Kalter Krieg der Geschlechter

Homosexuelle Männer sind um ein Vielfaches häufiger Opfer von Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffen im Alltag als Frauen. Allerdings erlebten auch viele Lesben Ausgrenzung und Beleidigungen am Arbeitsplatz oder im Alltag.

Verlust von Freiheit und freier Meinungsäußerung

Wie wir im ersten Wer ist hier eigentlich das typische Opfer?) und zweiten Teil (Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen) gesehen haben, spiegelt der Diskurs über Opfer und sexuelle Gewalt häufig nicht die Statistiken wider, einschließlich solcher Statistiken, in denen Frauen repräsentativ befragt wurden. Obwohl Männer deutlich häufiger Opfer schwerer Gewalttaten (mit Ausnahme der Sexualverbrechen) werden, werden ihre Erfahrungen oftmals überhaupt nicht erfasst. Im dritten und letzten Teil dieser Serie geht es um die theoretischen Hintergründe der feministischen Diskussion und die Gefahr, dass vordergründiger Schutz von Frauen und Minderheiten schließlich zum Verlust von Freiheit und freier Meinungsäußerung führt. Schon heute zeichnen sich deutliche Tendenzen ab, das Opfer-sind-Frauen- und Täter-sind-Männer-Denken in ein Frauen-sind-Opfer- und Männer-sind-Täter-Denken umzudrehen.

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Ein wesentlicher Grundpfeiler feministischer Diskurse ist die Berufung auf die allgemeine Aussagekraft subjektiver Erlebnisse (engl. "lived experience") unter Rückgriff auf Arbeiten des Philosophen Wilhelm Dilthey (1833-1911). Das wird von manchen heute so verstanden, dass die geäußerten Erfahrungen einer Sprecherin nicht hinterfragt werden dürfen.

Erlebte Mikroaggressionen sind dann Mikroaggressionen, (Weg mit den Mikroaggressionen); erlebte sexuelle Belästigungen sind dann sexuelle Belästigungen; und erlebte Vergewaltigungen sind dann Vergewaltigungen. Die "skeptische Feministin" Janet Radcliffe Richards, Professorin für Praktische Philosophie an der Oxford University, wies schon in den 1980er und 1990er Jahren wiederholt darauf hin, zu welchen Problemen in der Debattenkultur es dadurch kommt.

Wie solle man etwa damit umgehen, wenn sich die subjektiven Erlebnisse eindeutig widersprechen, das heißt, wenn sie unmöglich beide wahr sein können? Ihre Bemühungen um einen vernünftigen Diskussionsstil hätten zu großen Anfeindungen im feministischen Lager geführt, berichtet die Professorin in der zweiten Auflage ihres Buchs "The Sceptical Feminist" von 1994. Dabei sind solche Fragen nicht zuletzt vor Gericht entscheidend, wo es um nichts Geringeres als die Freiheit eines Menschen geht und sich Aussagen häufig widersprechen.

Dem Philosophen Dilthey ging es freilich bei seinen Überlegungen zu subjektiven Erlebnissen nicht darum, nur die Erfahrungen eines Geschlechts zu privilegieren. Im feministischen Diskurs, in Politik, in den Medien und bisweilen selbst in der Forschung scheint es aber darauf hinauszulaufen. So riefen etwa die Sozialwissenschaftler Melanie Steffens und Christof Wagner mehr als 50.000 Menschen in Deutschland an, um schließlich die Antworten mehrerer hundert Lesben, Schwulen und Bisexuellen über erlebte Diskriminierung zu erhalten.1

Dabei gaben mit 55% bei den Schwulen doppelt so viele Personen an, Beleidigungen im Alltag erlebt zu haben, wie bei den Lesben (26%). Bei Bedrohungen und Angriffen waren die Unterschiede noch deutlicher: Mit 21% hatten sich zehnmal so viele Schwule schon einmal bedroht gefühlt wie Lesben (2%). Schließlich gaben mit 16% achtmal so viele Schwule an, angegriffen worden zu sein, wie Lesben (2%). Bei bisexuellen Männern war das mit 8% immer noch viermal so hoch wie bei bisexuellen Frauen (2%).

Melanie Steffens, Professorin für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Koblenz-Landau, relativiert nun die Angaben der Männer: Erstens könne es sein, dass Bisexuelle und Lesben ihre sexuelle Orientierung häufiger verbergen als Schwule und deshalb seltener Opfer von Diskriminierung würden; zweitens sei nicht eindeutig feststellbar, ob jemand wirklich diskriminiert worden sei oder nicht.2

Dann muss sich die Forscherin schon die Frage gefallen lassen, warum sie - mit viel Aufwand - diese Zahlen überhaupt erhebt, wenn sie doch nicht so aussagekräftig sind. Die Angaben der so häufig zitierten Prävalenzstudie zur sexuellen Gewalt gegen Frauen des Frauenministeriums beruhten auch wesentlich auf den berichteten Erlebnissen der befragten Frauen. Deren subjektive Eindrücke werden in aller Regel auch ernst genommen.

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Wenn die Politik wirklich etwas gegen Gewaltverbrechen unternehmen will, dann sollte sie konsequenter auch einmal die - praktische, nicht juristische - "Schutzlücke" der 14- bis 29-jährigen männlichen Opfer schließen. Vielleicht lassen sich damit bloß keine Wählerstimmen fangen. Dieser Zustand hat jedoch zwei negative gesellschaftliche Folgen.

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