.

Rein logisch betrachtet ist eine endgültige Antwort auf die Frage, ob evangelikale (oder allgemeiner: christliche) Judenmission antisemitisch ist, schwierig. Argumentiert man streng rational, ist diese Begründung für Judenmission antisemitisch. Akzeptiert man evangelikale Grundüberzeugungen als Argumentationsgrundlage, ist diese Begründung nicht antisemitisch. Der Begriff "evangelikaler Antisemitismus" führt insofern in die Irre.

Zur dritten Richtung im evangelikalen Spektrum, die das Schicksal von Juden als Teil der christlichen Heilsgeschichte betrachtet, schreibt der katholische Religionswissenschaftler Ernst Fürlinger:

Die Judenmission hat in dieser Perspektive eine derartige Bedeutung, weil die Bekehrung der Juden zu Jesus Christus als Voraussetzung für die Parusie, die Wiederkehr des Messias, und als entscheidendes Merkmal der Endzeit betrachtet wird. Solange die Kirche nicht eine Kirche aus Juden und Heiden und der Leib Christi eine vollständige Einheit ist, werde die Wiederkunft Christi verzögert. [...] Der Philosemitismus evangelikaler und charismatischer Christen ist also keine Hinwendung zum Judentum in seiner eigenen Identität, sondern eine spezifische Form der Judenmission - und folgt damit einem bekannten Muster.

Ähnlich selbstkritisch gegenüber dieser evangelikalen Richtung äußern sich auch Evangelikale selber, etwa der erwähnte Wilrens Hornstra, und die Autoren des Sammelbandes über Freikirchen und Juden im Dritten Reich; und kritisch sind auch die evangelischen Landeskirchen4 - und natürlich Juden selber, so werden etwa im deutsch-jüdischen Nachrichtenmagazin auch Methoden der Judenmission beschrieben und kritisiert.

Das sieht man im evangelikalen Spektrum natürlich anders: Hier nennt man "Judenchristen" dann "messianische Juden" und versucht immer wieder, sie als eigene missionarische Gruppe zu etablieren. Vor allem, als es um die Frage der Präsenz auf dem Kirchentag ging. Den "Informationsdienst der evangelischen Allianz", kurz "Idea", könnte man als Sprachrohr der evangelikalen Bewegung bezeichnen. Dort erscheinen ein täglicher Newsletter und eine wöchentliche Zeitschrift. Dies Medium ist das Einzige, das kontinuierlich aus der evangelikalen Welt berichtet, ist aber wegen seiner häufigen Polemik auch dort umstritten.

Aus Anlass des evangelischen Kirchentages 2015 berichtete Idea regelmäßig und positiv über Judenmission: Kirchentag und messianische Juden: Ein erster Schritt zueinander" (10.06.2015), "Messianische Gemeinden: Württembergischer Prälat lobt Evangeliumsdienst für Israel" (15.06.2015), "Braunschweig: Auch Jesus und die Apostel waren "messianische Juden" (27.06.2015), was widerspiegelt, dass das Thema in evangelikalen sowie auch pietistischen Kreisen nach wie vor Gewicht hat. Dementsprechend wollte evangelikale Gruppierungen auch auf dem Evangelischen Kirchentag Judenmission betreiben.

Zum Ärger des Kirchentags.

Dabei stimme das gar nicht, so jedenfalls Anatoli Uschomirski, einer der nach eigener Einschätzung etwa 1.500 "messianischen Juden" in Deutschland, und Pastor einer messianisch-jüdischen Gemeinde. Er beklagt sich in einem Gastkommentar in Idea Spektrum:

Nach Ansicht des Kirchentagspräsidiums verfolgen wir 'judenmissionarische Absichten'. [...] Wir wollen nicht Juden zu Christen machen, sondern in Demut und Liebe dem jüdischen Volk den jüdischen Messias verkünden und Juden ermutigen, gleichzeitig ihre jüdische Identität zu leben. [...] Als messianische Juden sind wir sehr traurig über die Ablehnung, aber nicht frustriert. Schließlich haben wir Juden Schlimmeres in unserer Geschichte erlebt, als nicht am Kirchentag teilnehmen zu können."

Die Sätze hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack.

Immerhin, die messianischen Juden durften zwar nicht am begehrten "Markt der Möglichkeiten" teilnehmen, waren aber mit dem Londoner Theologen Richard Harvey auf dem Kirchentag vertreten: "Es ist das erste Mal überhaupt, dass ein messianischer Jude auf dem Kirchentag sprechen kann. Das Thema wird also nicht umgangen, im Gegenteil, es wird angegangen. Wir werden sehen, was sich daraus für weitere Kirchentage entwickelt", verteidigte drei Wochen später der Württembergische Landesbischof Otfried July den Kirchentag. Ein ziemlicher Spagat, denn im Kirchentag engagieren sich zwar viele Offizielle, aber eigentlich versteht er sich als Graswurzelbewegung. July, selber Mitglied im Kuratorium der evangelikalen Organisation proChrist e.V.2, hätte dem Kirchentag also keine messianischen Juden vorschreiben können.

Schließlich setzte das Präsidium des Evangelischen Kirchentages der Judenmission einen Riegel vor und veröffentlichte eine Stellungnahme:

Als Christinnen und Christen glauben wir an Gott als den Gott Israels in seiner bleibenden Verbundenheit mit dem Volk Israel. So sind wir bleibend an das jüdische Zeugnis von Gott und an einen christlich-jüdischen Dialog auf Augenhöhe gewiesen. Wir können und wollen Jüdinnen und Juden nicht missionieren.

Hinweis: Die Recherchen für diesen Artikel wurden durch ein Stipendium der Journalistenvereinigung netzwerk recherche gefördert und betreut. Die Autorin war früher selber Mitglied in einer evangelikalen Freikirche.

Der Text ist außerdem ein Auszug aus einem Telepolis-Mehrteiler über christliche Endzeitvorstellungen. In ihm beschäftigt sich Ulrike Heitmüller unter anderem mit Prämillenarismus, Postmillenarismus und Gruppen in den USA und Europa, die noch heute in einer Naherwartung leben. Außerdem untersucht sie den Konflikt zwischen judenmissionarischen Gruppen und der evangelischen Kirche und zeigt, welch religions- und kirchenpolitischen Zündstoff solche Vorstellungen bergen.

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