Bis hierher und nicht weiter!

Zu dieser Zeit muss auch ein abrupten Gesinnungswandel beim russischen Präsidenten stattgefunden haben. Fortan betrachtete Putin, der bekanntlich in Ostdeutschland lange gelebt hat und mit westlichen Werten und Ideen bestens vertraut ist, den Westen nicht mehr als Partner, der Russland wohl gesonnen ist, sondern als Gegner und Feind. Und zu dieser Zeit scheinen auch die Eurasier um Alexander Dugin, den Zugang zum Ohr Putins gefunden und einen gewissen Einfluss auf ihn bekommen zu haben.

Denn was Russland bislang fehlte, um dem Expansionsstreben des Westens nach Osten politisch die Stirn zu bieten, war eine "große Erzählung" bzw. "große Strategie", wie sie die Neocons und George W. Bush mit ihrer "Sicherheitsdoktrin" Anfang der Nullerjahre für die "einzige Weltmacht" entworfen hatten. Und Dugin lieferte wichtige Stichwörter dafür.

Das Ziel seines Neu-Eurasismus, der mit Studien des politischen Geografen Sir Halford Mackinder operiert, ist ein Europa, das von Wladiwostok bis Lissabon reicht. Nur wer über die eurasische Landmasse herrscht, herrscht auch über die Welt. Der US-amerikanische Unipolarismus bzw. die angelsächsische Welt steht dem allerdings entgegen. Ein ständiges Ringen um Europa ist demnach die Folge.

Das barsche Auftreten Vladimir Putins auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Frühjahr 2007, wo er sich jede "Belehrung von außen in Sachen Demokratie" verbat, er den Anwesenden erklärte, dass "ein unipolares Modell" weder etwas mit Demokratie zu tun habe noch für Russland annehmbar sei und er das stetige Heranschieben von Nato-Truppen an russisches Territorium ebenso für einen "provozierenden Faktor" halte wie die Dislozierung amerikanischer Patriots in Polen und Radar- und Abhöranlagen in Tschechien, signalisierte das den durchaus überraschten Anwesenden, dass Russland fortan nicht mehr gewillt sein werde, diese Politik des Westens zu tolerieren.

Angesichts vieler deprimierenden Ergebnisse, die die russische Politik aus ihrer Sicht heraus mit der Kooperation des Westens gemacht hat, ist es nur verständlich, dass Putin die politische Entwicklung in der Ukraine zur Chefsache erklärt hat. Das machte Putin am 18. März vor der Duma auch unmissverständlich klar:

Im Fall der Ukraine haben unsere westlichen Partner eine Grenze überschritten. [...] In der Ukraine spiegelt sich all das, was derzeit, aber auch bereits in den vergangenen Jahrzehnten in der Welt passiert ist [...] Die Eindämmungspolitik wird auch heute noch fortgeführt [...]. Das Recht des Stärkeren [...], der Glaube an Erwähltheit und Exklusivität" des Westens, der "alles grob nach seinen Interessen zurechtbiegt.

Mit seinen über fünfzig Millionen Einwohnern ist das Land, an der Westgrenze Russlands gelegen, geopolitisch zu bedeutend für Russlands Zukunft, als dass Putin die Ukraine dem Westen kampflos überlassen könnte. Die Kontrolle über die Ukraine ist mithin im vitalen Interesse Russlands. Zumal es nach Aserbaidschan und der Türkei dritter "geopolitischer Angelpunkt" beim Streit um die Kontrolle Eurasiens ist.

Als solche werden laut Zbigniew Brzezinski gemeinhin Staaten betrachtet, die den "Zugang zu geopolitisch wichtigen Gebieten festlegen oder einem geostrategisch bedeutsamen Akteur bestimmte Ressourcen verweigern können." Wegen ihrer prekären geografischen Lage sind sie daher auch potentiell besonders verwundbar, was sie zu einem schützenswürdigen, aber auch zu einem heiß umkämpften Gut macht.

Zwar erlangte sie im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion 1991 ihre staatliche Unabhängigkeit. Aufgrund der ethnischen Zusammensetzung ihrer Bevölkerung (russische Minderheit im Osten) und ihrer historischen Herkunft (Zankapfel zwischen Polen und Russland) ist die Ukraine aber auf unterschiedlichste Art mit Russland liiert. Diverse Abkommen und Kooperationsverträge garantieren dem Land die dringend benötigten Öl- und Gaslieferungen aus dem Osten. Zum Ausgleich gewährte es Russland davor Zugang zu den russischen Militärstützpunkten auf der Krim und die Nutzung des Hafens von Odessa für den Handel mit der Mittelmeerregion.

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