Jugend in ärmeren Vierteln: Größere Angst vor Schulversagen

Paris, 2014. Foto: Denis Bocquet/CC BY 2.0

Aber auch mehr Vertrauen in die Solidarität der anderen - eine französische Unicef-Studie über Wohnort-Vorteile der Heranwachsenden

Was in Kinderköpfen vorgeht, ist nicht immer leicht herauszufinden, vor allem wenn man Raster anlegt, die aus der Erwachsenenwelt stammen. So gibt auch die landesweite Unicef-Studie über das "Aufwachsen in Frankreich", die sich selbst "außergewöhnlicher Resultate" rühmt, nur einen beschränkten Einblick.

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Befragt wurden 22.000 Kinder im Alter zwischen 6 und 18 Jahren. Laut Gesetz zählen sie allesamt als Kinder, doch weiß jeder, dass in dieser großen Altersspanne sehr unterschiedliche Welten verbergen. Mehr als die Hälfte der Befragten (52%) sind im Alter zwischen zehn und 13 Jahren. Nimmt man noch die 9-und 14-Jährigen hinzu, dann wächst der Anteil auf 70 Prozent. Der größte Teil der Befragten befindet sich vereinfacht also zwischen später Kindheit und frühen Jugendjahren.

Als außergewöhnlich stellt sich die Studie dar, weil sie die erste ihrer Art ist, die den Wohnort der Kinder bzw. Jugendlichen berücksichtigt. Deren Antworten werden danach differenziert, wo sie aufwachsen. Man wollte die Unterschiede erfahren, die das Aufwachsen im urbanen, wohlhabenden Milieu ("centre ville"), in den Stadtvierteln mit mittleren oder geringeren Einkommen ("quartier populaire", in den Randbezirken ("quartier périphérique") und in den Vierteln, die von der Verwaltung als Armutsviertel bezeichnet werden ("quartier prioritaire", früher "zones urbaines sensibles") ausmachen.

Die Erklärungen der jeweiligen Regierungen zur Verbesserung der Lage in Vierteln, in denen ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung an der Armutsgrenze (Einkommen unter 60 Prozent des Medianeinkommens) lebt, sind stets wortreich, mit Plänen voller guter Absichten gefüllt. In ganz Frankreich zählt man etwa 5 Millionen Bewohner der quartiers prioritaires.

Was sagen die Kinder zu ihren Chancen? Laut Unicef sind ihre Antworten "erstaunlich und dramatisch, fernab von Klischees". Überraschen werden sie jedoch kaum jemanden.

Die Studie stellt das Offensichtliche fest, nämlich dass Kinder oder Jugendliche, die in ärmeren Stadtteilen aufwachsen, "schon sehr früh" ein Gefühl der "Selbstentwertung" erleben und weniger Vertrauen in die Zukunft haben.

Mehr als die Hälfte, 54,4 Prozent, der Jungen aus den quartiers prioritaires beklagen, dass sie wenig "Wissens-Zugang" haben. Unter "accès aux savoirs" haben die Soziologen mehreres gebündelt: den Zugang zu Büchern, zu Zeitschriften, zu einem eigenen Raum, in dem sie ungestört ihre Hausaufgaben machen können, zu Computern mit Internetzugang und zu Mediatheken. Von den Bewohnern der Innenstadtviertel beklagen nur 37 Prozent unzulänglichen Wissenszugang. In den Randbezirken sind es 40 Prozent, in den quartiers populaires 44 Prozent.

Geht es um kulturelle Aktivitäten oder Freizeitgestaltung ist der Unterschied noch größer. 41 Prozent der Jungen aus den ärmeren Vierteln beklagen sich hier über Mängel, von den Innenstadtbewohnern sind es nur 25 Prozent.

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Erwartungsgemäß fällt der Unterschied beim Fragekomplex "materielle Ausstattung" (eigene, neue, nicht abgetragene Kleidung, mindestens zwei Paar Schuhe, eigenes Spielzeug, Fahrrad, genug Wohnraum für die ganze Familie) noch viel deutlicher aus. 22 Prozent aus den ärmeren Vierteln beklagen eine "materielle Entbehrung", in der Innenstadt sind es nur 12,6 Prozent.

57,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus den ärmeren Vierteln gaben gegenüber Unicef an, dass sie vor einem Misserfolg in der Schule Angst haben. In der Innenstadt sind es 43,5 Prozent. Von den Autoren der Unicef-Studie wird dies als Beleg dafür gewertet, dass sie sehr wohl um die Bedeutung der Schulausbildung für die Zukunft wissen, dass aber das Selbstwertgefühl sowie die realen Zugänge nicht auf der Höhe der gestellten Ansprüchen sind.

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