Kamerun: Großbaustelle, Unruhen und Präsidentschaftswahlen

Zentraler Markt in Kameruns Hauptstadt Yaoundé. Bild: Bdx, CC BY-SA 4.0

Auch an der Peripherie von Chinas neuer Seidenstraße herrscht rege Betriebsamkeit

Wenn im Zusammenhang mit Afrika von Chinas "One belt, one road"-Initiative (OBOR) die Rede ist, geht es meist um Ostafrika. Doch die Chinesen haben diesen Horizont längst erweitert und in vielen Ländern des Kontinents ambitionierte Infrastrukturprojekte angeschoben. 2009 hatte China die USA zudem als größter Handelspartner Afrikas abgelöst. Im vergangenen Jahr lag das Handelsvolumen China-Afrika bei 170 Milliarden US-Dollar . 2014 war mit 215 Milliarden US-Dollar der bisherige Rekord aufgestellt worden. Schwächelnde Rohstoffpreise hatten den Wert der afrikanischen Exporte nach China in der Folge gedrückt, während die chinesischen Ausfuhren nach Afrika stabil blieben.

China hatte seine Investitionen hier vor Jahren erhöht, just zu einer Zeit, in der sich westliche Unternehmen aus Afrika zurückzogen. Das Land hat seine Chancen konsequent genutzt und die vom Westen hinterlassene Leere ausgefüllt. Und dass die Chinesen und ihre afrikanischen Partner in ihren Bemühungen jetzt nicht innehalten werden, darüber haben sie auf dem Anfang September in Peking abgehaltenen Gipfel des Forums für Chinesisch-Afrikanische Zusammenarbeit (FOCAC) 2018 keinen Zweifel gelassen. Die Chinesen haben nach 2015 nun ein zweites 60-Milliarden-Dollar-Programm für die Zusammenarbeit mit Afrika aufgelegt, das auch Schuldenerlasse für die am wenigsten entwickelten, hoch verschuldeten und armen Länder Afrikas vorsieht.

Viele afrikanische Führer loben die Vorteile chinesischer Investitionen zur Unterstützung ihrer Länder - schließlich verstünden die Chinesen aufgrund ihrer eigenen leidvollen Erfahrung mit Kolonialmächten und ihren eigenen Modernisierungskämpfen der zurückliegenden Jahrzehnte die Gegebenheiten und die Dringlichkeit von Entwicklung in Afrika besser als irgendjemand anderes. OBOR-Kritiker vermuten jedoch, dass China seinen Partnern Schuldenprobleme aufhalst, um verstärkt Einfluss auf sie nehmen zu können. Beobachter halten dagegen, dass China an der afrikanischen Auslandsverschuldung von rund 600 Milliarden US-Dollar nur zu einem vergleichsweise moderaten Anteil vertreten ist - der überwiegende Rest wird vor allem der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und dem Pariser Club zugeordnet, und das trotz mehrerer Entschuldungsprogramme im Rahmen der HIPC-Initiative der G8-Staaten, mit denen ein "tragfähiges" Schuldenniveau wiederhergestellt werden sollte. Letzten Endes sei Chinas mutmaßliche "Schuldschein-Diplomatie" eine Propaganda-Erfindung des Westens, der gerade seine Felle davonschwimmen sieht.

Der "Port Autonome de Kribi" an der kamerunischen Atlantikküste wird nach seiner Fertigstellung der größte Tiefwasserhafen Zentralafrikas sein. 85 Prozent der in das Projekt fließenden 1,1 Milliarden Euro kommen von der China Exim-Bank (der Export-Import Bank von China), den Rest steuert der afrikanische Gastgeber bei. Das staatliche Bauunternehmen China Harbour Engineering Corporation (CHEC) ist mit dem Bau betraut. Gleichzeitig soll die Verkehrsinfrastruktur in der Region modernisiert werden.

In diesen Tagen gibt es selten gute Nachrichten für die kamerunische Regierung, die mit separatistisch motivierten Unruhen, einer verbreiteten Unzufriedenheit über ihre Amtsführung, der Ungewissheit über den Gesundheitszustand des Langzeit-Präsidenten Paul Biya sowie einem merklichen Rückgang der Öleinnahmen konfrontiert ist. Vor diesem Hintergrund geriet die offizielle Eröffnung der ersten Container- und Mehrzweckterminals des Hafens im März 2018 zum Lichtblick.

Nach Fertigstellung soll das Hafengelände über 20 Liegeplätze, ein Öl- und Gasterminal, eine 260 Quadratkilometer große Industriezone zur Verarbeitung von Holz, Baumwolle und Kakao sowie Straßen und Eisenbahnen verfügen, die den Hafen mit den wichtigsten Städten und Minen im Landesinneren Kameruns verbinden sollen. Im Juni 2017 hatte hier das erste Frachtschiff angelegt und eine Ladung kamerunischer Biomasse abgeholt, Ziel: Irland.

Der Hafen soll die Wirtschaft des Landes ankurbeln und gleichzeitig den Hafen von Douala entlasten. Die Chinesen wiederum versprechen sich Zugang zu den 500 Kilometer entfernten Eisenerzvorkommen von Mbalam an der Grenze zur Republik Kongo, die durch einen Schienenstrang an den Seeweg angeschlossen werden sollen. Außerdem haben die Chinesen Interesse an einem erleichterten Zugang zu den Nachbarstaaten.

Leuchtturm von Kribi zu Beginn 20. Jahrhundert, als Kamerun eine deutsche Kolonie war. Kribi ist heute ein Dreh- und Angelpunkt der Modernisierung des Landes. Bild: Wilhelm Langheld - Koloniales Bildarchiv, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, gemeinfrei

Europäische Unternehmen hatten sich 20 Jahre lang um den Zuschlag bemüht, doch die chinesische Offerte erschien den Kamerunern attraktiver. Seit dem ersten Vertrag über den Bau des Hafens im Jahr 2009 haben zehn chinesische Unternehmen Konzessionen für die Förderung von Bauxit, Eisenerz und anderen mineralischen Rohstoffe erhalten. Weitere chinesische Unternehmen bauen Bürotürme in der Hauptstadt Yaoundé und Stadien für den Afrika-Cup 2019, der in Kamerun stattfinden wird. Das Kribi-Projekt ist Teil der Expansion von CHEC in Afrika: das Unternehmen konnte auch anderswo Verträge über den Bau von Häfen an Land ziehen.

Kameruns Hauptexportgüter sind Öl, Holz, Kakaobohnen, Gold und Bananen (2016: Exportvolumen 3,5 Milliarden US-Dollar, Importvolumen 5 Milliarden US-Dollar). 50 Prozent der Exporte sind für Europa bestimmt, 10 Prozent gehen nach China. Fast die Hälfte der Ausfuhren Richtung China (Gesamtvolumen: 364 Millionen US-Dollar) besteht aus Holz, ein Drittel aus Rohöl.

Wichtigster Handelspartner war lange Zeit die letzte Kolonialmacht Frankreich, auch heute noch mit 13 Prozent der wichtigste europäische Importeur kamerunischer Produkte. 30 Prozent aller der von Kamerun importierten Waren wiederum kommen mittlerweile aus China: Produkte im Wert von 1,56 Milliarden US-Dollar, hauptsächlich Elektronik- und Elektroartikel, verarbeitete Metalle, Textilien, Fahrzeuge, Pestizide und Medikamente.

Die "Süd-Süd-Einigkeit und Zusammenarbeit" verläuft nicht immer reibungslos. Auch in Kamerun treten ähnliche Probleme wie in anderen Entwicklungsländern auf, in denen die Chinesen Fuß gefasst haben. Ein entscheidender Punkt ist der Einfluss der großen Mengen importierter chinesischer Waren auf die regionale Industrie. Während die dominierende Rohstoffverwertung von chinesischen Kapitalinvestitionen profitieren, können die steigenden Einfuhren aus China die lokalen Lieferanten unterbieten und verdrängen. Obwohl gerade diese Importe ärmeren Verbrauchern erlauben, vorher unerschwingliche Waren des täglichen Bedarfs zu erwerben, torpedieren sie den Versuch, durch die Entwicklung einer eigenen Industrie die einseitige Abhängigkeit vom Verkauf unveredelter Rohstoffen zurückzudrängen.

Im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten arbeiten in Kamerun trotz der Anzahl laufender Großprojekte relativ wenige Chinesen - nur 1.6 Prozent der insgesamt in Afrika offiziell eingesetzten mehr als 200.000 chinesischen Arbeitskräfte. Auch in Kamerun sehen sich Chinesen dem Vorwurf ausgesetzt, abgeschottet unter sich zu bleiben. Zumindest einer von ihnen hat versucht, dem entgegenzuwirken: der "Makossa-Chinese" Liu du Kamer, der mit seinen Darbietungen im Gedächtnis der Einheimischen unvergessen bleibt: Solcherart kulturelle Annäherungsversuche wären bei den einstigen europäischen Kolonialherren einfach unvorstellbar gewesen.

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