Kampf der Kulturen in Bulgarien?

Nationalistische Ataka macht Front gegen bulgarische Türken

Blumen schmückten vor zwei Wochen das Geländer der Banja Baschi-Moschee im Zentrum Sofias. Über Facebook organisierte Sofioter Bürger überbrachten sie zum Zeichen ihrer Solidarität mit der von Nationalisten angegriffenen muslimischen Gemeinde. Einige Dutzend Anhänger der Partei Ataka hatten die bulgarischen Türken während des Freitagsgebets am 20. Mai mit Fahnenstangen traktiert, mit Eiern und Steinen beworfen und einen Gebetsteppich angezündet. "Hier ist Bulgarien, hier ist Bulgarien!" und "Sieg Ataka, Sieg Ataka!", skandierten sie. Verletzte gab es auf beiden Seiten und in den Reihen der Polizei, die Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen drei Ataka-Anhänger wegen Hooliganismus erhoben.

Als "Spiel mit dem Feuer", verurteilte Staatspräsident Georgi Parvanov Atakas Attacke, der Führer der türkischen Bewegung für Rechte und Freiheit (DPS), Ahmed Dogan, forderte ein "Gesetz gegen ethnischen Hass". Fast alle Politiker und Medien gaben den Nationalisten die Schuld an der Gewalteskalation, dagegen sieht Ataka-Führer Volen Siderov sich und seine Gefolgsleute als Opfer. Die Moslems hätten ihre "friedliche Kundgebung" gegen den durch Lautsprecher übertragenen, von ihnen als "Lärmbelästigung" empfundenen Ruf des Muezzins attackiert. Siderov nennt ihn "das Geheul des Hodschas". "Die Polizei hat nicht die bulgarischen Patrioten, sondern die muslimischen Fundamentalisten beschützt", wirft Siderov Innenminister Tsvetan Tsvetanov vor und fordert dessen Rücktritt. Damit kündigt er seine fast zwei Jahre währende Unterstützung der Regierung von Ministerpräsident Boiko Borissov faktisch auf.

Die im 16. Jahrhundert errichtete Banja Baschi-Moschee befindet sich in unmittelbarer Nähe zur orthodoxen Kathedrale Sveta Nedelja, der jüdischen Synagoge und einer katholischen Kirche. Zusammen bilden sie Sofias sogenanntes Toleranzviertel, auch das ehemalige Haus der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) ist nur wenige Gehminuten entfernt. Unter Hinweis auf die Rettung der bulgarischen Juden während des Zweiten Weltkriegs betonen die Bulgaren gerne die ethnische und religiöse Toleranz im Lande. Doch diese erscheint zunehmend brüchig.

Selbsternannte Patrioten der Inneren Mazedonischen Revolutionären Organisation - Bulgarische Nationale Bewegung (VMRO) stürmten vor kurzem in Burgas ein Gebetshaus der Zeugen Jehovas, weil sie sie für eine Sekte halten, die verboten gehöre. Und Ataka zettelte vor kurzem in der von einem türkischen Bürgermeister regierten Rhodopen-Stadt Batak Auseinandersetzungen an. Während einer Radiodiskussion musste Ataka-Chef Siderov gar von den Moderatoren daran gehindert werden, sich live on air mit einem Vertreter der bulgarischen Türken im Studio des Bulgarischen Nationalen Radios (BNR) zu prügeln. Die Sendung wurde spontan durch Musikeinspielung unterbrochen.

Seitdem Ministerpräsident Borissov Siderov die Unterstützung seiner Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten bei den Wahlen im Herbst ausgeschlagen hat, distanziert sich Siderov zunehmend von Borissov und schlägt verschärftere Töne an. Offensichtlich möchte er das nationalrevolutionäre Image wiedererlangen, das ihn bekannt gemacht hat und das er durch die bedingungslose Unterstützung Borissovs ("Koalition ist in Bulgarien ein schmutziges Wort") seit dessen Amtsantritt im Sommer 2009 eingebüßt hat. Viele frühere Parteigänger sind wegen Atakas Schmusekurs abgesprungen, beschimpfen Siderov als Verräter und haben neue nationalistische Parteien gegründet. In seiner Wut auf das Verhalten der Polizei am vergangenen Freitag droht Siderov Borissov nun eine Opposition an, die die Ereignisse an der Banja Baschi-Moschee als "Kinderlied" erscheinen ließe.

Radikale Kurswechsel sind für den Journalisten wie für den Politiker Volen Siderov nichts ungewöhnliches, sondern sie prägen seine Entwicklung. Er, der heute gegen Roma und Türken propagiert, verteidigte noch als Chefredakteur der Zeitung Demokratia Anfang der 1990er Jahre seinen jetzigen Erzfeind Ahmed Dogan. "Wir werden niemals ein ehrenwertes Land werden, wenn wir eine diskriminierende Politik führen, wenn wir Experimente nazistischer Praktiken fortführen. Denn heute mögen die Türken im Visier sein, morgen sind es die Juden und übermorgen die Grünäugigen", schrieb er am 12. März 1990 in Demokratia, dem Organ der demokratischen Opposition nach dem Sturz des kommunistischen Regimes.

Damit spielte er auf den sogenannten Wiedergeburtsprozess Mitte der 1980er Jahre an. Das kommunistische Regime Todor Schivkovs betrieb damals eine zwangsweise Assimilierung der bulgarischen Türken, die ihre türkischen Namen „bulgarisieren“ mussten. Im Zuge der „großen Exkursion“ wanderten hunderttausende bulgarische Türken im Sommer 1989 in die Türkei aus, nur ein Bruchteil von ihnen ist nach dem Sturz des Schivkov-Regimes im November 1989 zurückgekehrt.

Und Mitte der 1990er Jahre war Siderov, der sich heute auch als Rächer der Gerechten im Kampf gegen die ausländischen Großkonzerne profiliert, Pressesprecher der Multigrup, des größten und mächtigsten Wirtschaftskonglomerats der bulgarischen Transformationsperiode. Multigrup-Chef Ilja Pavlov wurde am 7. März 2003 von einem Scharfschützen erschossen. Heute ist Siderov ein bekennender Schwulenhasser, doch noch im Jahr 1991 lobte er Homosexuelle gegenüber der Zeitschrift Klub M als angenehme, keineswegs aggressive Leute und posierte 1993 für die Frauenzeitschrift Lady nackt mit Zigarre.

Der erneute radikale Kurswechsel weg von der Nibelungentreue zu Borissov hin zu verschärft nationalistischen und minderheitenfeindlichen Tönen wird Siderovs und seiner Ataka kaum nutzen. Atakas Zustimmungsrate in der Bevölkerung ist stark gesunken, bei Parlamentswahlen müsste sie um den Wiedereinzug in die Bulgarische Nationalversammlung bangen. Für den ethnischen und religiösen Frieden im Lande stellt Atakas Radikalisierung aber eine ernsthafte Gefahr dar; auch die Balkankriege der 1990er Jahre haben mit Scharmützeln begonnen. Am 30. Mai 2011 wurde das Ataka-Partei-Büro im Sofioter Stadtteil Studentski Grad in Brand gesteckt. (Frank Stier)

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