Kampf um die Flugschreiber

Niemand will für den vermeintlichen Abschuss des Passagierflugzeugs verantwortlich sein, aber alle wissen die Schuldigen

Der Absturz des Passagierflugzeugs der Malaysian Airlines über dem Kriegsgebiet in der Ostukraine bringt die Gefahr mit sich, dass sich der Krieg ausweiten könnte. Schon rufen US-Politiker wie McCain, der schon früh die Maidan-Bewegung unterstützt hat, dazu auf, der Ukraine Waffen zu liefern, während aus der Ukraine die Bitte um militärischen Beistand laut wird und Russland mit Konsequenzen droht, weil angeblich ukrainische Streitkräfte über die Grenze feuern.

Sehr schnell bei der Hand waren die US-Regierung und Kiew, dass das Passagierflugzeug abgeschossen wurde und zwar mit einer russischen Rakete. Das immer erwähnte BUK-Raketensystem haben aber russische und ukrainische Streitkräfte - und womöglich auch die Separatisten. Der ukrainische Präsident Poroschenko würde den Vorfall gerne als Teil des Kriegs gegen den internationalen Terror verstanden wissen.

Dass Flugzeuge über Kriegsgebiete fliegen, ist nicht außergewöhnlich. Die ukrainische Regierung hat die Flughöhe auch schon zuvor erhöht, als der Krieg zunehmend zum Luftkrieg wurde. Am Montag wurde die Mindestflughöhe auf 10 km heraufgesetzt, nachdem ein Militärflugzeug in 6,5 km Höhe abgeschossen wurde. MH-17 flog sogar ein wenig höher. Jetzt hat Eurocontrol auf Anweisung der ukrainischen Regierung den Flugraum über der Ostukraine ganz geschlossen.

Der Verdacht fiel schnell auf die Separatisten, die angeblich gedacht haben, sie würden eine ukrainische Transportmaschine abgeschossen haben. US-Präsident Obama hat sich diese Version zu eigen gemacht und bezichtigt die Separatisten, die mit russischer Unterstützung verantwortlich seien. Er bezeichnete den Vorfall als "globale Tragödie" und will angeblich die Wahrheit und keine Spiele. Für die Kämpfe in der Region machte er alleine Russland verantwortlich.

Allerdings sagt die ukrainische Regierung, die Separatisten hätten, entgegen deren Äußerungen, keine BUK-Systeme erbeutet, womit auch Russland verantwortlich gemacht werden soll, das natürlich alles zurückweist. Kritisch ist, warum ukrainische Streitkräfte in der Region überhaupt BUK-Systeme eingesetzt haben, da die Separatisten über keine Flugzeuge verfügen, auch wenn sie dies berichtet hatten.

Schwer vorstellbar wäre, dass russische oder ukrainische Streitkräfte dafür verantwortlich sein können. Aber es gibt nicht nur die separatistischen Milizen, sondern auch nationalistische Milizen auf der Seite der ukrainischen Regierung, die deren Existenz und Kampf im Rahmen der "Antiterroroperation" legalisiert hat. Beide Seiten könnten das Interesse haben, der jeweils anderen einen solchen moralisch höchst verwerflichen Abschuss in die Schuhe zu schieben. So machte nach dem Absturz der Rechte Sektor das Angebot, weitere 5000 Kämpfer zu stellen, wenn man 5000 Maschinengewehre und Munition erhalte. Dann würde man den Krieg in zwei Wochen beenden.

Gleichzeitig muss man sich wundern, was mit den Geheimdiensten eigentlich los ist. Der ukrainische Geheimdienst lieferte immerhin Hinweise selbstverständlich zu Lasten der Separatisten in Form von abgehörten Gesprächen und einem Video, das zeigen soll, wie ein BUK-System Richtung Russland abtransportiert wird. Aber warum können amerikanische und russische Geheimdienste mit ihren Satelliten und anderen Mitteln nicht zeigen, wo und ob überhaupt die Rakete abgeschossen wurde.

Interessant wird sein, was mit den Flugschreibern geschieht. Die ukrainische Regierung hat schon mal klar gemacht, dass sie nicht zur Auswertung außer Landes gebracht werden können. Angeblich haben die Separatisten, die das Absturzgelände kontrollieren, die Flugschreiber sich angeeignet. Wo sie sich befinden, soll unbekannt sein. Auch, ob sie überhaupt gefunden wurden, bleibt umstritten. Angeblich wurde OSZE-Mitarbeitern ein freier Zugang zur Unglückstelle verweigert. (Florian Rötzer)

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