Kampf der Giganten

Chinas dramatischer Aufstieg wird das "unipolare Moment" der USA in diesem Jahrhundert beenden. Darüber sind sich alle Experten einig. Die spannende Frage ist, ob dieser Zusammenstoß der Giganten "friedlich" endet oder in einem Waffengang ausgetragen wird

Es war, glaube ich, im Sommer letzten Jahres, als ein findiger Reporter Hillary Clinton fragte, was sie wohl tun würde, sollten die Chinesen Taiwan angreifen und versuchen, es ihrem Staatsgebiet einzuverleiben. Anscheinend unvorbereitet und ziemlich überrascht ob dieser delikaten Frage, wusste die demokratische Präsidentschaftskandidatin darauf so schnell keine Antwort. Sie sah sich Hilfe suchend nach ihren Beratern um und faselte dann etwas von Beistandsverpflichtungen, die Amerika gegenüber der Inselrepublik hätte.

Bereichert Euch! Macht Geschäfte, keine Politik!

Deng Xiaoping

Diese Reaktion einer Bewerberin um das mächtigste Amt der Welt macht Staunen und lässt Zweifel an ihrer Eignung und Befähigung aufkommen. Vor allem, wenn man weiß, dass George W. Bush gleich nach seinem ersten Amtsantritt die seit Richard Nixon geltende „Ein-China-Politk“ seines Vorgängers Clinton aufgekündigt und die Lieferung hochmoderner Offensivwaffen, Flugzeuge, Raketen, Zerstörer und U-Boote, an die abtrünnige Inselrepublik gebilligt hat. Gleichzeitig erklärte er das Reich der Mitte zum „strategischen Rivalen“ und wies darauf hin, dass Amerika künftig alles tun werde, um die Selbstverteidigung Taiwans zu garantieren.

Ferner ist es in den letzten Jahren immer wieder zu ernsten Zwischenfällen zwischen beiden Großmächten gekommen. Darunter die angeblich versehentliche Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad anno 1999 und die Kollision eines chinesischen Abfangjägers mit einem US-Spionageflugzeug vor den Küsten Chinas zwei Jahre später. Schließlich hat das Pentagon noch 2005 in seinem Jahresbericht festgestellt, dass China langfristig eine große Gefahr für die globale Sicherheit der USA darstellt.

Die implizite Frage des Reporters an Hillary Clinton, wie viele Tote den USA die Verteidigung Taiwans wert sei, ist daher alles andere als eine rhetorische. Ehren halber und zu Hillary Clintons Verteidigung muss man aber auch sagen, dass Ähnliches auch ihrem innerparteilichen Konkurrenten Barack Obama widerfahren ist. Auch er zeigte sich zunächst verblüfft und konnte darauf, falls die Erinnerung mich nicht trübt, nur ausweichend und nebulös antworten.

Damit stehen die beiden Demokraten aber nicht allein. Ein Blick in die außenpolitischen Entwürfe (Campaign 2008) der Kandidaten genügt. In kaum einer der bislang vorliegenden Konzepte kommt die „chinesische Herausforderung“ über den Charakter einer Fußnote hinaus. Entweder kommt sie gar nicht vor wie bei Mike Huckabee oder Mitt Romney oder sie wird in einem Satz abgetan wie bei Barack Obama und John Edwards, Rudolph Giuliani und Bill Richardson. In aller Regel dominieren die bekannten Brandherde im Größeren Mittleren Osten, der Kampf gegen den globalen Terrorismus, die Stärkung alter Partnerschaften und Allianzen und die Frage, wie Amerikas Stärke und Ansehen in der Welt wiederhergestellt werden kann.

Eine Ausnahme machen die zuvor gescholtene Hillary Clinton und ihr republikanischer Kontrahent John McCain. Beide äußern sich nicht detailliert, aber zumindest passagenweise zu den Ambitionen Chinas. Sie sprechen gravierende Probleme (Unterbewertung des Yuan, Kooperation mit Pariastaaten, Produktpiraterie), bestehende Unterschiede (Menschenrechte, Demokratie) und mögliche Konfrontationspunkte (Iran, Taiwan, Energie- und Klimapolitik) zwischen beiden Länder an und bezeichnen die Beziehung zum Reich der Mitte als wichtigste Herausforderung der nächsten Präsidentschaft (McCain) oder gar als wichtigste bilaterale in diesem Jahrhundert (Clinton). Legt die Demokratin ihr Augenmerk auf eine gelingende Zusammenarbeit mit dem Reich der Mitte, betont der Republikaner eher den Willen, auf chinesische Provokationen mit entsprechender Härte reagieren zu wollen.

Immerhin, wird mancher sagen, auch wenn das eher das Verdienst kompetenter Berater als das der Kandidaten sein dürfte. Haben die Chinesen nicht erst vor knapp einem Jahrzehnt ein militärisches Manöver vor den Küsten Taiwans abgehalten, um die damalige Präsidentenwahl in ihrem Sinne zu beeinflussen? Hat nicht Taiwan erst am 10. Oktober, seinem Nationalfeiertag, seine militärischen Muskeln spielen lassen und bei der ersten Militärparade seit sechzehn Jahren stolz seine neuesten Waffensysteme zur Schau gestellt? Und hat der taiwanesische Präsident Chen Shui-bian nicht erst kürzlich das Nachbarland als größte Bedrohung für den Weltfrieden bezeichnet und plant, der Bevölkerung bei den Wahlen am 22. März ein Referendum über einen Beitritt der abtrünnigen Republik zur UN vorzulegen? Eine UN-Mitgliedschaft, so sein Kalkül, könnte der Inselrepublik zur erwünschten international anerkannten Unabhängigkeit verhelfen, nachdem es 1971 dort auf Betreiben Pekings ausgeschlossen worden war.

Anlass der politischen Offensive Taipehs dürften die bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking im Sommer dieses Jahres, aber auch die Expo 2010 in Shanghai sein. Offenbar ist man dort der Ansicht, dass Chinas Führer, dem insularen Treiben nach staatlicher Unabhängigkeit tatenlos zusehen werden, um die Ereignisse nicht zu gefährden. Das könnte sich aber rasch als Bumerang oder Spiel mit dem Feuer herausstellen. Nicht zuletzt, weil China vor knapp drei Jahren ein „Anti-Sezessionsgesetz“ verabschiedet hat, das ausdrücklich den Einsatz „nicht-friedlicher Mittel“ vorsieht, wenn Taiwan seine Unabhängigkeit erklärt. Olympiade und Expo mögen für China, das derzeit nach weltweiter Anerkennung und Respekt sucht, wichtig sein – aber dass das Land in dieser Frage, die neben der um Tibet eine von höchstem nationalen Interesse ist, stillhalten wird, um eine Absage der Spiele oder der Weltausstellung zu vermeiden, dürfte ein Trugschluss sein.

Dass Peking Provokationen nicht scheut und entsprechend kühl reagiert, wenn Interessen und Hinterhof verletzt werden, musste zuletzt die Besatzung der „USS Kitty Hawk“ leidvoll erfahren. Vier Tage lang verwehrte China dem Flugzeugträger und seinen Begleitschiffen mit insgesamt 8000 Soldaten an Bord den lang geplanten Aufenthalt in Hongkong. Im Hafen warteten Hunderte Angehörige, die deswegen extra um die halbe Welt geflogen waren. Erst nach zähen Verhandlungen und im letzten Moment erlaubte die chinesische Führung das Einlaufen nach Hongkong und ermöglichte damit ein dort geplantes Thanksgiving-Fest der Soldaten mit ihren Familien (China ließ US-Flotte vor Hongkong dümpeln.

Und immerhin, wird man auch sagen, wenn man noch um den globalen Führungsanspruch des Neuen Rom weiß, dessen neokonservative Baumeister schon vor Jahren die Losung Projekt For A New American Century ausgegeben haben, die sicherstellen soll, dass auch das 21. Jahrhundert noch das „amerikanische“ genannt werden wird.

Anders als in den Wahlkampagnen der Kandidaten wird in den inneren Zirkeln der US-Denkfabriken längst vielstimmig und kontrovers über das künftige Verhältnis der beiden Mächte nachgedacht. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage, wie die USA Chinas dramatischen Aufstieg zur pazifischen Supermacht bewerten und auf die Herausforderung des „chinesischen Drachen“ reagieren sollen (Das unheimliche Reich der Mitte). Einbindend, indem sie Peking die Vorteile einer Mitarbeit an internationalen Institutionen und Organisationen schmackhaft macht? Der Beitritt zur WTO gilt dabei allgemein als Vorbild. Wobei Kritiker einwenden, dass eine solche Politik der offenen Tür China erst den Diebstahl technologischen Wissens ermöglicht hat. Oder konfrontativ, indem man China die Beherrschung seines Vorhofes, den asiatisch-pazifischen Raum, streitig macht, potentielle Rivalen wie Japan und Indien militärisch unterstützt und eine ähnliche Politik verfolgt, wie sie seinerzeit gegenüber der Sowjetunion erfolgreich praktiziert worden ist?

Exemplarisch für die Kontroverse kann der Wortwechsel zwischen John Mearsheimer und Zbigniew Brzezinski, zwei der profiliertesten außenpolitischen Realisten, gelten, der vor drei Jahren von der Zeitschrift „Foreign Policy“ initiiert und unter dem Titel Clash of The Titans publiziert worden ist. Hintergrund des Streits ist die seit Paul Kennedys monumentalem Werk „Aufstieg und Fall großer Mächte“ in der internationalen Politik gängige These, wonach der Aufstieg einer neuen Weltmacht oder Region (hier der asiatisch-pazifische Raum) zwangsläufig katastrophisch verläuft, weil mit ihm der Abstieg einer alten Weltmacht und Region (hier der Westen) Hand in Hand geht. Kommende Mächte möchten gern ihre neu gewonnene Macht durch mehr Autorität in der internationalen Ordnung verankert wissen, sie möchten Spielregeln und Institutionen verändern und sie ihren Interessen anpassen, während Mächte, die an Autorität verlieren, fürchten, aufgrund ihrer geschwächten Position an Sicherheit und Einfluss dort einzubüßen.

Zbig Brzenszki, der die Debatte eröffnet, glaubt nicht an eine solche Gesetzmäßigkeit. Er ist überzeugt, dass China die USA militärisch nicht herauszufordern kann und wird. Weder in naher noch in ferner Zukunft. Mag die historische Erfahrung auch anderes lehren – das nukleare Zeitalter habe die alte Machtpolitik obsolet gemacht, ein Knall der Titanen sei darum graue Theorie. Trotz seines latenten Nationalismus und trotz aller geschichtlichen Demütigungen, die dem Land im 19. und 20. Jahrhundert durch Briten, Russen und Japaner widerfahren sind, reagierten die modernen chinesischen Staatenlenker neuerdings erstaunlich rational, flexibel und umsichtig in der Regelung internationaler Konflikte.

Im Gegensatz zu den Deutschen und Japanern im letzten Jahrhundert sei China mehr am wirtschaftlichen Erfolg interessiert als an militärischer Dominanz. Eine konfrontative Politik würde das Wirtschaftswachstum ernorm stören, es würde der Bevölkerung schaden und die Macht der kommunistischen Partei gefährden. Andererseits wüssten Chinas Führer sehr genau um ihre Schwächen. Ihre militärischen Kapazitäten reichten bei weitem nicht aus, um sich auf eine handfeste Auseinandersetzung mit den USA einzulassen. Bislang verfüge es nur über ein paar Handvoll atomarer Raketen, mit denen es Amerika erreichen oder bedrohen könne. Auch könne ihre Seeflotte einer Seeblockade durch die USA nur wenig entgegensetzen. Darum sei zu erwarten, dass sich China in die internationale Ordnung einpassen und äußerst vorsichtig agieren wird, um mittels wirtschaftlichen Erfolgs seine globale Vorrangstellung auszubauen.

Im Prinzip dürfte Brzezinski da nicht ganz falsch liegen. Die gegenwärtig zu beobachtenden Aktivitäten des Landes sprechen eindeutig dafür. China ist eine Kontinental-, und keine Seemacht. Und weil es darauf angewiesen ist, dass Frachter und Containerschiffe ihm Rohstoffe, Energie und Güter aller Art zuführen, ist es auch sehr verletzlich. Ohne ständige „Blutzufuhr“ würden der riesige Organismus und sein Wirtschaftswachstum kollabieren. Besorgt muss die kommende Weltmacht auf Seewege, Meerengen und Wasserdurchfahrtsstraßen blicken, auf die Straße von Hormuz, von Malakka oder den Suez- und Panamakanal, die von den USA kontrolliert werden. Würden diese „Versorgungskanäle“ blockiert, würde es rasch mit den großen Ambitionen Chinas vorbei sein.

Da ihr Droh- und Abschreckungspotential viel zu gering ist, kann Peking dagegen weder etwas unternehmen noch ihren politischen Zielen irgendwie Nachdruck verleihen. Darum strickt das Reich schon seit geraumer Zeit an einem eigenen globalen Sicherheitsnetz mit rohstoffreichen Staaten (Russland, Afrika) und geostrategisch wichtig gelegenen Ländern (Iran). Mit dem Abkommen mit Russland, auch „Shanghai Five“ genannt, zu denen zuletzt auch Iran, Indien und Pakistan als Beobachter geladen waren, will man der Dauerpräsenz der USA in Zentralasien eine mächtige Gegenallianz entgegensetzen.

Gleichwohl bleibt Fakt, dass niemand weiß, wie hoch die Ausgaben Pekings für seine Streitkräfte tatsächlich sind. Experten schätzen, dass sie drei- bis viermal so hoch sind, wie in den offiziellen Angaben der Regierung verlautbart. Danach dürften sie bei ca. 100 Milliarden Dollar liegen. Zwar betreibt Peking ein umfangreiches strategisches Nuklearprogramm. Es ist nach Beobachtermeinung die Atommacht, die zwei Interkontinentalraketenprogramme gleichzeitig unterhält, dazu kernwaffenfähige Marschflugkörper entwickelt und an einer neuen Generation von U-Boot-gestützten ballistischen Waffen und nuklear angetriebenen strategischen U-Booten arbeitet. Doch braucht China, um etwa Taiwan zu „befreien“ und die Amerikaner von einer Intervention abzuhalten, keine Erstschlagkapazitäten. Im Zweifelsfall genügt die Fähigkeit zum Zweitschlag, also die Beantwortung der oben gestellten Frage, wie viele tote und verwundete GIs den USA ein freies Taiwan wert ist.

John Mearsheimer wiederum ist vollkommen anderer Ansicht. Große Mächte könnten gar nicht anders, als nach hegemonialer Dominanz zu streben. Die Geschichte der internationalen Politik biete dafür hinreichend Belege. Der Unilateralismus der USA der letzten Jahre habe gezeigt, dass Command & Control für einen globalen Hegemon in der modernen Welt mittelfristig nicht mehr zu realisieren ist. Dafür sei sie zu anarchisch, komplex und unberechenbar. Deshalb müsse jede Großmacht versuchen, wenigstens den eigenen Vor- oder Hinterhof zu dominieren. Wer in der internationalen Politik erfolgreich sein will, tue gut daran, „Godzilla statt Bambi zu sein“.

Chinas Aufstieg zur pazifischen Supermacht werde sich darum nicht friedlich vollziehen. Schon aus Überlebensgründen müsse China alle potentiellen Rivalen aus dem pazifischen Raum drängen. Darunter vor allem die USA. Unweigerlich werde es dabei zum Clash mit den USA kommen. Wolle die westliche Weltmacht dem zuvorkommen, bleibe ihr nichts anderes übrig, als preemptiv auf die Ambitionen des neuen Rivalen zu reagieren. Vorbild könnte die Containmentpolitik des Kalten Krieges sein, mit der man einst den sowjetischen Rivalen niedergerungen hat.

Ob man mit „Einhegung“ das Hochkommen Chinas zügeln und begrenzen kann, bleibt zweifelhaft. Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Anders als der ehemalige stalinistische Feind im Osten, sind seine Wachstumsraten weder aufgehübscht noch verfälscht. Das Land wächst wirtschaftlich enorm und bedroht auf diese Weise die amerikanische Wirtschaftsmacht. Hinzu kommt, dass es aufgrund seiner ebenso schlauen wie hinterhältigen Politik des „Technologietransfers“ ständig große Fortschritte im Bereich Forschung und Entwicklung macht und sich zudem durch eine vor- und weitschauende Politik seiner Führer auszeichnet. China hat längst realisiert, dass es militärisch noch zu schwach ist und seine politischen Ziele, die im Übrigen keiner kennt, nur über ökonomische Triumphe erreichen kann. Es weiß, dass es vorerst (noch) auf das Kapital, die Technologie und die Investitionen der westlichen Welt angewiesen ist und sich dabei als beinharter Konkurrent auf den Weltmärkten beweisen muss.

Darum agiert es auch in brisanten politischen Fragen höchst vorsichtig, kooperativ und überlegt, wie man im Falle Nordkoreas, Myanmars und Irans sehen konnte. Anders als der Goliath USA verprellt es nicht Partner, Freunde oder Vasallen durch Alleingänge, arrogantes Verhalten und Basta-Politik. Vielmehr gebraucht es sein Vetorecht im UN-Sicherheitsrat kalkuliert und bedächtig, es achtet penibel das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das auf dem Prinzip der Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines anderen Landes beruht, und verfolgt in aller Regel deeskalierende Strategien in Krisensituationen und Krisenregionen.

Freilich stößt, worauf Brzezinski hinweist, der Macht- und Führungsanspruch Pekings bereits vor der Haustür auf Grenzen und erhebliche Widerstände. Einmal, weil die USA nun mal mit ihrem Militärstützpunkten in Singapur, auf Okinawa und den Philippinen eine pazifische Macht seien, mit Japan ein Militärbündnis haben und ein Hinausdrängen der USA ihren gemeinsamen Sicherheitsinteressen zuwiderlaufe. Zum anderen, weil am Ende und als Ergebnis einer solchen Verdrängungspolitik ein atomar hochgerüstetes Japan stehen könnte, das sich dem chinesischen Hegemoniestreben widersetzt. Ein solches remilitarisiertes Japan könnte aber kaum im Interesse Chinas sein. Mearsheimer wiederum kontert, dass er von der Zukunft spreche, davon, wenn sich, laut einer Studie von Goldman-Sachs, 2020 die Entwicklungslinien beider Bruttosozialprodukte kreuzen werden und China auch über entsprechende militärische Möglichkeiten verfügen werde. Wie werden sich dann die chinesischen Führer in der Frage Taiwans verhalten? Oder, wenn sie 2050, wie die Analyse prognostiziert, die USA tatsächlich wirtschaftlich überholt haben? Wie werden sie den USA gegenübertreten, wenn aus ihrer wirtschaftlichen Macht eine militärische geworden ist und das Land in der Lage ist, anderen Staaten ihre Bedingungen zu diktieren? Darüber könne die praktische Politik keine Auskunft geben, nur die politische Theorie. Und die historische Erfahrung lehre eben, dass Staaten nicht trotz, sondern gerade wegen starken wirtschaftlichen Wachstums (er verweist dabei auf Deutschland vor WK I oder Deutschland und Japan vor WK II) in den Krieg gezogen sind.

Im Moment könne den USA niemand das Wasser reichen. Weder im Westen noch im Osten oder im Süden. Ungehindert und nach Belieben könne die Weltmacht für Turbulenzen und Unruhe in den Hinterhöfen anderer Regionalmächte sorgen. Im Umkehrschluss bedeute dies aber nicht, dass China nicht Selbiges in amerikanischen Hinterhöfen versuchen könnte, sollten Süd- und Mittelamerika ihre US-amerikanische Zwangsjacke ablegen (Venezuela, Bolivien, Mexiko) oder sich ihrerseits zu Regionalmächten entwickeln (Brasilien, Argentinien).

Dass dies bereits geschieht, in Afrika, wo China nicht nur die Hauptabsatzmärkte für ihre Billigwaren findet, sondern sich auch mit den nötigen Bodenschätzen und Rohstoffen versorgt, die ihre Wirtschaft am Dampfen halten; dass es dabei dem Westen erheblich in die Quere kommen, sich als eifrigster Proliferateur moderner Waffensysteme zeigt, mit allerlei Despoten, Schurkenstaaten oder Islamisten gleichermaßen Handel und gute Geschäfte macht, und sich dadurch Abhängigkeiten und Loyalitäten sichert (Pilgerfahrt nach Peking; und dass die Zeichen längst auf Sturm stehen und der Kalte Krieg bereits begonnen hat, davon ist der französische Wirtschaftsberater Jean-Francois Susbielle überzeugt.

Folgt man seinen Thesen, dann ist der Hauptgegner und Feind der USA nicht der Islamismus, Al-Quaida und Konsorten, sondern das Reich der Mitte. In seinem Buch „China-USA. Der programmierte Krieg“ (Propyläen Verlag) malt er ein Krisenszenario aus, das den Schauplatz aller künftiger Konflikte nach Ostasien verlagert. Alle Gefahren, die der Weltmacht drohen, hätten ihren Ursprung demnach im Aufstieg Chinas zur Weltmacht. Nur weil sie darum wüssten, gäben die USA jährlich über eine halbe Billion für Verteidigung aus und investierten davon fast 10 Milliarden Dollar in die Entwicklung eines Raketenabwehrsystems.

Den Irak habe man, so die steile These, nur deshalb erobert, um Chinas Abhängigkeit von der Energieversorgung aufrechtzuerhalten. Das militärische Stützpunktsystem im rotchinesischen Meer werde eingerichtet und ausgebaut, um auf den vierten Weltkonflikt vorbereitet zu sein. Zur Stützung dieses Horrorgemäldes zitiert er den chinesischen Verteidigungsminister Chi Haotian, der kurz vor dem Irak-Krieg lapidar festgestellt haben soll, dass der Konkurrenzkampf zwischen Nationen „stets durch Kriege entschieden werde.“ Um der Wiedervereinigung mit Taiwan näher zu kommen und Chinas Rechte im Südchinesischen Meer zu verteidigen, seien daher umfassende Rüstungsanstrengungen unumgänglich. Der Krieg um Taiwan werde jedenfalls „innerhalb der nächsten fünf Jahre stattfinden“ – mithin dieses Jahr.

Mag das Buch auch in knapper Form informatives Wissen über Geschichte und Mentalität der fernöstlichen Macht bieten, in seiner Einseitigkeit ist seine Analyse natürlich sehr gewagt, höchst spekulativ und starker Tobak. Ohne Frage ist das Reich der Mitte längst Global Player. Es spielt in der Weltwirtschaft bereits eine entscheidende Rolle und ist damit Konkurrent für alle, für Amerika ebenso wie für Europa oder Russland. Über allen Märkten, gleich, ob es sich um Rohstoff-, Kapital- oder Arbeitsmärkte handelt, liegt der Schatten Chinas. Lagen chinesische und indische Volkswirtschaft Anfang der 1970er Jahre noch gleichauf, so hat sich dreißig Jahre später die chinesische Wirtschaft gegenüber der indischen ums Dreifache gesteigert. Mittlerweile ist China die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Sie hat nicht nur Staaten wie Frankreich, England oder Italien hinter sich gelassen, das Land hat auch Deutschland als größtes Exportland abgelöst. In den Handelsbeziehungen mit China haben die USA ein Handelsdefizit von über 200 Milliarden Dollar eingefahren. Auf diese Weise ist China zum größten Gläubiger und Kreditgeber der globalen Weltmacht geworden. Würde das Land seine Schulden eintreiben oder die riesige Dollarmenge, die es gehortet hat, auf den Markt werfen, würde das den Kollaps der USA und der gesamten Weltwirtschaft bedeuten.

Wer dahinter aber wie Susbielle eine „Grand Strategy“ vermutet und von wirtschaftlichen Triumphzügen direkt auf Krieg schließt, verkennt die komplexe geostrategische Situation, wie sie sich nach Ende des Kalten Krieges herauskristallisiert hat. Im weltweiten Kampf um Bodenschätze, Rohstoffe und Einflusszonen gibt es für Goliath mehr als nur einen Rivalen, Gegenspieler oder Feind. Beispielsweise Russland, das darüber reichlich verfügt, oder eben auch Europa, das davon relativ wenig besitzt. Das „Große Spiel“ auf nur einen Herausforderer oder Mitbewerber zu beschränken, wird weder den beiden Rivalen noch dem Hunger und Durst aller anderen Player nach Energie, Aufschwung und Wohlstand gerecht.

China mag ein potenter Gegner sein, vermutlich, sollte die wirtschaftliche Dynamik weiter so munter und zügig voranschreiten wie bisher, sogar der potenteste in der Zukunft für die USA. Aber dass das Land der einzige und ausschließliche sein wird, ist kaum zu erwarten. Nicht nur, weil China selbst auf Partner, Allianzen und Zulieferer angewiesen ist. Sondern auch, weil sich die internationale Ordnung nach den militärisch glücklosen Abenteuern im Mittleren Osten sehr fragil und vielgestaltig zeigt. Niemand weiß, wann und wo der nächste Krisenherd explodiert.

Andererseits scheint sie, guckt man sich Allianzen, Bündnisse und Partnerschaften zwischen den Völkern und Nationen an, einigermaßen ausbalanciert zu sein. Zumindest gegenwärtig. China wird von Japan und einem mit Atomwaffen bestücktem Indien in seinen Ambitionen in Zaum gehalten, während Indien wiederum von einem atomar gerüsteten Pakistan und China in die Zange genommen wird. Ferner kündigen sich neue, bislang nicht für möglich gehaltene Pakte, Beziehungen und Verbindungen an: Japan mit China, China mit Russland oder mit Indien oder gar mit allen dreien. Zuguterletzt ist nicht abzusehen, wie und in welche Richtung sich die „Schwellenländer“, also Brasilien, Indien und Südafrika entwickeln werden. Da ist vieles möglich und denkbar – auch Unmögliches und Undenkbares.

Darum macht es auch keinen rechten Sinn, wie Susbielle darüber zu spekulieren, ob das Anti-Ballistic-Programm der USA oder die in Polen und Tschechien geplanten Anlagen vor allem gegen China gerichtet sind, oder ob der War on Terror nur Alibi ist, um sich für den Endkampf gegen den chinesischen Drachen zu rüsten. Waffen sieht man nicht an, gegen wen sie sich richten. Wie Werkzeuge und andere Technologien auch, sind sie grundsätzlich neutral und können rasch umprogrammiert werden. Amerikanische Strategen und Planspieler (nicht Politiker) zeichnen sich in aller Regel dadurch aus, dass sie in alle möglichen Richtungen denken und sich gegen alle möglichen Gefahren und Krisenherde absichern.

Das hat soeben auch G. John Ikenberry in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Foreign Affairs“ (The Rise of China and the Future of the West) festgestellt, die sich ganz dem Reich der Mitte widmet. Was den Aufstieg Chinas zur Weltmacht und seine weltpolitische Rolle in der liberalen Ordnung angeht, so seien laut Ikenberry mehrere Übergänge denkbar. Die Geschichte liefere dafür keine allgemein gültigen Wahrheiten oder Gesetzmäßigkeiten. Die einen hätten sich nahtlos in die bestehende offene Ordnung des Westens eingepasst. Das neue Japan etwa habe seinem Militarismus abgeschworen und übe Macht nur noch wirtschaftlich aus; und auch die Wiedervereinigung Deutschlands habe nicht zu den von einigen vorausgesagten Spannungen geführt. Andere wiederum, wie das alte Deutschland oder Japan, hätten versucht, dieses System zu ändern, und neue Spielregeln, Autoritäten und Hierarchien einzuführen.

Das nukleare Zeitalter, und da weiß er sich mit Brzezinski einig, habe alles geändert. Große Kriege zwischen den Völkern, Staaten und Nationen seien seitdem unwahrscheinlich geworden. Brav würden sich fast alle in die vom Westen installierte Nachkriegsordnung einfügen und innerhalb ihrer nach Wohlstand, Sicherheit und Anerkennung suchen. Zu einem Schlagabtausch zwischen den beiden Konkurrenten müsse es daher nicht zwangsläufig kommen. Vor allem dann nicht, wenn die USA wieder aktiv in die internationale Ordnung investierten, sich eher als Teil und nicht als ihr Dompteur verstünden, dabei ihre Institutionen stärkten und sie nicht ständig unterminierten. Nur so könnten sie verhindern, dass der Laden nicht in lauter zweiseitige oder kleinteilige Bündnisse und Allianzen auseinanderfliege und sich am Schluss wieder zwei Weltmächte, nämlich China und die USA, unversöhnlich gegenüberstünden. Agierten die USA allein, wäre China im Vorteil; tun sie sich mit dem Westen zusammen, triumphierten die USA, und China hätte keine Chance (Gefährliche Chinesen).

Das ist gut und recht und schön multilateral gedacht, Empfehlung und Ratschlag enthalten nur viele Unwägbarkeiten. Da ist, erstens, die Ungewissheit darüber, was Peking selbst im Schilde führt. Hat es eine „Grand Strategy“ in der Hinterhand, wie mancher Übelmeinende glaubt, wenn er gezielt vom „chinesischen Drachen“ oder von der Macht der roten Mandarine spricht, an den latenten Rassismus der Chinesen erinnert oder an ihre imperiale Vergangenheit? Stricken ihre Führer kalkuliert, kühl und strategisch daran, der Welt ihren Stempel aufzudrücken? Oder will das Land nur von anderen anerkannt und respektiert werden, nicht mehr, wie Jahrzehnte lang, von außen regiert werden, sondern unbevormundet, ungestört und unbelästigt von anderen sich wirtschaftlich entwickeln?

Da ist, zweitens, die Frage, wie China selbst mit dem dramatischen Wandel zurechtkommen und seine beschleunigte Modernisierung bewältigen wird. (The Dark Side of China’s Rise) Wie wird es mit eminent wachsender sozialer Ungleichheit, mit Korruption, Landflucht und Umweltproblemen (Profitgier geht über Leichen) zu Recht kommen? Wie werden sich Führung und Partei verhalten, wenn mit der Kommerzialisierung und der Politik der offenen Tür die Rufe der Bürger nach mehr Beteiligung, Mitsprache und individuelle Freiheit lauter werden? Und kann die Partei dann noch ihre Ausnahmestellung und ihren Alleinvertretungsanspruch gegenüber dem Volk aufrechterhalten? (Long Time Coming).

Da ist, drittens, die Frage, ob Gulliver sich in seinem Machtstreben überhaupt von den Zwergen binden lässt (Gullivers nächster Halt). Da stimmen die außenpolitischen Agenden der US-Kandidaten nicht unbedingt optimistisch – auch wenn es in der letzten Zeit an wohl klingenden „intelligenten Ratschlägen“ nicht zu mangeln scheint. Es wird zwar viel von mehr Kooperation, Absprachen und Abstimmung gesprochen, aber nicht unbedingt von echter Partnerschaft, Rollenverteilung und Lastenausgleich. Abgesehen davon, dass Europa für solche Ratschläge nicht unbedingt die beste Adresse ist. Nicht nur, weil nach wie vor fehlt der Ansprechpartner dafür fehlt. Sondern auch, weil Europa ein vollkommen anderes Macht- und Politikmodell (Das neue Byzanz) favorisiert. Im Zweifelsfalle folgt es, wenn es hart auf hart kommt, eher den schnöden Versprechungen der Liebesgöttin Venus als dem zürnenden Kriegsgott Mars.

Schließlich muss sich noch zeigen, ob der „Marsch durch die Institutionen“, den Ikenberry prognostiziert, wirklich die Marschierer und nicht doch die Institutionen verändern. „Die Straße nach Osten“, muss nicht unbedingt, wie er glaubt, „durch den Westen führen.“ Bei der Begegnung des Westens mit Asien prallen zwei höchst unterschiedliche Kultur- und Werteordnungen aufeinander, die in vielerlei Hinsicht unvereinbar sind. Steht im einen Fall das Individuum im Vordergrund, steht im anderen Fall die Gemeinschaft ganz klar über den Interessen jedes Einzelnen.

Deswegen vermag die weiße Fahne der Menschenrechte, die viele Gutmeinende schwenken, und die von humanen Interventionisten instrumentalisiert wird (Die Unauffindbarkeit des Friedens), im Reich der Mitte nicht wirklich zu überzeugen – nicht einmal die davon profitierenden Eliten. Machtmonopol und politische Stabilität sind Voraussetzung für Prosperität und ökonomisches Wachstum, Reformen und politische Öffnung deshalb nur innerhalb und mit, nicht gegen das politische System möglich. Gesellschaftlicher Zerfall, wirtschaftliches und soziales Chaos, das die Regierung Jelzin einst mit Hilfe amerikanischer Ideologen in Russland angerichtet hat, sind für die meisten Chinesen Abschreckung genug. Sie ist Symbol und Beispiel für falsche Prioritätensetzung.

Andererseits bringt der wirtschaftliche Erfolg Chinas die westliche Gewissheit, wonach Demokratie und Freiheit universelle und überlegene Werte sind, Wohlstand von sozialer Wohlfahrt gesponsert und mit Freizeit beglichen wird, heftig ins Wanken. Demokratie, das hat man schon in den ehemaligen Staaten des Ostblocks gesehen, ist eine höchst schillernde Metapher. Sie kann unterschiedliche Gestalten und verschiedenes Aussehen annehmen. Die Demokratie westlichen Typs ist nur eine mögliche Form, eine Übergangsform möglicherweise, aber keine endgültige. Die Geschichte muss nicht, wie Alexandre Kojève und Francis Fukuyama meinen, mit der weltweiten Verbreitung der liberalen Demokratie zu Ende sein. Die chinesische Herausforderung macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass Wirtschaftswachstum, materieller Wohlstand, Größe und Macht einer Nation mit einem autoritären politischen System durchaus vereinbar ist oder sein kann.

Aber nicht nur die chinesische. Auch der Erfolg der Tigerstaaten Asiens oder Putins Russland weisen in diese autokratische Richtung. Sie zeigen, dass wir es bei der Demokratie westlichen Typs, was einige wie Fareed Zakaria schon seit einigen Jahren vermuten, möglicherweise mit einem Auslaufmodell zu tun haben. Vor allem, wenn sich der Weltmittelpunkt von Westen nach Osten in den asiatisch-pazifischen Raum verschiebt. Die Erfahrung, dass ein autoritäres, von westlichen Freiheits- und Wertvorstellungen abweichendes politisches System möglicherweise effizienter und optimaler arbeitet als das liberale, könnte dazu führen, dass es genau andersherum kommt als der liberale Demokrat Ikenberry vermutet. Die Straße nach Westen könnte auch durch den Osten führen, zum Leidwesen aller weißen Fahnenträger.

Zum Schluss einige Bücher, die sich im deutschen Sprachraum mit dem Thema in den letzten Jahren beschäftigt haben:

Jean-Francois Susbielle: China-USA. Der programmierte Krieg. Prophyläen Verlag, Berlin, 271 S., 22 EUR.

Wolfgang Hirn: Herausforderung China. Wie der chinesische Aufstieg unser Leben verändert. S. Fischer, Frankfurt/M, 255 S., 14,90 EUR.

Karl Pilny: Das asiatische Jahrhundert. China und Japan auf dem Weg zur neuen Weltmacht. Campus, Frankfurt/M., 340 S., 24,90 EUR.

Eberhard Sandschneider: Globale Rivalen. Chinas unheimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens, Hanser Verlag, München, 248 S., 19,90 EUR.

Frank Sieren: Der China Code. Wie das boomende Reich der Mitte Deutschland verändert. Econ, Berlin, 432 S., 19,95 EUR.

Gabor Steingart: Weltkrieg um Wohlstand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden, Piper, München, 384 S.,19,90 EUR.

Fareed Zakaria: Das Ende der Freiheit? Wie viel Demokratie verträgt der Mensch?. dtv, München, 255 S., 12,50 EUR.

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