Kalter Krieg 2.0

Aufstieg der anderen

Die blutigen Kriege, die alsbald in Zentralasien, im Mittleren Osten oder am Kaukasus ausbrachen, demonstrierten das auch recht eindrucksvoll. Rasch stellte sich diese "neue Weltordnung", die von George Bush und anderen ausgerufen wurde und die von Handel, Ausgleich und Kooperation zwischen den Staaten, Völkern und Kulturen getragen werden sollte, als Trugbild und frommer Wunsch heraus.

Statt einer "geopolitischen Auszeit" und zwangsläufigen und weltweiten Durchsetzung der Demokratie westlicher Prägung kehrte das "Zeitalter der Geopolitik" zurück und mit ihr jener "Großmachtnationalismus", der schon das 19. und 20. Jahrhundert geprägt und in Atem gehalten hatte. Im Brennpunkt stehen seitdem wieder politische Interessenslagen, die vom Kampf um Macht und Raum, um "Hinterhöfe" und Interessens- und Sicherheitssphären künden, und mit Geoökonomie, Ideologieschwund und Harmonie unter Nationen und Völkern herzlich wenig im Sinn haben.

Ein wesentlicher Grund für das Aufflackern neuer Rivalitäten und Systemkonkurrenzen ist, neben einem allmählichen Verblassen und Unattraktivwerdens des westlichen Modells (Unweigerlich abwärts) gewiss der rasante wirtschaftliche Aufstieg, den andere Völker und Staaten seitdem genommen haben. Selten haben sich derart viele Nationen so schwungvoll und in so kurzer Zeit vom Zustand der Schwäche in einen Zustand der Stärke entwickelt.

Dieser "Rise of the Rest" (Die Zukunft ist postamerikanisch) der sich vorwiegend im östlichen und da vor allem im südpazifischen Raum abspielt, zwingt dem Westen einen neuen Antagonismus im "welthistorischen Ausmaß" auf.

Der wirtschaftliche Höhenflug, den diese Staaten und Räume hingelegt haben, beweist, dass sich Wohlstand und Autokratie keinesfalls widersprechen müssen. Prosperität und Sicherheit lassen sich herstellen, ohne dass ein Land gezwungen ist, den Preis politischer Liberalisierung zu zahlen. China etwa hat den Turbokapitalismus als neues Aufbauprogramm entdeckt, es baut seine Wirtschaftsmacht und seine militärischen und globalen Ansprüche im pazifischen Raum und in Afrika Zug um Zug aus.

Ähnliches lässt sich auch von Russland vermelden. Nach dem fast Ausverkauf des Landes unter Boris Jelzin und der schlimmen Erfahrung, die Russland mit dem Neoliberalismus gemacht hat, hat das Land seinen kurzzeitigen Flirt mit dem politischen Kurs des Westens, seiner Kultur und Zivilisation wieder verloren. Es besinnt sich auf seine historischen und kulturellen Wurzeln zurück, entdeckt dabei die "russischen Seele" und die "eurasische Idee" als politische Idee neu und verschreibt sich dem Autokratismus.

In dem von byzantinischen Sehnsüchten, russischer Mystik und vom Glauben an die christliche Orthodoxie unterfütterten Denken geht es vor allem um die Bewahrung des Traditionellen, Gewachsenen und Eigenen, um den Schutz der Heimat und der russischen Erde vor dem Ansturm des Liberalen, Gleichmacherischen und Globalistischen, und um eine offensive Wendung gegen die für dekadent erklärte Kultur des Westens, die aus Völkern Märkte und aus Individuen Konsumenten macht.

Unter Vladimir Putin hat es sich gestärkt durch die Milliarden, die es aus dem Öl- und Gasgeschäft bezieht, wirtschaftlich wieder konsolidiert; es ist wieder größer und stärker geworden und zu den Ambitionen einer Großmacht zurückgekehrt, die eine "völkerrechtliche Großraumordnung" bevorzugt, globale Interessen verfolgt und sich, wie die USA seit 1823 schon (Monroe-Doktrin), eine Einmischung ("Interventionsverbot) raumfremder Mächte" an seinen Außengrenzen und Einflussgebieten verbietet. Daher verwundert es auch nicht, wenn Carl Schmitt, auf den dieses Denken in völkerrechtlichen Großräumen zurückgeht, in Moskau eine politische Renaissance erfährt

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