Jüdisches Gaza-Boot

Was bedeutet diese Provokation?

Mit dem Einsatz tödlicher Gewalt gegen die Gaza-Freiheits-Flotte (31. Mai 2010) setzte Israel auf Abschreckung. Wer auch immer weiterhin versucht, Israels Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen, sollte mit ähnlichen Extremreaktionen rechnen müssen (Militärische Macht oder Internationales Recht?). Doch diese Rechnung geht nicht auf.

Weitere Schiffe sind nach Gaza unterwegs. Einem davon, dem Boot Irene (Frieden), das am 26. September unter britischer Flagge von Nordzypern aus Segel gesetzt hat, kommt dabei besondere Bedeutung zu. Denn diese Aktion zielt auf das Herz Israels. Die Aktion ist eine jüdische (deutsche Webseite der Aktion Jüdisches Schiff nach Gaza).

Jüdische Friedensaktivisten waren zwar schon an früheren "Free-Gaza"-Aktionen beteiligt; aber dies ist die erste Aktion dieser Art, die ausschließlich von jüdischen Organisationen getragen wird: Vor allem von der britischen Gruppe Jews for Justice for Palestinians und der deutschen Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost – beide unter dem Dach der European Jews for a Just Peace, verbunden mit American Jews for a Just Peace.

Es sind also diesmal – und genau das dürfte für Israels Regierung und deren weltweite Unterstützer die größte denkbare Provokation darstellen – Juden, die mit dieser Aktion ihr Leben bewusst als Juden aufs Spiel setzen. Juden aus Israel, Europa und den USA. Darunter Reuven Moskovitz, Holocaustüberlebender und Träger des Aachener Friedenspreises, Yonathan Shapira, ehemaliger Pilot der israelischen Luftwaffe, Rami Elhanan, dessen Tochter in Jerusalem einem Selbstmordattentat zum Opfer fiel, und die Deutsche Edith Lutz, die schon auf dem ersten Gaza-Schiff 2008 dabei war.

Natürlich ist auch der Zweck dieser Hilfsaktion, wie schon der aller bisherigen, primär ein symbolischer. Das Leid in Gaza ist viel zu groß, als dass derart bescheidene Hilfslieferungen wirklich etwas ausrichten könnten. Insofern geht der Einwand, die Schulranzen, Medikamente und Musikinstrumente, die das Boot mit sich führt, hätten doch auch über die israelischen Kontrollstationen an ihr Ziel gebracht werden können, selbst wenn dem so wäre, am eigentlichen Zweck der Aktion völlig vorbei.

Der symbolische Zweck dieser Aktion ist der einer Provokation. Keiner militärischen (ein 10 m Katamaran gegen eine Atommacht?), sondern einer moralischen.

Der Schrei nach Gerechtigkeit auch für Palästinenser geht in Israel – von der in den letzten Jahren immer weniger öffentlich sichtbar gewordenen Friedensbewegung abgesehen – bislang ins Leere. Und nicht nur dort. Ob das jüdische Boot – als jüdisches Boot – diesem Schrei ein stärkeres Echo verschaffen kann? Vielleicht. Es wäre schön.

Der Großteil der Leserreaktionen, die es allein schon auf die Vorankündigung dieser Aktion in der israelischen Zeitung Haaretz gibt, lässt daran zweifeln. Blanker Hass spricht aus den meisten dieser Briefe: "Verräter", "Terroristen", "Nazis", "KZ-Kapos", "Antisemiten" usw. Ähnlichen, wenn nicht noch schlimmeren, Reaktionen werden sich die Organisatoren und Beteiligten an dieser Aktion mit Sicherheit in Deutschland ausgesetzt sehen.

All das ist verständlich. Denn das kleine Boot bedroht tatsächlich den Kern dessen, was derzeit die Selbsteinschätzung Israels ausmacht:

  • Das Boot macht manifest, dass Israel keineswegs für alle Juden dieser Welt spricht.
  • Was Israels Palästina-Politik – speziell Israels Gaza-Politik – angeht, so sagen mit diesem Boot Tausende von Juden weltweit vernehmbar: "Not in our name!". Und schließlich
  • Israels Armee schießt nicht auf Juden. Wirklich? Oder gilt das nur für Siedler?

Wie geht Israel mit dieser moralischen Bedrohung um? Wie der Kosmos Judenheit? Wie wir jüdischen wie nicht-jüdischen Europäer bzw. gar wir jüdischen wie nicht-jüdischen Deutschen? Eines dürfte, egal wie Israels Marine diesmal reagiert, ganz sicher sein: Das kleine Boot schlägt Wellen.

Es geht bei Gaza wie bei Palästina insgesamt nicht "nur" um Palästina. Es geht auch um Israel. Und: Es geht auch, wie Kant so nett sagte, um die Menschheit selbst. Kurz: Es geht um unsere Ethik.

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