Juncker: "Englisch wird an Bedeutung in Europa verlieren"

Der EU-Kommissionspräsident sprach in Florenz nach ein paar Sätzen demonstrativ auf Französisch. Beginnt nun der Sprachenstreit in der EU?

Es kam gar nicht gut in Großbritannien an, als EU-Präsident Jean-Claude Juncker während einer Rede in Florenz gestern nach den ersten Sätzen auf Englisch ins Französische wechselte und sagte: "Ich zögere zwischen Englisch und Französisch, aber ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich werde auf Französisch sprechen, weil Englisch langsam, aber sicher an Bedeutung in Europa verlieren wird."

Anzeige

Im Saal wurde gelacht, wird auf dem Transkript vermerkt. Die Bemerkung kam offenbar an, auch wenn mit dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU noch lange nicht die Weltsprache Englisch an Bedeutung verlieren wird. Sie ist die kommunikative Grundlage der globalen Wissenschafts- und Mediengesellschaft geworden, was vorerst kaum veränderbar sein dürfte. Gut möglich aber, dass EU-intern vom Drei-Sprachen-Regime Englisch-Französisch-Deutsch auf ein Zwei-Sprachen-Regime umgeschaltet werden könnte, da Englisch nur noch Irland und Malta als Amtssprache haben.

Das muss man auf dem Hintergrund sehen, dass schon darüber diskutiert wurde, nur noch Englisch als Arbeitssprache oder gar als europäische Nationalsprache zu verwenden, was aber auf Widerstand stieß und man weiterhin ein Europa der Vielsprachigkeit kultivierte. In Arbeitsgruppen des Rats der EU wird oft nur noch Englisch verwendet. Zwar sprechen nur 13 Prozent der EU-Bürger Englisch als Muttersprache (inklusive Briten), aber da sie von 38 Prozent als Fremdsprache gesprochen wird, ist sie die meistgesprochene Sprache. Deutschland hat sich allerdings schon länger dafür stark gemacht, Deutsch, das von 32 Prozent gesprochen wird (18 % als Muttersprache, 14 % als Fremdsprache), zu stärken.

Gut möglich, dass neben Deutsch andere Sprachen wie das Italienische, Spanische oder Polnische gestärkt werden, wenn EU-intern das Englische tatsächlich an Bedeutung verlieren sollte. Ohne das Englische, das von den meisten gesprochen oder verstanden wird, wäre eine übergreifende Verständigung weiterhin angewiesen auf teure Übersetzungen, das von der EU geförderte Projekt einer automatischen Übersetzung von einer in alle Sprachen und umgekehrt, ist noch ein Desiderat. EU-intern gibt es für Mitarbeiter von Behörden die Möglichkeit, Dokumente in alle EU-Sprachen zumindest in einer Rohform maschinell übersetzen zu lassen.

Die EU-Kommission bietet allerdings von der Rede Junckers auch keine Übersetzung an. So sprach der EU-Kommissionspräsident also Französisch über die Entwicklung eines Europas der Menschen. Er bedauerte, dass man immer über die Probleme, aber kaum über die Erfolge der EU spreche, und er bedauerte den Austritt Großbritanniens. Das sei eine Tragödie, sagte er, nachdem er erwähnte, dass das Wirtschaftswachstum in der EU doppelt so groß sei wie in den USA. Man werde aber fair mit den "britischen Freunden" verhandeln. Aber er stellte klar, dass Großbritannien die EU verlässt und nicht umgekehrt, was für die Verhandlungen in den nächsten Jahren entscheidend sei. Zuletzt rief er dazu auf, wohl auch mit Blick auf Deutschland, mit Ländern wie Griechenland und Italien solidarischer zu sein.

Juncker hatte mit seinen geleakten Bemerkungen gegenüber Theresa May in Großbritannien für Panik gesorgt. Nach dem Gespräch mit ihr soll er gesagt haben, es sei alles zehnmal schlimmer als gedacht, er warf May vor, unbegründet optimistisch gewesen zu sein. May erklärte auch, Großbritannien werde keinen Penny an die EU zahlen. Tatsächlich hat man den Eindruck, dass der britischen konservativen Regierung erst jetzt dämmert, dass der Brexit auch negative Folgen haben wird und dass zumindest vorerst die EU erst über den Austritt verhandeln will, über ein Wirtschaftsabkommen soll danach gesprochen werden. Konservative Politiker und auch May selbst werfen nun Deutschland und der EU vor, die britische Unterhauswahl im Juni beeinflussen zu wollen (Panik bei den Brexit-Befürwortern).

Bei den Gemeindewahlen haben die Tories zumindest noch große Erfolge erzielt, fraglich ist, ob sich das bei der Unterhauswahl in 5 Wochen wiederholen wird. Verloren hat vor allem die zerrissene Labour-Partei, aber auch Ukip, die Brexit-Partei konnte nicht einmal einen Sitz erreichen. Nach ersten Angaben sollen die Konservativen 38%, Labour 27%, die Liberaldemokraten 18% und Ukip 5% der Stimmen erreicht haben. Allerdings wären die Gewinne damit nicht so groß, wie sich dies aus den Umfragen ergeben hatte, aufgrund derer Theresa May vermutlich auch die Neuwahl angesetzt hatte, um ihre Macht zu sichern.

In Schottland haben die Nationalen der SNP zwar Labour überholt, konnten aber keine Mehrheit erzielen, was möglicherweise keine guten Aussichten für ein zweites Referendum über den Verbleib in Großbritannien sind. (Florian Rötzer)

Anzeige