Justizia ist blind, in Amerika aber stellt sie sich auch noch dumm

Bild: © Filmperspektive

"Catch me if you can": In ihrem Film "Das Versprechen" rollen zwei deutsche Filmemacher einen spektakulären US- Mordfall wieder auf

Ist es nur ein sprachlicher Zufall, oder subtiles Kalkül der Filmemacher, dass der Titel "Das Versprechen" sehr ähnlich, allzu ähnlich klingt wie "Das Verbrechen"? Am Anfang war jedenfalls ein Artikel in der "Süddeutschen Zeitung". Die Autorin Karin Steinberger hatte dort den Fall des Deutschen Jens Söring beschrieben, der seit inzwischen 30 Jahren in den USA wegen Mordes im Gefängnis sitzt. Sie berichtete dem Regisseur Marcus Vetter davon, mit dem sie bereits zuvor zusammengearbeitet hatte, und jetzt, einige Jahre später, haben beide gemeinsam einen Dokumentarfilm über den Fall und seine unzähligen faszinierenden Seiten fertiggestellt.

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Es ist eine bizarre, schier unglaubliche Geschichte, die dieser Film erzählt, und von deren Konsequenzen er handelt. Sie hat viele Facetten. Und die Frage, wer es denn nun eigentlich war, der im März 1985 ein Ehepaar in einer bürgerlichen Ostküstenvorstadt ermordete - diese Frage ist vielleicht gar nicht die wichtigste unter ihnen.

Denn "Das Versprechen", dieser ungewöhnliche, dramatische, hochspannende, beklemmende, aufwühlende Dokumentarfilm der Regisseure Marcus Vetter und Karin Steinberger handelt daneben auch von einer intensiven, vielleicht einfach wahnsinnigen, vielleicht aber auch selten großen Liebe. Er erzählt von Obsession und - möglicherweise - Perversion, er erzählt von den Fallstricken und den Abgründen der Familie, die bekanntlich nicht nur ein Hort der Geborgenheit ist, sondern auch ein Terrorzusammenhang.

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Zugleich ist dies auch ein Gesellschafts-Drama, das zumindest ahnen lässt, was sich so alles hinter den Vorhängen der Häuser der "oberen Zehntausend", der "besseren Kreise" nicht nur Amerikas so abspielen mag. Und "Das Versprechen" ist ein Film über die Fallstricke und Abgründe des amerikanischen Justizsystems, über die Ungerechtigkeit, die im Namen der Gerechtigkeit verübt wird.

Die Fakten sind komplex: Am Anfang steht der brutale Mord an dem großbürgerlichen Ehepaar Haysom im US-Bundesstaat Virginia. Erstochen. Bald geriet deren Tochter Elizabeth unter Verdacht - und deren damaliger Freund, der damals 19-jährige deutsche Diplomatensohn Jens Söring. Beide flohen aus den USA, schlugen sich mit gefälschten Papieren und mit Geld, an das sie durch Scheckbetrug kamen, einige Monate in Asien und Europa durch. 1986 wurden beide in England auf der Flucht verhaftet.

Elizabeth Haysom bekannte sich bald darauf der Anstiftung zum Mord schuldig und sitzt seitdem im amerikanischen Gefängnis. Söring gestand zuerst, heute aber will er den Mord nicht begangen haben. Er habe mit dem Geständnis nur seine große Liebe Elizabeth schützen wollen. Sie sei die Mörderin. Elisabeth behauptete das Gegenteil. Söring beteuerte seine Unschuld und plädierte auf Freispruch. Trotzdem wurde er aber 1990 nach einem insgesamt auch für US-Verhältnisse sehr fragwürdigen Verfahren des Doppelmordes für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" gilt in einen amerikanischen Geschworenen-Prozess keineswegs. Die Filmemacher rollen den Fall jetzt detailliert auf. Wie in einem Indizienprozess wird Für und Wider abgewogen.

Vetters und Steinbergers persönliche große Zweifel an Sörings Schuld sind dabei nur das eine. Wäre dies alles, ein Film, der einen Deutschen aus US-Haft herauspauken will, wäre dies nicht nur eine Quichotterie, sondern auch ein journalistisch unbefriedigender und in sich hochfragwürdiger Vorgang. Viel wichtiger ist an diesem Film anderes: Selbst wenn Söring und Elisabeth in irgendeiner Form an der Tat beteiligt waren oder sogar die Hauptschuldigen sein sollten, so wie die Anklage behauptet, kann es nicht gewesen sein.

Zu den vielen himmelschreienden Ungerechtigkeiten des amerikanischen Justizsystems gehört nämlich etwas sehr Besonderes: Es ist nahezu unbelehrbar. Neue Beweise, wie etwa Erkenntnisse der Gentechnik, die vor 31 Jahren noch nicht existierte, und Aussagen von Experten, die Widersprüche in den "Beweisen" und Argumentationslinien der Staatsanwaltschaft deutlich machen, die Zweifel säen, dürfen nicht berücksichtigt werden: Was einmal falsch entschieden wurde, soll wider jede Vernunft für immer gelten - während höchstwahrscheinlich die wahren Mörder in Freiheit herumlaufen.

Justizia ist blind, in Amerika aber stellt sie sich auch noch dumm. Und beschädigt damit mehr als alles andere, mehr als das Recht der Einzelnen, die womöglich schuldlos in Haft sitzen, auch sich selbst. Denn wie soll man einem Rechtssystem gegenüber loyal sein, das sich selbst derart ins Unrecht setzt.

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Der eigentliche Clou von "Das Versprechen" ist dabei, dass es den Filmemachern gelang, neben altem Dokumentarmaterial auch Jens Söring selbst für ein langes Interview aus der Haft vor die Kamera zu bekommen: "Ich wusste, dass irgendwas nicht stimmt. 'Ich sag der Polizei, ich war's. Ich nehm' die Schuld auf mich."

Söring wiederholt darin seine Behauptung: Er war es nicht, es war seine Freundin. So ist das Versprechen die Chronik einer Ungerechtigkeit. Oder einer großen Lüge. Das sät mindestens Zweifel, lässt nachdenken.

Noch mehr aber berührt die Darstellung einer tragischen Romanze, die mit intensiven Liebesbriefen rekonstruiert wird, bei denen Daniel Brühl die Texte von Jens Söring und Imogen Poots die Briefe von Elizabeth liest, Texte wie diesen: "Dear Sweetie. I love you so very much and with my best Nazi-voice I am gonna say to you: 'you are going nowhere my Liebchen.' Our tongs playing with each other" - "I've been upset, lonely. We absolutely have to get bail to you."

So ist "Das Versprechen" in erster Linie das Portrait von zwei jungen Menschen, die schon persönlich gestört oder gar von ihren Familienverhältnissen zerstört waren, bevor durch eigene Schuld oder unglaubliches Pech und unfassbare Dummheit, ihr eigenes Leben endgültig ruiniert wurde.

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Vetter und Steinberger zeigen unzählige faszinierende Seiten dieses faszinierenden Falls: Dazu gehören die Ermittler, die düsteren Geheimnisse der Familie, die feisten Staatsanwälte, die immer nur auf ihre eigene große Show und Karriere aus waren, und die selbstgerechten Richter. Dazu gehört ein weltfremder Angeklagter Jens Söring, der zwar ein Nerd ist, aber zugleich eigentlich immer viel zu intelligent und kontrolliert auftritt, um für all die Dummheiten verantwortlich zu sein, denen er sich selbst bezichtigt.

Können wir, können die Filmemacher wirklich sicher sein, dass dieser junge Diplomatensohn nicht doch möglicherweise auch ein eiskalter Manipulator ist?Denn dieser Film ist seine Chance, seine Öffentlichkeit, um Aufmerksamkeit und politischen Druck zu erzeugen. Er führt einen Kampf um die Gunst der internationalen Jury.

Zum Fall gehört ebenso auch die höhere Tochter Elisabeth Hayson, eine schöne, junge und fraglos intelligente Frau, die von der Presse als kalte, gerissene Lady Macbeth portraitiert wurde, obwohl sie selbst offensichtlich mindestens auch ein Opfer war. Einseitige Schuldzuweisung. Im Gespräch sagen die Filmemacher: "Elisabeth mögen ja alle, besonders die Männer." Selbst wenn dem so sein sollte, macht das noch keine Mörderin.

Aber auch jetzt, in den ersten Kritiken zum Film, findet man wieder das Gegenteil

In den originalen Gerichtsszenen hängt man an den Lippen der schönen Elizabeth, die zu wissen scheint, wie man Menschen für sich einnimmt.

Tagesspiegel

Noch eine Kostprobe:

Sie kennt nur eine Wahrheit, ihre Geschichte. Keine Zweifel. Die Fundstücke mit ihren Auftritten sind der Höhepunkt der filmischen Rekonstruktion und zugleich Beleg dafür, warum die Wahrheitsfindung der Justiz so oft scheitern muss. Die Lüge ist als Lüge so greifbar, dass sie keine sein kann. Oder eben doch? Die Entschiedenheit Haysoms, ihre Gefasstheit fasziniert. Sie wollte die Tat, Jens führte sie aus, so erzählt sie es. Auch noch Jahrzehnte später, wenn sie beteuert, sie würde es von allen Gipfeln rufen, wenn Jens mit der Tat nichts zu tun gehabt hätte.

Frankfurter Rundschau

In der postdemokratischen Unterstellungsgesellschaft ist offenbar schuldig, wer intelligent und gutaussehend ist. Dumme und Hässliche sollen dagegen unser Mitleid verdienen. Warum?

Elisabeth Hayson sitzt übrigens auch im Gefängnis. Und da man längst, die Regisseure zeigen es, die DNA eines Dritten, eines anderen Mannes, am Tatort gefunden hat, könnte alles auch ganz anders gewesen und die Tochter ebenfalls unschuldig sein. Weil Elisabeth Haysom zu keinem Interview bereit war, zeigt der Film insgesamt ihre Perspektive zu wenig und schwenkt mitunter zu stark auf die Argumentationslinie von Jens Söring ein.

Immer wieder aber pendelt der Film dann gerade noch rechtzeitig zurück in den Bereich der Zweifel, der Suche, des Unwissens. Genau dieses das unsichere Terrain macht die Faszination dieses Falls und dieses Thrillers aus der Wirklichkeit aus.

Der Hochstapler wird im Grimmschen Wörterbuch definiert als "Gauner, der als ein Vornehmer bettelt". Ein solcher war Clark Rockefeller. Er war verwandt mit der amerikanischen Milliardärsfamilie, er besaß Originale von Mondrian, Rothko und Newman und Millionen auf dem Bankkonto.

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Tatsächlich hieß er Christian Karl Gerhartsreiter und hatte nichts. Außer Träumen und Hoffnungen und für die war er offenbar bereit, über Leichen zu gehen. Denn in den USA ist er wegen Mordes verurteilt.

"Mein Freund Rockefeller" heißt der hochspannende, gerade in der Absurdität der Ereignisse faszinierende Dokumentarfilm über Gerhartsreiter, den die Journalistin Steffi Kammerer jetzt gedreht hat - ein Hit bei Netflix, wo er außer in Deutschland und Österreich zu sehen ist. Auch hier sät eine Regisseurin und ein Fall Zweifel an der amerikanischen Justiz, mehr als in "Das Versprechen" zweifelt man aber auch an der US-Gesellschaft, die einem solchen bizarren Typen und dessen Lügen verfällt, obwohl ihm seine Chamäleonhaftigkeit ins Gesicht geschrieben steht und sein Charisma begrenzt ist.

Der Film ist ein großartiges Panoptikum von Schwindlern, aufgeblasenen Gaunern und spießigen typisch-amerikanischen Trotteln. Darin sind beide Filme einander ähnlich.

Justizia ist blind, in Amerika aber stellt sie sich auch noch dumm (12 Bilder)

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(Rüdiger Suchsland)

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