Kampf ums Öl in Kurdenregion?

In Nordsyrien spitzt sich die Lage zwischen Kurden und Rebellen zu

Fast 20 Monate zählte die Provinz Hassake zu Syriens ruhigsten Gebieten. Nun könnte der Krieg auch dort einziehen - nicht zuletzt der Ölfelder wegen.

Die nordsyrische Provinz Hassake verändert sich nahezu täglich. Fast alle Ortsschilder werden ausgetauscht, die arabischen Schriftzeichen weichen lateinischen und statt "Ras al Ain" oder "Al-Malikiya" ist nun "Serê Kaniyê" oder "Dêrik" zu lesen. Es sind die ursprünglichen kurdischen Städtenamen, in der von Kurden benutzen Schrift. Gesetzlich ist die Selbstverwaltung der Kurden zwar noch lange nicht verankert - doch nach außen hin scheint es, als hätte Syriens grösste ethnische Minderheit sie bereits errungen Autonomie in der Warteschleife.

Ob sie deshalb jedoch aufatmen kann, ist zu bezweifeln: Anstelle des arabischen Assad-Regimes kontrolliert nun die kurdische Partei der Demokratischen Einheit (PYD) weitgehend den Alltag - vom Recht auf Meinungsfreiheit bis hin zum Benzinpreis. Zudem geschieht dies in stiller Absprache mit Damaskus, das die PYD solange gewähren lässt, als sie die Region auch mit Waffengewalt ruhig hält und darauf achtet, dass hunderttausende Kurden dem Volksaufstand gegenüber distanziert bleiben.

Die Bedingung ist leicht erfüllt: Als Ableger der türkischen PKK fühlt sich die PYD ohnedies nur den Interessen Abdullah Öcalans verpflichtet. Syriens Revolte ist daher für sie vor allem eine Gelegenheit, um Ankara mit dem Szenario eines Kurdenaufstands auf türkischem Terrain zu drohen.

Parallel entzieht sie der "Freien Syrischen Armee" (FSA) den Zugriff auf ein Gebiet, das ebenso strategisch wichtig wie gross ist: zwischen Al-Malikiya (Dêrik) an der Grenze zum Nordirak und Afrin (Jabal al-Akrad) nahe der Türkei liegen 848 Kilometer.

Dass die FSA dem nicht lange zusehen würde, war klar: Am Morgen des 8. November griffen Einheiten des islamistischen Bataillons "Ghuraba-al-Scham" noch verbliebene Stellungen der syrischen Armee in Ras al-Ain (Serê Kaniyê) an. Rund 400 Mann seien dazu aus der Türkei angereist, erklärt Siamend Hajjo von Kurdwatch.

Weitere 200 seien aus der nahegelegenen ostsyrischen Provinz Ar-Raqqa hinzugestossen. Gemeinsam hätten sie sämtliche Kontrollpunkte des syrischen Regimes, den Grenzübergang zur Türkei, die Zentralen des Direktorats für politische Sicherheit sowie des militärischen Nachrichtendienstes erobert.

Dass ein solcher Blitzsieg angesichts dieser Mannstärke möglich war, hängt freilich damit zusammen, dass Syriens reguläre Armee aus der Region vielfach abgezogen und anderweitig stationiert ist. Entscheidend war aber auch der Kampfgeist der Angreifer. Ein kurdischer Aktivist erklärt ihn gegenüber Kurdwatch so: "Es waren Islamisten und sie waren bereit zu sterben."

Dies wundert nicht, denn weit mehr noch als im Irak sehen sunnitische Dschihadisten in Syrien ihre historische Chance gekommen, um die ihnen verhasste "Schiitenachse" Syrien-Hizbollah-Iran zu zerschlagen. Die PYD unterdessen, die wie alle kurdischen Organisationen ihre raison d’être nicht in religiösen, sondern in ethnischen Interessen ortet, schien auf den Frontalangriff nicht vorbereitet.

Die Reaktion des Dachverbands PKK-naher Organisationen in Syrien vom 9. November wirkte jedenfalls recht lau: Man fordere alle bewaffneten Gruppierungen auf, Ras al-Ain (Serê Kaniyê) wieder zu verlassen - andernfalls würde man sie als Feinde behandeln.

Zwei Wochen später, die der PYD die Chance gaben, sich zu sammeln, war es soweit. Nachdem die islamistischen Kämpfer - angeblich auf Befehl der türkischen Regierung - verlangten, sämtliche PYD-Fahnen abzuhängen, kam es am 19. November in Ras al-Ain zu blutigen Zusammenstößen. 100 Mann von "Ghuraba-al-Scham" und 200 Mann von der mit al-Qaida affiliierten Brigade Jabhat al-Nusra traten Augenzeugenberichten zufolge gegen 400 Kämpfer der PYD-Miliz an.

Deren künftige Entschlossenheit bekräftigte PYD-Führer Salih Muslim noch aus dem schwedischen Exil heraus: Man bereite sich auf jede Möglichkeit vor, und sei es die einer großangelegten Invasion aus der Türkei, erklärte er gegenüber dem libanesischen Executive Magazine. Dem darf durchaus geglaubt werden: PYD und PKK verfügen in der Türkei wie auch im irakischen Arbil über ausreichend gut trainierte Kämpfer.

Für Joost Hiltermann, stellvertretender Direktor des Nahost und Nordafrika-Programms der International Crisis Group, könnte dies die Einleitung zum nächsten Kriegsakt bedeuten: Ein Kampf zwischen fanatischen Muslimen und PKK-nahen Kurden, der möglicherweise Syriens Grenzen überschreitet.

Auszuschließen ist dies freilich nicht - zugleich aber ist der PYD eine gnadenlose Pragmatik zuzubilligen: Da sie bar jeden politischen Konzeptes ist und ihr Streben einzig der Beschaffung von Geldern und der Rekrutierung von Kämpfern für Abdullah Öcalans Ziele gilt, ist sie letztlich auch zu Arrangements mit Salafisten bereit, sollten diese Syriens künftige Zentralregierung stellen.

Noch aber ist in Syrien alles unklar und die PYD um die Stabilität in ihrer Region bemüht. Dazu gehört auch, in Kooperation mit dem Assad-Regime, die Kontrolle über die Ölfelder zu behalten, die im äußersten Nordosten des Landes, vor allem in der Kleinstadt Rmeilan, nahe der PYD-Hochburg Al-Malikiya (Dêrik) ergiebig und in Betrieb sind.

Zwar sind Syriens Rohstoffreserven im Vergleich zu denen des Irak oder Libyens unbedeutend, doch verfügt das Land laut dem syrischen Ölministerium noch über 2,5 Milliarden Barrel, die bei einer täglichen Fördermenge von 377.000 Barrel für die nächsten 18 Jahre ausreichen. Eben soviel sei bis Ausbruch der Aufstände produziert worden - erst jüngst und aufgrund der Ölsanktionen sei die Produktionsmenge um 30 Prozent zurückgegangen.

Für Jihad Yazigi, den Herausgeber des syrischen Wirtschaftsblatts The Syria Report kommt indes bereits eine tägliche Verkaufsmenge von 50.000 Barrel einer goldenen Fahrkarte für ihren Inhaber gleich, vermag man doch so mühelos die Existenz von rund zwei Millionen Menschen zu sichern - und ihre Herzen zumindest ansatzweise zu gewinnen.

Mit Letzterem ist die PYD in der Hassake längst befasst: Da ihr die Verteilung sämtlicher Brennstoffe obliegt, kann sie den Schwarzmarkt unterbinden und Gas oder Heizöl zu den staatlich festgesetzten Preisen verkaufen. Angesichts des bevorstehenden Winters gibt es kaum ein besseres Mittel, die Bevölkerung geneigt zu stimmen.

Das aber könnte sich alsbald ändern. Im Raum Deir Ezzor - Syriens sechstgrößter Stadt, die im Osten des Landes liegt und vorwiegend von Arabern bevölkert wird - eroberte die FSA Anfang November zwei Ölfelder. Nun visiert sie auch die Provinz Hassake an, wie ein Rebellenführer gegenüber dem US-amerikanischen McClatchy-Newspaper erklärte.

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