Kampf gegen das Phantom

Irak: neue Allianzen des Widerstands

Der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney, der überraschend auf eine Kurzvisite in den Irak reiste, sieht die Mission dort noch immer in einem einfachen, von keinem Zweifel getrübten Licht: „In erster Linie sind wir hier, weil die Terroristen, die Amerika und anderen freien Ländern den Krieg erklärt haben, den Irak zur zentralen Front in diesem Krieg gemacht haben", sagte Cheney vorgestern vor US-Soldaten in der Nähe von Tikrit. Dass die amerikanische Regierung den Irak als „Hauptschlachtfeld gegen den Terrorismus“ erst generiert hat, unterschlägt Cheney ebenso wie die Tatsache, dass die amerikanische Mission auf massiven Widerstand im Irak trifft.

US-Vizepräsident Cheney auf dem Flugzeugträger USS John C. Stennis. Bild: Pentagon

Doch was den irakischen Widerstand angeht, so ist der amerikanische Vizepräsident ohnehin kein verläßlicher Experte. Vor zwei Jahren attestierte er dem "irakischen Widerstand", dass er "in den letzten Zügen" liege und dass der Kampf zwischen den Aufständischen und den amerikanischen Truppen enden werde, bevor die Amtszeit der gegenwärtigen US-Regierung ablaufe. Das wäre zwar immer noch möglich, aber auf keinen Fall - wie sich Cheney das vor zwei Jahren vorgestellt hatte - „als enormer Erfolg“ für die USA.

Größerer Erfolg scheint aber der Formel beschieden, an welcher Cheney und der harte Kern der Regierung festhält, eine Botschaft, die sie mit einiger Wirkung in der Öffentlichkeit verbreiten konnte: Dass die US-Truppen im Irak vor allem gegen Terroristen kämpfen, die dem gesamten freien Westen den Dschihad erklärt haben und damit eine Bedrohung für uns alle darstellen.

Beobachtet man jüngere Entwicklungen im Irak, so zeigt sich zur Zeit deutlicher denn je, dass die Cheney-Formel von der Weltbedrohung durch den Terror, der im Irak sein Zuhause hat, übersieht, was auch die amerikanische Regierung geradezu gewohnheitsmäßig übersehen hat: die irakische Sicht der Dinge, den irakischen Nationalismus. Dazu gehört auch ein Phänomen, das seit März größere Wellen schlägt: die Distanzierung wichtiger irakischer Widerstandsgruppen vom „Islamic State of Iraq“, einer Schirmorganisation, die mehrere Guerillagruppierungen unter ihrem Dach vereinen soll und seit November 2006, von sich reden macht. Besonders, weil der Organisation allerseits eine enge Verbindung zur al-Qaida nachgesagt wird.

Für manche ist die Organisation gar mit al-Qaida im Irak gleichzusetzen. Für andere Experten ist zumindest sicher, das die Qaida die Fäden hinter dem „islamischen irakischen Staat“ zieht. Einzig der amerikanische Blogger Juan Cole äußert mit seiner Warnung, dass nicht alles im Irak al-Qaida sei, vorsichtige Zweifel an der einhelligen Zuordnung. Doch auch ihm ist klar, dass sich der „Islamic State of Iraq“, egal wie phantomhaft er ist, sehr gut dazu eignet, den Krieg im Irak als Teil des größeren Kriegs gegen den Terror zu propagieren:

... the Bush administration is ecstatic every time "al-Qaeda" takes credit for the violence in Iraq. That makes it easier for them to claim the Iraq War as part of their 'war on terror.'

Was aber, wenn der Widerstand im Irak nichts mit dem internationalen Dschihadismus à la al-Qaida zu tun haben will, wenn sich die sunnitischen Fundamentalisten wie etwa die „1920 Revolution Brigade“ von dieser Auffassung distanziert, keinerlei Anschläge auf fremden Boden plant und sich nur auf nationale Ziele konzentriert?

Wie das Conflictsforum (vgl. "Mit jedem, nur nicht mit Al-Qaida") aktuell berichtet, haben drei bedeutende Widerstandsgruppen, der Ansar al-Sunna Sharia Council (”The Supporters of the Sunna”), die al-Jaish al-Islami („Islamic Army in Iraq“) und die al-Mujahadeen Army jetzt eine Reform and Jihad Front (RJF) gebildet, die sich deutlich vom Dschihadismus des „Islamic State of Iraq“ abgrenzt. Eine besondere Einladung soll an die andere große Widerstandsgruppierung, an die 1920 Revolution Brigade, gerichtet worden sein.

Der amerikanische Beobachter der Szene, Marc Lynch, hat in mehreren Postings darlegt, dass der große Streitpunkt zwischen dem Islamic State of Irak und den verschiedenen Fraktionen des sunnitischen Widerstands offensichtlich bei der Frage liegt, ob Anschläge, die viele Opfer unter der irakischen Bevölkerung fordern, nicht der falsche Weg seien. Es zeigt sich, dass wichtige Gruppen die internationale Ausrichtung des Dschihad, wie sie vom ISI vertreten wird, und die rigide Auslegung dessen, wer als „ungläubig“ zu bezeichnen und zu bekämpfen ist (z.B. Schiiten), nicht mehr akzeptieren - offensichtlich im Namen eines irakischen Nationalgefühls. Stattdessen werden nun neue Allianzen ins Leben gerufen, die einen eigenen Weg, jenseits des ISI, beschreiten wollen.

Die auflebende Konkurrenz zur Qaida nutzt den USA aber nur wenig. Denn das Hauptziel, das die Allianzen wie die „Reform and Jihad Front (RJF)“ über alle Unterschiede ihrer Mitglieder hinweg einigt, ist die Befreiung des Iraks von den Besatzern: “fight all kind of occupations”. Gemeint sind damit nicht nur die Amerikaner und ihre Alliierten, sondern auch Iran. Der Kampf gegen amerikanische Truppen soll nach Aussage eines RJF-Vertreters künftig noch konzentrierter geführt werden:

While the ISI opened up cracks inside the resistance, there is still a united front when it comes to fighting the occupation. We are more dedicated than ever.

Das Ziel ihres Kampfes: die Errichtung eines ungeteilten islamischen Staates. (Thomas Pany)

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