Kanada: Schmutziges Öl oder ethisches Öl?

Der Streit über die umstrittene Ölsand-Pipeline Keystone XL weitet sich aus

Trotz öffentlicher Protestaktionen in Ottawa und Washington erwarten Rechtsexperten grünes Licht von der amerikanischen Regierung für die umstrittene Öl-Pipeline Keystone X (). Eine Genehmigung würde der als besonders klimaschädlich verurteilten Ölsand-Industrie in Kanada weiteren Auftrieb verschaffen.

Die Demonstration hätte als "typisch kanadisch" bezeichnet werden können – zivilisiert, freundlich und leise. Als am Montag schätzungsweise 300 Demonstranten sich vor dem Parlamentsgebäude in der kanadischen Hauptstadt Ottawa versammelten, um gegen die umstrittene Ölsand-Pipeline Keystone XL zu demonstrieren, war nichts von dem Wut und der Lautstärke zu spüren, die eine ähnlich Versammlung vier Wochen vorher in Washington geprägt hatten. Es wurde gesungen, gelacht und getanzt. Als schließlich doch noch einige Demonstranten versuchten, sich Zugang zum Parlament zu verschaffen, um wie sie es selbst ausdrückten, "zivilen Ungehorsam zu leisten", da wurden sie höflich und still von freundlichen Polizisten abgeführt.

Die Protestaktion in Ottawa macht es deutlich – wenn es um das Keystone XL-Projekt und die damit verbundene kanadische Ölsand-Industrie geht, bleibt die Öffentlichkeit des Landes relativ emotionslos. Die Pipeline stellt eine Erweiterung der bereits existierenden Keystone-I dar und soll über rund 3.000 zusätzliche Kilometer die Ölsand-Felder im kanadischen Alberta mit texanischen Ölraffinerien am Golf von Mexiko verbinden.

Politiker und Bürgergruppen in den sechs amerikanischen Staaten, welche die Erweiterung durchqueren würde, fürchten Umweltschäden an einem empfindlichen Öko-System. Außerdem würde ein Erfolg des 7-Milliarden US-Dollar-teuren Projektes den Interessen der von Wissenschaftlern als besonders klimaschädlich verurteilten Ölsand-Industrie weiteren Aufschwung geben.

Seit der Regierungsübernahme durch die Konservativen im Jahre 2006 wird es den Kanadiern eingeimpft: Albertas Ölsand stehe für Arbeitsplätze und gesicherte Energieversorgung im 21. Jahrhundert. Premierminister Stephen Harper sieht dabei die geschätzten 180 Milliarden Barrel, die noch aus dem Ölsand gefördert werden können als Mittel, um Kanada nach eigenen Worten in eine "Energie-Supermacht" zu verwandeln.

Harpers politische Heimat ist Albertas Wirtschaftsmetropole Calgary, wo konservative Regierungen Energiepolitik zu einem zentralen Thema gemacht haben. Schon kurz nach seinem Amtsantritt als Premier ließ Harper daher mit Hinblick auf den Ölsand verkünden, dass Kanada den Kyoto-Verpflichtungen zur Verringerung von CO2-Emmissionen nicht nachkommen werde. Es geht um enorme Summen. Joe Oliver, Minister für Natürliche Ressourcen in Harpers Kabinett, sagt: "Uns wurde versichert, dass die Ölsand-Industrie in den nächsten 25 Jahren rund 2,3 Billionen Dollar in Wirtschaftsaktivität verursachen wird."

Harpers Strategie scheint aufzugehen, denn in Washington wird erwartet, dass die Obama-Regierung bis zum Jahresende der Keystone-Erweiterung zustimmen wird, da Studien das Projekt als solide und ungefährlich für die Umwelt bezeichnen.

In den amerikanischen Bundesstaaten, welche die Pipeline durchqueren wird, sieht man dies allerdings anders. Dort wird darauf hingewiesen, dass Keystone XL besonders schmutziges Öl, Bitumen, transportiert und Lecks gewaltige Umweltschäden verursachen könnten. "Pipelines schlagen Leck. Selbst die Industrie gibt zu, dass es dagegen keine Garantien gibt", sagt Aktivistin Maude Barlow.

In Nebraska verläuft die Pipeline durch den sogenannten Ogallala-Aquifer, eines der größten Grundwasserleiter-Systeme der Erde, das zwei Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt. Der Gouverneur des Staates, Dave Heineman, hat daher in einem Brief an Präsident Obama und Staatssekretärin Clinton gefordert, dem Projekt die Zustimmung zu verweigern. Kritiker stützen ihre Bedenken auch auf den Fakt, dass die seit 2010 operative Keystone I-Pipeline bereits 14 Mal Leck geschlagen sei.

Selbst wenn es bei der eigentlichen Pipeline zu keinen Zwischenfällen kommen sollte, warnen Aktivisten vor dem Auftrieb für die Ölsandproduktion, die sich nach Schätzungen von Umweltgruppen mit Keystone XL verfünffachen könnte.

Das wäre nach Experten-Einschätzung fatal für den Planeten. Laut Umweltstudien ist die Ölsand-Industrie ökologisch unhaltbar (). Sie benötige ein Barrel Öl, um drei Barrel Öl zu produzieren, was zu gewaltigen Treibhaus-Emissionen führe.

Es wird geschätzt, dass bis 2012 der Energieaufwand in der Ölsand-Förderung dem Heizbedarf aller kanadischen Haushalte gleichkommen wird. Dabei werde relativ sauberes natürliches Gas verbrannt, um schmutziges Bitumen zu gewinnen – ein Vorgang, der von kritischen Wissenschaftlern als "rückwärtige Alchemie" verspottet wird, weil es so logisch sei, wie Gold in Blei zu verwandeln.

Aus dem Video von Ethical Oil

Solchen Warnungen vor "schmutzigem Öl" bekämpfen die Image-Strategen bei den Ölproduzenten mit neuen taktischen Manövern. Deren neueste Werbe-Kampagne versucht dabei, das Öl aus Kanada als "ethisch" anzupreisen. In einem Fernsehspot greift Ethical Oil, eine Ölsand-Lobbygruppe, ausgerechnet die Ölmacht Saudi-Arabien an. Der Clip zeigt die Unterdrückung von Frauen in dem Königreich und fragt: "Warum bezahlen wir deren Rechnungen und finanzieren deren Unterdrückung?"

Das Argument ist simpel: Von allen ausländischen Ölproduzenten sei Kanada schlichtweg derjenige, der Demokratie und Menschenrechte am besten verteidige. Amerikanische Öl-Dollar sollten daher nach Kanada gehen, anstatt dubiose Regime zu finanzieren.

Die Strategie hat jedoch einen unerwarteten Nebeneffekt. Denn nun hat das saudische Königshaus mit rechtlichen Schritten gegen kanadische Sender gedroht, die den Spot ausstrahlen. Seitdem ist das politische Klima zwischen Ottawa und Riad verstimmt.

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