Kant ist nicht meine Zielgruppe

Copyright: Knaus Verlag.

Interview mit Hanno Depner über seine philosophische Bastelarbeit

Im März dieses Jahres ist im Münchener Knaus-Verlag das Buch Kant für die Hand des Philosophen Hanno Depner erschienen. Darin enthalten ist ein Bastelbogen, mit dem das als kompliziert geltende, erkenntnistheoretische Hauptwerk Kants, die Kritik der reinen Vernunft, als dreidimensionales Modell nachgebildet werden kann. Telepolis sprach mit dem Autor über die Entstehung, die Hintergründe und die Rezeption des erfolgreichen Projektes.

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Wie ist die Idee entstanden, Kants Kritik der reinen Vernunft zu visualisieren?
Hanno Depner: Formen und Strukturen in der Philosophie - das ist seit meinem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie mein Thema. Zu diesem wissenschaftlichen kommt ein didaktisches Interesse, das auch mit meiner beruflichen Tätigkeit als Redakteur und Lektor für Print und Online zu tun hat: Ich bemühe mich, die Dinge auf den Punkt und möglichst anschaulich rüberzubringen - Text ist dabei nicht das einzig nützliche Medium. Und dieses Interesse am Vermitteln deckt sich auch schon wieder mit meinem Philosophieverständnis: Philosophie soll Übersichtlichkeit herstellen, praktisch relevant sein, bildend und aufklärerisch wirken.
Steht da nicht auch eine spezifische und damit diskutable philosophische Interpretation der Kritik der reinen Vernunft?
Hanno Depner: Ja, hier geht mein didaktisches Interesse nahtlos in eine Stellungnahme zur Philosophie über. Aber ich hinterfrage mit dem neuen Medium des "gebastelten Gedankengebäudes" auch das traditionell dominante Medium der Philosophie: den Text. Außerdem ist "Kant für die Hand" durchaus als Kommentar zu Kant zu verstehen, allerdings als unaufdringlicher.
Wer möchte, erkennt im "Kant für die Hand"-Würfel eine Art Karikatur - nämlich erstens eine Überzeichnung der charakteristischen Merkmale Kants (zum Beispiel des Verschachtelten), aber zweitens auch eine Hommage, die ja jede Karikatur auch immer ist.
Und wie ist es zur Würfel-Form gekommen? Was vom Inhalt repräsentiert sich da in der Form?
Hanno Depner: Eine der Vorentscheidungen für mein Projekt "Philosophie in 3D", die von Anfang an feststand und die ich nie in Zweifel stellen wollte, bestand darin, möglichst wenig interpretatorisch oder "künstlerisch" tätig zu werden. Das bedeutet: Man wird in "Kant für die Hand" keine Erklärungen finden, die nicht auch in irgendwelchen anderen Kant-Einführungen stehen - allerdings habe ich mich stark bemüht, mich kurz zu fassen, so viele Beispiele wie möglich anzugeben und überhaupt plakativ zu schreiben.
Was die Gestaltung des Würfels betrifft: Hier habe ich mich für möglichst klare, prägnante Formen (Quadrat, rechter Winkel, Dreieck, Kreis) entschieden, die in der Kombination dann aber doch nicht so streng wie Stile der klassischen Moderne (Bauhaus, Mondrian) wirken, sondern rokokohaft verspielt. Die Farbwahl verdankt sich übrigens explizit der Orientierung am Spätbarock. Ich finde, das alles passt zu Kant, seinem Bemühen, Exaktheit und Detail zu verbinden und seinem um Klarheit bemühten Stil, der doch etwas Wuchernd-Organisches bekommt.
Weitere ästhetische Parallelen überlasse ich dem Auge des Betrachters. Der "Kant für die Hand"-Würfel wurde übrigens schon als Insekt, Spieluhr, havarierter Reaktor, Kölner Dom und etwas zwischen Raumschiff Enterprise und James Bond beschrieben.
Eignet sich Kants Philosophie durch eine besondere Art der inhaltlichen oder strukturellen "Topologie" für solch eine Verarbeitung?
Hanno Depner: Philosophie mit ihrem relativ reduzierten Begriffsvokabular, ihrem Streben nach Stringenz, dem Hang zu hierarchischen Ordnungen und Ableitungen eignet sich generell besser als Literatur (oder überhaupt nur) zu dieser Art von Versinnbildlichung, die nicht künstlerische Interpretation, sondern eher eine Infografik sein will.
Und innerhalb der Philosophie eignet sich dafür natürlich Kant besser als Nietzsche, der frühe eher als der späte Wittgenstein. Bei der Gestaltung des "Kant für die Hand"-Würfels war außerdem sehr hilfreich, dass Kant formale und inhaltliche Aspekte gerne verschränkt - zum Beispiel gliedert der Aufbau der Erkenntnisvermögen in der "Kritik der reinen Vernunft" in gewisser Weise auch den Erkenntnisprozess.
Es scheint, als bewegst du dich mit dieser Art von Visualisierung gleichzeitig auf zwei verschiedenen Ebenen: einer, die traditionell Komplexität mithilfe von Diagrammen zu reduzieren versucht, und einer, die in den letzten Jahren als "Trivialisierung von Wissenschaft" von Seiten der Kulturkritiker stigmatisiert wurde. Machst du Kant mit dem Würfel nur einfacher oder vielleicht sogar zu einfach?
Hanno Depner: Ich glaube, diese zwei Ebenen gehören zusammen und zwar deshalb, weil jeder Komplexitätsreduktion immer der Vorwurf der Trivialisierung gemacht werden kann. Die Frage wäre also wohl eher, ob "Kant für die Hand" eine gute Einführung ist oder eine schlechte: eine, die die Leser und Bastler eher zu Kant führt oder verwirrt und abschreckt. Allerdings kann etwas Verwirrung oder Verwunderung vielleicht nicht schaden, um Interesse auszulösen…
Was Kant wohl selbst zu dieser Komplexitätsreduktion gesagt hätte? Immerhin hat er sich in der Prolegomena ja sehr eindeutig über die Grenzen von Vereinfachungen seiner Philosophie geäußert ...
Hanno Depner: Kant war der Reduzierung von Komplexität in didaktischer Absicht gegenüber ganz und gar nicht abgeneigt - er hatte auch nichts gegen Unterhaltsamkeit und Eleganz. Und was das Basteln betrifft: Ich vermute mal, der Würfel hätte ihn amüsiert, aber er hätte ihn weniger ernst genommen, als ich ihn verstehe. Aber Kant ist auch nicht meine Zielgruppe.
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Die Reaktionen auf deinen Kant-Würfel sind auf YouTube ja als deutlich positiv zu sehen. Hast du schon einmal Kontakt mit Philosophen gehabt?
Hanno Depner: Soweit ich sie mitbekomme, sind die Reaktionen auch in akademischen Kreisen überwiegend positiv - manchmal begeistert, immer wieder auch freundlich, gepaart mit einer gewissen Ratlosigkeit. Das liegt wohl auch daran, dass meine Präsentationen bisher keine wissenschaftlichen Vorträge, sondern eher Performances waren.
Insgesamt habe ich aber das Gefühl, dass Performance und Vermittlung auch in der akademischen Philosophie immer wichtiger werden. Möglicherweise wächst da sogar eine neue Community heran. Beim Philosophiefestival "Soundcheck Philosophie" beispielsweise haben sich im Juni mehrere Philosophieperformer in Halle getroffen, denen die Frage "Ist das noch Philosophie?" auch nicht fremd war. (Stefan Höltgen)
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