Kamerun: Separatismus als Erbe der Kolonialzeit

Der südliche Teil des britischen Kamerun votierte 1961 für eine Zugehörigkeit zum französischen Kamerun, der nördliche schloss sich Nigeria an. Eine Selbständigkeit stand nicht zur Auswahl. Karte: Roke. Lizenz

Der ehemals britische Teil des afrikanischen Landes will sich vom ehemals französischen Teil abspalten

Die Gründe dafür, warum ein Teil eines Landes sich von einem anderen Teil eines Landes abspalten will, müssen nicht unbedingt jahrhundertelang in die Vergangenheit zurückreichen, wie das in Katalonien oder im Donbass der Fall ist. In Kamerun liegt der Stein des Anstoßes noch nicht einmal hundert Jahre zurück.

1919 teilte der Völkerbund die ehemalige deutsche Kolonie in ein britisches und ein französisches Mandatsgebiet. In den folgenden Jahrzehnten setzten besonders die Franzosen in ihrem Teil des Landes ihre Sprache in Bildung und Verwaltung gegenüber den einheimischen Sprachen durch. Als 1960 das Mandat des Völkerbund-Nachfolgers UN auslief, ließen die Briten die Bevölkerung in ihrem Teil des Landes abstimmen, ob es Teil Nigerias oder Kameruns werden sollte. Dabei entschied sich der Norden für die Zugehörigkeit zu Nigeria und der Süden für die zu Kamerun.

Zentralstaat und Quasi-Diktatur

Dieses 1961 ausgerufene Kamerun sollte ein Bundesstaat sein, der sowohl Französisch als auch Englisch als Amtssprachen anerkennt und dessen Staatsführung durch demokratische Wahlen bestimmt wird. Letzteres erwies sich schon bald als Makulatur, weil Ahmadou Ahidjo, ein Fulbe, gar nicht daran dachte, die einmal in seinen Händen gelandete Macht durch Wahlen abzugeben. Stattdessen betonierte er sie, indem er 1966 die (1985 in Rassemblement démocratique du Peuple Camerounais - RDPC) umbenannt Einheitspartei Union Nationale Camerounaise (UNC) erschuf und den Bundesstaat 1972 in einen Zentralstaat umwandelte.

Erst zehn Jahre darauf gab Ahidjo das Präsidentenszepter an seinen Ministerpräsidenten Paul Biya weiter - einen ebenfalls aus dem französischsprachigen Landesteil stammenden Bulu, der 1992 Oppositionsparteien zuließ, aber bis jetzt an der Macht blieb. Unter den Anfangs über 30 zugelassenen Oppositionsparteien kristallisierte sich nur eine von Bedeutung heraus: Die Social Democratic Front (SDF), deren wichtigster Unterschied zur RDPC ist, dass sie vor allem im englischsprachigen Teil gewählt wird.

"Republik Ambazonia"

Die Ansicht, dass das Votum für Kamerun 1961 ein Fehler gewesen sein könnte, breitete sich in diesem englischen Teil bereits in den frühen 1970er Jahren so stark aus, dass sie eine Guerilla nährte, die die Abspaltung mit militärischen Mitteln versuchte. Am 1. Oktober 2017, dem kamerunischen Nationalfeiertag, riefen Separatisten eine "Republik Ambazonia" aus. Der Name kommt von der "Ambas Bay", in der der Mungo ins Meer mündet. Sie gab einem englischen Protektorat den Namen, das London 1887 an das deutsche Kaiserreich abtrat.

Bei der Ausrufung der Unabhängigkeit zündeten Separatisten mehrere Polizeiwachen an und veranstalteten eine Demonstration, bei der 17 Teilnehmer erschossen wurden. Biya verkündete darauf hin, er werde "alle Mittel" einsetzen, um "diese Verbrecher unschädlich zu machen". Sein Verteidigungsminister Joseph Beti Assomo ergänzte, er werde die Weisung seines Präsidenten "bedenkenlos" ausführen. Seitdem soll es bei Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen, drei verschiedenen Separatisten-Guerillas und zahlreichen Dorfwehren mehr als hundert Tote gegeben haben.

Alleine am 18. Mai töteten Truppen der Zentralregierung in Menka mindestens 22 Separatisten. Die wiederum werden beschuldigt, seit 2016 über hundert Polizisten, Soldaten und Zivilisten ermordet zu haben - häufig aus dem Hinterhalt oder durch Sprengstoffanschläge.

Dass die Wahlen, die für den Herbst angesetzt sind, den Konflikt befrieden, ist nicht zu erwarten: Wie in fast allen Vielvölkerstaaten hat sich das Parteiensystem Kameruns zu einem System ethnischer Vertretungen entwickelt, weshalb die erneute klare Mehrheit für die RDPC bereits jetzt absehbar ist.

Nicht die ursprünglichen Mutter-, sondern die Verkehrssprachen als Trennlinien

Das Ungewöhnliche an der Situation in Kamerun ist lediglich, dass sich die ethnischen Trennlinien nicht an den ursprünglichen Mutter-, sondern an den Verkehrssprachen festzumachen scheinen. Dabei spielt eine Rolle, dass es in diesem Land mit (je nach Zählweise und Definition) etwa 250 verschiedene Volksgruppen, keine gibt, die klar dominiert.

Allerdings gibt es solche dominierenden Gruppen in den ehemals englischen Provinzen: In der Provinz Nord-Ouest sind es die Bamileke, in Sud-Ouest und Bamun. Beide Volksgruppen leben aber auch im französischen Teil Kameruns. Zusammengerechnet stellen sie landesweit etwa ein Viertel der Bevölkerung.

Die Fulbe, die insgesamt etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, konzentrieren sich vor allem auf den französischen Norden. Im französischen Süden sind die Fang und die Duala wichtige Gruppen, die auf 18 beziehungsweise 15 Prozent Bevölkerungsanteil kommen, wenn man ihnen enger verwandte Völker hinzurechnet. (Peter Mühlbauer)