Junge Amerikaner: Liberaler, aber weniger Sex

Zahl der sexuell Inaktiven bei den in den 1990er Jahren Geborenen doppelt so hoch wie bei den in den 1960er Jahren Geborenen: "Risikoscheue Generation"

Schon länger ist die Rede davon, dass die Zahl der Asexuellen zunimmt, dass also die Lust an Sexualität abnimmt (Kein Sex und Spaß dabei). In Umfragen scheint dies besonders deutlich in Japan oder Südkorea zu werden (Japan: Die Libido trocknet aus), aber wie jetzt eine Studie aus den USA zeigt, ist das keineswegs ein asiatisches Phänomen. Nach dem Youth Risk Behavior Survey der CDC sind die Schüler der 9. - 12. Klasse an der High-School sexuell weniger aktiv. 1991 hatten noch 54 Prozent in diesem Alter bereits einmal Geschlechtsverkehr, 2015 sind es noch 41 Prozent.

Für die in den Archives of Sexual Behavior erschienene Studie unter der Leitung der Psychologieprofessorin Jean M. Twenge von der San Diego University wurden Daten einer landesweiten repräsentativen Umfrage, an der über 26.000 Personen teilgenommen haben, ausgewertet. Grundlage ist der General Social Survey von 1972-2012.

Danach haben sich die sexuellen Gewohnheiten der jungen Menschen in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Die Studie verglich die Generation derjenigen, die in 1980er geboren wurden (Millennials), mit denen, die in den 1990er Jahren geboren wurden (iGen). Unter den jetzt 20-24-Jährigen hatten 15 Prozent keinen Sexualpartner seit dem Alter von 18 Jahren, bei den in den 1960er Jahren Geborenen hatten dies nur 6 Prozent angegeben. Eine Kohorten-Querschnittsanalyse ergab allerdings auch, dass Amerikaner, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde, als Erwachsene sexuell weniger aktiv waren. Nach dem Krieg nahm die Zahl der Sexualpartner, um ab der Generation der Millennials wieder auf die Zeit vor der sexuellen Revolution zurückzufallen.

Auch aus einer anderen Studie von Twenge auf der Grundlage derselben Umfrage ging hervor, dass sich das sexuelle Verhalten verändert hat. Menschen, die in den 1950er Jahren geboren wurden, hatten danach durchschnittlich mit 11,68 Personen in ihrem Leben Sex, bei den Millennials sank die Zahl auf 8,26. Dabei wurde die Moral aber liberaler. Millennials haben so weniger Einwände gegen vorehelichen Sex als die Generation davor. Auch gegenüber Sex zwischen Menschen gleichen Geschlechts gibt es weniger Vorbehalte. Und mehr sagten, sie hätten Sex mit einer Bekanntschaft gehabt, was aber nicht die geringere Zahl an Sexualpartnern erklärt. Womöglich unterscheidet sich zwischen Generationen das, was man unter Sex versteht.

Warum haben Menschen, die mit Dating-Apps heranwachsen, weniger Sexualpartner?

Der Trend zu höherer sexueller Inaktivität bei den Millennials und vor allem in der iGeneration war bei Frauen stärker als bei Männern, bei Afroamerikanern und Menschen mit einer Collegeausbildung war er nicht auszumachen. Gleichwohl könnte der höheren Prozentsatz der Amerikaner in den jüngeren Generationen zeigen, die keine Sexualpartner seit ihrem 18. Lebensjahr hatten, dass einige Angehörige der Internetgeneration mit Partnerbörsen und Apps wie Tinder nicht mehr, sondern eher weniger sexuelle Kontakte haben. Denn gleichzeitig hat sich zwischen den frühen 1990er und den frühen 2012er Jahren die Zahl der Menschen verdoppelt, die Sex mit einem Menschen gleichen Geschlechts hatten (fast 9 Prozent) oder die bisexuelles Verhalten angaben (7,7 Prozent).

Für Twenge ist es rätselhaft, warum jüngere Menschen, die mit Dating-Apps eigentlich leichter Partner finden sollten, weniger Sex haben. Vielleicht, so spekuliert sie, habe Technik just den gegensätzlichen Effekt. Die Menschen verbringen mehr Zeit online, aber weniger im direkten Kontakt. Überdies sei die junge Generation auch mehr auf Sicherheit ausgerichtet. Sie trinke weniger Alkohol und habe größeres Interessen an "sicheren Räumen" auf dem Campus: "Das ist eine sehr risikoscheue Generation. Diese Haltung kann auch ihr sexuelles Verhalten beeinflussen." Sie führt auch die Verbreitung der Pornografie an, die hohe Zahl der jungen Menschen, die noch bei den Eltern wohnen, die Online-Verfügbarkeit von Unterhaltung überhaupt und das höhere Heiratsalter: "Diese Generation scheint länger darauf zu warten, Sex zu haben, eine wachsende Minderheit wartet offensichtlich bis zu den frühen 20er Jahren oder noch länger." (Florian Rötzer)