Kampflose Eroberung von Dscharablus: Wer an der türkischen Offensive auf Dscharablus beteiligt war

Internationale Koalition und türkische "Kriegserklärung" gegen Rojava

Im Moment zeigt sich, dass die internationalen und regionalen Mächte, die sich als Unterstützer der SDF präsentierten, dieses Projekt fallen gelassen haben. Dies war auch von der Selbstverwaltung in Rojava erwartet worden und es ist davon auszugehen, dass die SDF darauf vorbereitet sind.

Während US-Außenminister Kerry betont, einen "Kurdenstaat", den im Übrigen niemand fordert, in Nordsyrien nicht zulassen zu wollen, wird dies in der türkischen Presse kreativ als Verhinderung der "Autonomie" der Kurden übersetzt.

Wie sieht die Situation nun aus der Perspektive Rojavas aus? Bei der Befreiung von Manbij vor zwei Wochen standen die USA noch an der Seite Rojavas. Auch die Eroberung des Tishrin-Dammes vor einigen Monaten und damit zusammenhängende Überschreitung des Euphrats und der proklamierten "roten Linie" der Türkei unterstützten die USA bis vor kurzem.

Russland hielt sich mit direkter Unterstützung mit Rücksicht auf die USA im Hintergrund, unterstützte Rojava aber, indem sie die Eröffnung eines Rojava-Büros in Moskau ermöglichten. Russland bemühte sich, auch eine Vertretung Rojavas an den Genfer Friedens-Verhandlungen zu beteiligen. Dies scheiterte stets am Veto der Türkei. Den Einmarsch der Türkei sieht Moskau kritisch. Entgegen der türkischen Propaganda, die suggerierte, dass Assad den Angriff auf die Kurden befürworte, kritisierte das russische Außenministerium, dass die Operation nicht mit Damaskus abgestimmt sei.

Für die Kurden ist klar, dass diese Offensive ein Angriff auf die Bemühungen ist, demokratische Strukturen in Syrien herzustellen. "Es ist ein Angriff auf die Demokratisierung Syriens und die Schaffung eines Syriens, in dem die kurdische und arabische Bevölkerung, in dem Assyrer, Turkmenen, Tscherkessen, Armenier und Drusen friedlich koexistieren. Die Angriffe der Türkei zielen nicht auf die IS-Terrormiliz, sondern auf die Syrischen Demokratischen Kräfte, der auch die kurdischen YPG angehören", erklärte die KCK.

Der PYD-Vorsitzende Saleh Muslim bezeichnete im Fernsehsender MED NUCE TV den Einmarsch türkischer Truppen als eine nicht zu akzeptierende Besetzung. Er sei sich sicher, dass das syrische Volk sich selbst verteidigen werde, so wie die PYD ihre Gebiete verteidigt hätten.

Verzerrtes Bild

Hierzulande wird von der realen Situation meist ein verzerrtes Bild gemalt. Da kommen die Kurden vor, die Stück für Stück ohne die Unterstützung der Bevölkerung Gebiete vom IS befreien. In vielen Gebieten hat die Bevölkerung aber die SDF um Hilfe gebeten, sie von der Herrschaft des IS zu befreien. Weil sie sich endlich demokratische Organisationsformen wie in Rojava wünschen.

Auch die arabische Bevölkerung, die aufgrund der Zwangsansiedlung durch Assad dort sesshaft geworden ist, möchte den Schutz durch die SDF. Dies wird immer unterschlagen, weil Rojava das Label "kurdisch" hat. Dabei stimmt dies längst nicht mehr. Über 40% der SDF-Soldaten sind mittlerweile Araber.

Es wird auch ein falsches Bild gezeichnet, wenn behauptet wird, dass die SDF westlich vom Euphrat nicht mehr ihr eigenes Gebiet verteidigen, sondern die Gelegenheit nutzen würden, um ihr Gebiet auszudehnen. Westlich wie östlich vom Euphrat, also im ganzen Norden Syriens leben Kurden und Araber, Moslems, Christen und Eziden in den Städten und Dörfern zusammen. Teilweise in getrennten Stadtteilen oder in benachbarten Dörfern. Auch in Dscharablus gibt es ein kurdisches Stadtviertel. Die demokratische Föderation Rojava/Nordsyrien steht gerade dafür, Bevölkerungsgruppen nicht zu separieren, sondern zu vereinen.

Türkische Intervention gegen den IS ist nur ein Vorwand

Bereits vor zwei Jahren wurde ein Abhörprotokoll bekannt, in dem Geheimdienstchef Hakan Fidan in einer Sitzung im Außenministerium erklärte, mit seinen Agenten leicht einen Angriffsgrund durch einen dem IS angehängten Beschuss türkischen Gebietes von Syrien aus liefern zu können. Der Anschlag auf die kurdisch-alevitische Hochzeit in Gaziantep lieferte Erdogan den Vorwand, um heuchlerisch Mitgefühl zu demonstrieren und um die angeblichen Täter des IS nun endgültig zu bekämpfen.

Auffällig nur, dass fast kein einziger Anschlag in der Türkei, der schnell dem IS zugeschrieben wurde, von diesem wirklich bestätigt wurde. Dabei ist es dem IS normalerweise ziemlich wichtig, seine gelungenen Anschläge propagandistisch auch im Internet in Szene zu setzen und damit zu werben. False-Flag-Operationen des MIT? Man weiß es nicht.

Aber augenscheinlich sind bestimmte Anschläge für die Erdogan-Regierung sehr nützlich für die Verwirklichung ihrer Strategie. Denn der Einmarsch in Nordsyrien ist keine neue Idee. Schon 2014/2015 brachte Erdogan immer wieder eine sogenannte Schutzzone auf syrischem Hoheitsgebiet zwischen Kobane und Afrin ins Spiel. Angeblich, um syrische Flüchtlinge dort anzusiedeln. Tatsächlich ging und geht es der Türkei darum, den Zusammenschluss des Kantons Afrin mit dem Kanton Kobane zu verhindern.

Letztlich trennten diese beiden Kantone nur noch 70 km. Dass es nicht um die Befreiung vom IS geht, sagt der türkische Verteidigungsminister Fikri Işık in einem Interview: "Cerablus stellt im Traum der PYD, ihre östlichen und westlichen Kantone miteinander zu verbinden, einen wichtigen Punkt dar. Dass sich dieser Traum nicht erfüllt, ist für die Türkei von oberster politischer und strategischer Priorität. Und damit dieser verhindert wird, ist Cerablus für uns wichtig." (Elke Dangeleit und Michael Knapp)