Ohne Russland geht nichts

Dank seiner Größe und Bedeutung, seiner Bevölkerungszahl und Schätze, die in seinen Böden zu finden sind und darauf warten, gehoben zu werden, kann das Land dieses politische Selbstbewusstsein auch öffentlich zur Schau tragen. Auch darum war es eine politische Dummheit, dass der US-amerikanische Präsident in Den Haag Russland als eine "Regionalmacht" bezeichnet hat.

Das Land, das höchst stolz auf seine spirituellen Quellen ist, ebenso gern wie die USA das Hohelied auf seine "einzigartige Größe" singt, vor aller Welt zu verletzen, zu beleidigen und zu demütigen, ist politisch kontraproduktiv und gibt allenfalls dem russischen Patriotismus und vor allem Nationalismus zusätzlichen Auftrieb. Zumal die USA auf den guten Willen und die konstruktive Mitarbeit Russlands angewiesen ist, im Iran und in Syrien genauso wie in Zentralasien oder in Nordafrika.

Ein gekränktes und erniedrigtes Land wird sich wenig kooperativ zeigen, sich zu "rächen" versuchen und es in diesen Regionen dann auch zu keinen dauerhaften Frieden kommen lassen. Man stelle sich vor, Russland würde mit Mexiko, Venezuela oder anderen Staaten, die den amerikanischen Hinterhof zieren, ein Assoziierungsabkommen aushandeln und die Stationierung russischer Raketen und Truppen beschließen. Wie würden sich wohl die politischen Eliten in den USA verhalten?

Anders als Obama und seine Administration denkt Putin in geschichtlichen Dimensionen. Nicht nur bezeichnete er den Zusammenbruch der Sowjetunion als "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Wie nahezu jeder seiner Vorgänger, von den Zaren bis zu den Sowjetherrschern, hat er als historisch denkender Mensch Angst vor einer Eindämmungs- und/oder Einkreisungspolitik.

Für Russland und für jede anderen Präsidenten ist es daher ebenso undenkbar wie politisch unannehmbar, dass ehemalige Staaten des Warschauer Paktes dem Nato-Bündnis angehören und Soldaten des westlichen Bündnisses vor seinen Grenzen patrouillieren. Das gab Putin bei seiner Rede vor der Duma am 18. März nach der Annektierung der Krim auch nochmals deutlich zu verstehen:

Das Wehen der NATO-Flagge in einer russischen Stadt ist eine Bedrohung für den gesamten Süden Russlands. Wir sind dagegen, dass eine Militärallianz [...] vor unserem Zaun, an unserem Haus und auf unseren historischen Territorien das Sagen hätte.

Gewiss musste das Land mit der Auflösung des Warschauer Paktes neue Realitäten akzeptieren. Ohnmächtig und hilflos musste Putin danach den Ereignissen und Entwicklungen vor seiner Haustür, in Zentralasien, auf dem Balkan und im Osten Europas, zusehen. Allzu bereitwillig ließ er sich für den War on Terror einspannen.

Auch den "Big Bang" mithin die Eingemeindung der baltischen Staaten in das Westbündnis ließ er noch geschehen, obwohl das westliche Militärarsenal gerade mal sechzig Kilometer vor St. Petersburg Stellung bezogen hat, ballistisch gesehen, nur ein paar Flugsekunden weit weg. Geografisch ist der russische Marinestützpunkt Kaliningrad jedenfalls von Nato-Truppen umringt.

Zu allem Überdruss errichteten die Amerikaner infolge des Afghanistan-Feldzuges in Usbekistan und Kirgisien Militärbasen und bauten sie zu einem engen Netz amerikanischer Stützpunkte in Zentralasien aus. Im April 2004 unterzeichnete die Nato schließlich ein Übereinkommen mit Kiew, das die Entsendung von Nato-Truppen in die Ukraine erlaubt, sollte dies die Allianz für notwendig erachten. Und dass die Ukraine bald Teil der Nato werden könnte, haben vor Jahren einflussreiche Politiker, wie etwa der damalige US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz, bereits angedeutet.

Dass der Kreml diesem Expansionsdrang des Westens und seines Bündnisses Richtung Osten und zu Lasten Russlands so lange tatenlos zusah und erst 2003/4, als zunächst die Ukraine dank der sogenannten orangenen Revolution und vier Jahre später Georgien sich der Obhut Russlands entziehen und in die Arme der EU (Russland, die USA und der Krieg in Georgien) streben wollten, dem Westen die Stirn bot, in die geopolitische Offensive ging und dem einen militärisch Riegel vorschob, verwundert schon sehr. Zumal es viele und gute Gründe für den Westen gibt, sich die Ukraine zur Beute zu machen.

Schon 1991, als sie ihre Unabhängigkeit vollzog, wurde die Ukraine vom Westen politisch gefördert und finanziell, etwa von der Soros-Foundation, massiv unterstützt. Seit 1994 räumten die USA den Beziehungen zur Ukraine bereits höchste Priorität ein. Bei jeder passenden Gelegenheit ließen in den Jahren danach westliche Politiker keinen Zweifel, dass in ihrer Optik die Ukraine Teil Europas sei.

Seit Mitte der 1990er unterhält die Ukraine zudem mit Amerika eine "strategische Partnerschaft", die sich an gemeinsamen Übungen der Nato mit ukrainischen Truppenverbänden zeigte. Um die damalige, prorussische Regierung zu schwächen, liefen von Amerika aus massive Geldzahlungen an NGOs, Medien und liberale Politiker. Und mit der Mitgliedschaft Polens und anderer osteuropäischer Länder, bekam der Wunsch der Ukraine nach einem Beitritt in die EU auch intern immensen Auftrieb.

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