Jugend in Deutschland: "Überangepasst"

"Gameboys and - girls", Bild von 2010; Foto: Jan von Holleben/CC BY-SA 3.0

Wild und rebellisch wollen sie nur die sentimentalen Älteren? Die Sinus-Jugendstudie 2016 und Reaktionen

Vor vier Jahren griff der Spiegel aus der Sinus-Jugendstudie das Resumée heraus, dass "Jugendliche insgesamt unter großem Druck stehen". Die Berufsaussichten seien unsicher, die Leistungsanforderungen hoch. Die Jugendlichen würden früh die Rolle von "Mini-Erwachsenen" übernehmen. Die Überschrift versprach: "So fühlt Deutschlands Jugend".

Auch bei der gestern veröffentlichten Sinus-Studie (die vollständig als Buch heruntergeladen werden kann) wurden die Aussagen weniger, nämlich genau 72 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, in Artikeln als Gesamtbild ernstgenommen und nach dem vorgegebenen Buchtitel besprochen: "So tickt die Jugend 2016 ".

"Psychologisch repräsentativ"

Dass es sehr wenige sind, die als kleiner Teil die unüberschaubare Welt der vielen Jugendlichen repräsentieren, würde damit wettgemacht, dass es sich um ein intensives Eintauchen in die Welt der Jugendlichen handele, mit Fragenkatalog, der zu Hause beantwortet wurde, 2-stündiges Interview mit Sozialwissenschaftlern, Aufzeichnung von Gesprächen untereinander, Fotodokumentation der Jugendzimmer). So sei die Studie wenn nicht statistisch, so doch "psychologisch repräsentativ".

"Gameboys and - girls", Bild von 2010; Foto: Jan von Holleben/CC BY-SA 3.0

Psychologisch repräsentativ waren vor allem die Medienreaktionen, insofern als die Mehrheit das Bild einer rebellischen Jugend als Orientierung vorgab. Das Hauptergebnis vier Jahre nach der der letzten Studie lautet: Vom Druck ist nicht mehr die Rede, die Jugendlichen haben sich angepasst. Nun gibt es Bedenken, ob sich die Jugend nicht zu sehr anpasst. So äußerte der Studienautor Marc Calmbach bei der Präsentation:

Früher hat Mutti die Flippers gehört und der Sohn Nirvana. Heute einigen sich beide auf Beyoncè und die Beatsticks. Ein bisschen mehr Reibung wäre da eigentlich wünschenswert.

Bezeichnend ist die Harmlosigkeit des Kontextes, in dem Calmbach die fehlende Reibung zu Bedenken gibt - Musikcharts. Er macht sich Sorgen, dass die fehlende Reibung auf Kosten der Kreativität gehen könnte.

Am besten so sein wie alle anderen

Von Konflikten ist nicht die Rede (der Druck ist weg?). Wie denn auch, wenn das ausgestellte Porträt der 14- bis 17 Jährigen so lautet: "Strebsam, pragmatisch und angepasst. Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch wie heute gewesen."

Das sei das Hauptergebnis der Studie, referiert die Tagesschau. Große Jugend-Subkulturen gebe es kaum mehr. Jetzt gebe der Mainstream, nicht die Abgrenzung, die Orientierung vor. Die Jugend tickt so: "Am besten so sein wie alle anderen." Die Studien-Autoren haben dafür einen neuen Begriff: "Neo-Konventionalismus".

Damit ausgedrückt wird "eine gewachsene Sehnsucht nach Aufgehoben- und akzeptiert sein, Geborgenheit, Halt sowie Orientierung in den zunehmend unübersichtlichen Verhältnissen einer globalisierten Welt". Die Jugend rücke zusammen, so das Fazit der Studienautoren, und auch näher zur Elterngeneration hin, ungewöhnlich nahe.

Gleichförmig angepasste Menschen, die nicht mehr aufbegehren - das Resultat eines Zermürbungsprozesses? Die kapitalistische Gesellschaftsordnung habe mit ihrem "Dogma vom ‚Wettbewerb‘ geschafft, was die sozialistischen Diktaturen nie erreicht haben", ist in einem Kommentar zum Studien-Bericht der Zeit zu lesen. Ein anderer Kommentar fordert "wieder eine feurige Jugend". Damit wichtige Themen nicht mehr von "desillusionierten alten Säcken" behandelt würden.

"Weil es uns so gut geht?"

In Frankreich sind in den vergangenen Wochen Zehntausende, manche sprechen von Hundertausenden, Jugendliche auf die Straße gegangen, um gegen das neue Arbeitsrecht zu demonstrieren. Daraus hat sich eine neue Protestbewegung entwickelt, von der man allerdings noch nicht weiß, wie lang ihr Atem ist (Link auf 47972). In Deutschland sind Proteste von Jugendlichen nicht in Sicht. Weil es ihr hierzulande so gut geht, besser als anderswo, wie der Kommentar der Welt meint?

Es ist die Mitte, die hier zu sich selbst spricht. Die Studie ist nicht repräsentativ. Zwar sind unter den 72 Jugendlichen Teenager aus unterschiedlichen Milieus, aber Aussagen vom Rand der Gesellschaft fallen, wie die Reaktionen zeigen, nicht ins Gewicht. (Thomas Pany)

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