Kampf um Afrika: Warum wurden drei russische Reporter in der Zentralafrikanischen Republik ermordet?

Ausbildung durch Russen von Soldaten in der Zentralafrikanischen Republik. Bild: Präsidialamt

Angeblich wollten sie im Auftrag von Chodorowski die dort stationierten russischen Söldner untersuchen, vermutlich wurden sie Opfer islamistischer Rebellen

Der im Exil lebende russische Oligarch Michail Chodorkowski meldete bereits am 31. Juli, dass nach seinen Informationen die drei russischen Filmreporter Orkhan Dzhemal, Kiril Radchenko und Alexander Rastorguev in der Zentralafrikanischen Republik getötet worden seien. Die drei hätten im Auftrag seines Centre for Investigation eine Untersuchung über russische Söldner, insbesondere von der berüchtigten Wagner-Gruppe, ausgeführt.

Angeblich waren sie auf der Reise in das Wagner-Hauptquartier. Bei dem Überfall überlebte nur der Fahrer. Sie wollten nicht nur Dokumentarmaterial sammeln, sondern es in Händen halten, so Chodorkowski. In einem Tweet des Chodorkovsky Center heißt es suggestiv, sie seien "getötet worden, während sie Wagner filmten". Kurz danach ging die Meldung durch die Medien, die Nachrichtenagenturen aufgegriffen hatten. Auf den ersten Blick ist es wieder eine nebulöse Story, wie sie derzeit oft in Zusammenhang mit Russland bzw. Putin verbreitet werden.

Die von Dmitry Utkin gegründete Söldnerfirma Wagner ist ein Privates Militärisches Unternehmen (PMC), das angeblich in Syrien und in der Ukraine tätig sein soll. Verbunden sein soll die Sicherheitsfirma auch mit dem Unternehmer Yevgeny Prigozhin, der Putin nahestehen und auch die "Trollfabrik" Internet Research Agency betreiben soll. Noch sind PMCs in Russland formell verboten, das soll sich aber auch auf Druck der russischen Regierung schnell ändern. Aufmerksam wurde die Weltöffentlichkeit auf die russischen Söldner, nachdem angeblich viele bei einem Angriff mit Artillerie, Raketen und Panzer auf einen US-Sützpunkt am Euphrat von amerikanischer Luftwaffe und Artillerie getötet und verletzt worden seien. Bekannt war, dass russische Söldner Ölanlagen in Syrien sichern, unklar ist weiterhin, wie viele Russen getötet und verletzt wurden und wer deren Auftraggeber war.

Chodorkowski, der in den wilden Zeiten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Milliardär wurde, 10 Jahre lang wegen Steuerbetrug im Gefängnis saß und 2013 begnadigt wurde und seitdem wieder versucht, sich in die russische Politik einzumischen, sollte man ebenso wenig wie seinen Organisationen einfach vertrauen. Unklar ist, ob die von vielen Medien weitergegebene Information stimmt, dass in der Zentralafrikanischen Republik russische Söldner von Privaten Sicherheits- und Militärunternehmen (PMC) tätig sind und diese irgendwie mit der russischen Regierung in Zusammenhang gebracht werden können. Die Meldung unterstellt, dass die drei Reporter wegen ihrer Untersuchung womöglich von einer russischen PMC bzw. von der Wagner-Gruppe getötet wurde. Dafür gibt es keine Belege.

Raubüberfall oder Beseitigung unbequemer Journalisten?

Bestätigt wurde am Mittwoch vom russischen Außenministerium, dass drei Männer mit ungültigen Presseausweisen der russischen Reporter in der Nähe der Stadt Sibu, nördlich der Hauptstadt der Autonomen Region Bangui, getötet worden seien. Die russische Botschaft habe keine Kenntnisse über deren Anwesenheit gehabt. Man stehe in engem Kontakt mit den Behörden und der Regierung, um den Vorfall aufzuklären. Die drei Männer hätten das Land mit Touristenvisa betreten. Der Fahrer der russischen Reporter habe nichts mit den Vereinten Nationen zu tun, sagte Maria Zakharova, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, in Reaktion auf entsprechende Meldungen. Das sei von der UN gegenüber der russischen Regierung bestätigt worden.

Die drei russischen Reporter waren vergangenen Samstag in Bangi, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, angekommen. Nach einer Mitarbeiterin des Investigations Management Centre (IMC) von Chodorowski habe man bis Sonntag mit diesen in Kontakt gestanden. Vor ihrer Ermordung am Sonntagabend um 22 Uhr Ortszeit in ihrem Wagen sei ihnen der Zutritt zu einem militärischen Stützpunkt verweigert worden, weil sie nicht richtig akkreditiert seien. Die Russen hätten viel Bargeld und teure Kameras bei sich gehabt. Gut möglich also, dass der Fahrer sie in eine Falle gelockt hat.

Bekannt ist, dass Russland, autorisiert von den Vereinten Nationen, das Militär mit Schusswaffen ausrüsten und Soldaten trainieren darf. In dem armen, vom Bürgerkrieg zwischen bewaffneten Gruppen überzogenen Land ist die UN-Mission MINUSCA tätig. Russland will zwei Bataillone mit 1300 oder 1500 Mann mit Waffen ausstatten und ausbilden.

Russland mischt geopolitisch auch in Afrika mit

Ähnlich wie die EU, die USA und China will auch Russland größeren Einfluss in Afrika gewinnen. In der Zentralafrikanischen Republik, in der die Zentralregierung nur ein kleines Gebiet kontrolliert und das Frankreich mit zu seinem "Hinterhof" zählt, gibt es aber viele Ressourcen, an denen Russland interessiert ist. Dass es in der Zentralafrikanischen Republik neben Militärhilfe offenbar auch andere Unterstützung gab, wurde auch von Sputniknews.com berichtet, allerdings auf eine Weise, dass unklar blieb, ob die russischen, mitunter auch hellhäutig genannten Soldaten offiziell von Moskau im Rahmen des UN-Projekts geschickt wurden oder ob es sich (teilweise) um russische Söldner handelt, aber doch auch in dem Sinne, dass Russland seinen Einfluss in Afrika erweitern will:

Als in der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik jüngst das zweite Amtsjahr des Staatschefs Touadéra gefeiert wurde, erschien der Präsident vor seinem Volke in Begleitung hellhäutiger Soldaten ohne Erkennungszeichen. Westliche Beobachter wurden nervös.

Bald nach der Feier wurde bekannt, dass die hellhäutigen Leibwächter die Präsidialverwaltung, den Fuhrpark und den Sicherheitsdienst des Präsidenten kontrollieren, sowie uneingeschränkten Zugang zu allen Schlüsselpersonen in Touadéras Umgebung haben. Hellhäutige Patrouillen sind auch in den Straßen von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, aufgetaucht, wie auch auf Armeestützpunkten außerhalb der Stadtgrenzen.

Da erklärte ein Sprecher der Präsidialverwaltung, dass es von nun an einen "Verband russischer Spezialeinheiten" im Lande gebe, um den Schutz des Präsidenten zu verstärken. Im präsidialen Sicherheitsdienst sei sogar ein spezielles Amt, das des Sicherheitsdirektors, eingerichtet worden, das von einem russischen Offizier bekleidet werde. Dieser befehlige auch Touadéras Leibgarde.

Sputniknews.com

"Verband russischer Spezialeinheiten" klingt so, als wäre es eine Söldnertruppe. Das russische Außenministerium hatte im März erklärt, dass im Rahmen der vom UN-Sicherheitsrat gebilligten Kooperation 5 militärische und 170 zivile Ausbilder in die Zentralafrikanische Republik entsandt worden seien. Vermutet worden war schon damals, dass es sich bei den zivilen Ausbildern um "eingeschmuggelte" Söldner gehandelt haben könne.

Damals war die Rede von SEVA Security Services, nicht von Wagner, aber auch eine russische PMC. Die kritische Berichterstattung kam überwiegend aus Frankreich. Auch mit Rebellen sollen die Russen Kontakt aufgenommen haben. Die Hinwendung von Touadéra an Russland könnte dazu führen, dass Frankreich oder andere Länder ihn zu stürzen versuchen. Das würde ihn vermutlich noch enger militärisch und politisch an Moskau binden.

Geht es um die Kontrolle einer Goldmine?

Sputniknews.com betrachtet alle diese Hinweise auf russische Söldner als Versuche, Russland als "blutbeflecktes Regime" darzustellen. Das habe auch das von Chodorowski geschickte Reporterteam bezweckt: "Es liegt der Verdacht nahe, dass diese Militärausbilder in diesem Propagandafilm als 'Söldner der Wagner-Einheit, die im Interesse des blutbefleckten Regimes töten und sterben', dargestellt werden sollten."

Aus Sicht der russischen Staatsmedien gehorcht die Darstellung dem üblich gewordenen antirussischen Schema. Chodorowski wird vorgeworfen, für Propagandazwecke das Leben der Reporter aufs Spiel gesetzt zu haben: "Die ganze Situation ist verworren. Drei russische Staatsbürger, darunter ein Dokufilmer für Festivals, waren beauftragt worden, Filmmaterial für ein Propagandaprojekt zu sammeln. Sie wurden quasi zu Freiwild in einem Bürgerkriegsland erklärt, als Touristen ohne Ausweise und Schutz in ein armes Land geschickt, wo sich Gruppen religiöser Fanatiker und Raubmörder herumtreiben. Sie kamen zwar tragisch, aber nicht überraschend ums Leben." In einem Interview mit der Washington Post sagte dieser, er sei immer von Adrenalin gesteuert gewesen, das sei wohl auch bei den Reportern der Fall gewesen, er werde sich aber bei künftigen "investigativen Projekten" stärker einschalten.

Möglicherweise ist das Modell ähnlich wie in Syrien, wo russische Söldner der Wagner-Gruppe vornehmlich für Assad wertvolle Ressourcen sichern sollen. So könnten die Reporter auch in Richtung der Goldmine Ndassim unterwegs gewesen sein, für deren Ausbeutung sich Russland und insbesondere Prigozhin interessieren sollen. Sie war 2013 von der islamistischen Terrorgruppe Seleka erobert worden. Wer sie jetzt kontrolliert, ist nicht ganz klar, vielleicht haben die Russen mittlerweile dort die Oberhand. Die regierungskritische Novaya Gazeta berichtete in einem umfangreichen Artikel darüber, wie Russland die Franzosen aus dem Land verdrängt hat.

Manche glauben, dass die drei russischen Reporter womöglich Opfer eines innerrussischen Streits über die Kontrolle von Ressourcen bzw. der Goldmine geworden sein könnten. Nach Berichten könnten eben die Mitglieder der islamistischen Terrorgruppe Seleka die russischen Reporter überfallen haben, die mit ihrem Fahrzeug durch das von ihnen kontrollierte Gebiet fuhren. Einer der Reporter soll gleich erschossen worden seien, die beiden anderen sollen vor ihrer Ermordung noch gefoltert worden sein.

Das russische Außenministerium bestreitet dies. Nach Auskunft von Ärzten, die die Leichen untersuchten, seien keine Folterspuren entdeckt worden. Bestritten wird auch, dass die Reporter auf wem Weg zu den russischen "Beratern" gewesen seien: "Die getöteten russischen Journalisten waren, wenn man die Fundstelle ihrer Leichen in Betracht zieht, offenbar nicht in die Richtung gegangen, wo Berater tätig sind", teilte die Sprecherin des Außenministeriums mit. Man wisse nicht, welche Ziele und Aufgaben sie verfolgt hätten.

Nach Angaben der Regierung der Zentralafrikanischen Republik seien die Reporter von etwa zehn arabisch sprechenden Angreifern mit Turbanen getötet worden, die es auf das Fahrzeug abgesehen haben sollen. Nachdem sich einer de Russen gewehrt hat, sollen sie beschossen worden sein. Geld und die Filmausrüstung seien von den Angreifern mitgenommen worden. Die Russen hätten die Warnungen nicht beachtet, nachts in das Gebiet "voller Räuber, Rebellen und bewaffneten Banditen" zu fahren. (Florian Rötzer)