Kampf der Kulturen: Der Westen geht gegen den Rest der Welt

Vor 10 Jahren hatte Samuel Huntington seinen einflussreichen Aufsatz über "Neugestaltung der Weltpolitik" veröffentlicht

"Clash of Civilizations", das klingt apokalyptisch, nach Video-Spiel oder Hollywood. Es ist aber, mit einem Fragezeichen versehen, der Titel eines Aufsatzes des Harvard-Professors Samuel Huntington. Erschienen ist der Artikel vor 10 Jahren in der Sommerausgabe des amerikanischen Journals für internationale Politik Foreign Affairs und erzeugte eine so dauerhafte Resonanz wie selten ein Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften. Huntington baute ihn auch zu einem Buch aus (Szenario einer angeblich postideologischen multipolaren Welt).

Mit dem Ende des kalten Krieges war dem Westen der Feind verloren gegangen: "Es war: Wir gegen die, und es war klar, wer 'die' waren. Heute sind wir nicht so sicher, wer "die" sind; aber wir wissen, es gibt sie." So brachte George W. Bush die Orientierungslosigkeit in den frühen 90er Jahren einmal auf den Punkt. Huntington bot darauf eine Antwort. Wir, das ist der Westen, und "die", das sind alle Anderen. Was uns unterscheidet, sind unsere Kulturen.

Die Kultur ist für Huntington die Grundlage der Neuen Weltordnung. Menschen definierten sich im post-ideologischen Zeitalter wieder über ihre Kultur und identifizierten sich dementsprechend mit kulturellen Gruppen. Merkmale für Kultur sind für Huntington das, was nach seiner Ansicht die Alltagskultur prägt: vor allem Religion, aber auch Sprache, Werte, Sitten und Gebräuche.

Kultur ist für Samuel Huntington etwas Vorpolitisches, sie ist statisch und in sich geschlossen. Eine Verständigung zwischen den Kulturen scheint unter diesen Vorraussetzungen kaum möglich zu sein. So sind in einer globalisierten Welt mit einer Vielzahl von Kontakten zwischen den Kulturen die Konflikte zwischen den acht Kulturkreisen dieser Welt fast vorprogrammiert:

Kulturen sind die ultimativen menschlichen Stämme, und der Kampf der Kulturen ist ein Stammeskonflikt im Weltmaßstab.

In diesem "Stammeskonflikt" sieht Huntington vor allem eine Bedrohung des Westens. Während sich andere Kulturkreise, vor allem der islamische und der chinesisch-asiatische Kulturkreis, auf ihre Kultur besinnen und durch wirtschaftlichen Fortschritt oder Bevölkerungswachstum erstarken, sieht er die kulturellen Werte des Westens sich in multikultureller Beliebigkeit auflösen. Dementsprechend fordert er eine Rückbesinnung auf die westliche Kultur, was die Ablehnung von Immigration und kultureller Heterogenität einschließt.

Eine weitere zentrale Forderung ist der Ausbau der militärischen Stärke des Westens und die Niederhaltung möglicher Konkurrenten. Auch wenn Huntington den letzten Irakkrieg nicht befürwortete, sind seine Forderungen in der aktuellen Politik des Westens zu beobachten. Die Schließung der Grenzen in den USA, der Ausbau der Festung Europa durch die EU, die Rüstungsausgaben der USA und die Planungen Europas, eigene Truppen für den globalen Einsatz auszubauen, dürften den Beifall von Huntington finden.

Wie weit sich die Thesen Huntingtons in den Medien durchgesetzt haben, zeigt eine Untersuchung der Berichterstattung deutscher Tageszeitungen nach den Terroranschlägen des 11.Septembers 2001. Der Soziologe Matthias Junge, Autor der Untersuchung, kann den Einfluss des Buches auf gegenwärtige Erklärungsmuster von Konflikten unterstreichen: "Obwohl durchgängig die These Huntingtons mit Skepsis beurteilt wird, so ist die doch indirekt zu einem Grundpfeiler der Interpretation des 11. September geworden. Denn Weltordnung wird nicht länger zuvörderst als politische Weltordnung, sondern als kulturelle Weltordnung verstanden." Der "Clash of Civilizations" ist zur Blaupause geworden, an der man sich abarbeiten muss.

Doch wenn man kulturelle Identität zur Grundlage von Politik macht und Kultur und Identität als unhinterfragte und letztgültige Basis des Denkens und Handelns einführt, stellt man sich in den Trend der Ethnisierung von Politik. Dieser Trend ist in verschiedenen politischen Strömungen zu finden: Vom verzweifelten Suchen der CDU nach einer Definition von deutscher Leitkultur über die wiederholten Versuche europäischer Intellektueller, eine gemeinsame kulturelle Identität zu konstruieren, bis hin zu dem Teil der Globalisierungsgegner, der das globale Kapital bekämpft, weil es aus seiner Sicht weltweit kulturelle Identitäten zerstört. Selbst die extreme Rechte hat die biologische Erklärung ihres Rassismus längst kulturalisiert. Ihr "Ethnopluralismus" klingt harmlos, beinhaltet aber meist das alte xenophobe Programm. Auch wenn all diese Strömungen scheinbar kaum etwas miteinander gemein haben, gibt es oft eine implizite Gemeinsamkeit: Eine seltsam verschwommene Vorstellung von einer Reinheit der Kultur.

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