"Kante statt Teflon"

Grafik: TP

Oliver Georgi über die Floskelhaftigkeit in der Politik

In seinem Buch "Und täglich grüßt das Phrasenschwein" setzt sich der Journalist Oliver Georgi mit dem Sprachverfall in der deutschen Politik auseinander.

Herr Georgi, welche Politikerphrase ist Ihnen persönlich die missliebigste und warum?
Oliver Georgi: Es gibt viele Phrasen von Politikern, die mich regelmäßig aufregen. Wenn sie nach einer Wahl eine "schonungslose Aufarbeitung" der Niederlage ankündigen und damit bemänteln, dass sie am liebsten nichts unternehmen wollen. Wenn sie "die Zukunft des Landes gestalten" wollen und man sich fragt: Sind sie Zauberer, dass sie die Zukunft nicht nur vorwegnehmen, sondern offenbar auch nach Belieben wie Knetmasse formen können?
Am schlimmsten finde ich es aber, wenn Politiker eine "Politik für die kleinen Leute" machen wollen, eine äußerst beliebte Phrase. Damit wollen sie signalisieren, dass sie auf die Sorgen der Wähler eingehen und nicht abgehoben sind, dass sie die Kluft zwischen der Politik und den Wählern überwinden wollen. Dabei bewirkt die Phrase "kleine Leute" gerade das Gegenteil: Sie vergrößert die Entfremdung noch, weil sie die Wähler bevormundet. Die Wähler sind klein und hilfsbedürftig, die Politik ist gnädig und groß.

"Folge von tausenden Vorträgen"

Was hat die zunehmende Floskelhaftigkeit in der Politik mit dem Werdegang der Politik selber zu tun? Spiegelt sich darin eine gewisse Art von Politik wider?
Oliver Georgi: Man muss unterscheiden: Es gibt viele Situationen, in denen Politiker tatsächlich mit Vorsatz Phrasen verwenden. Etwa, wenn sie nach einer Wahlniederlage nach Konsequenzen gefragt werden und noch keine ziehen wollen. Dann können sie mit einem Satz wie "Wir müssen die Niederlage jetzt erst einmal aufarbeiten" oder "Wir müssen jetzt dringend zur Sacharbeit zurückkehren" viel reden, ohne sich auf etwas festzulegen.
An anderen Stellen sind Phrasen für Politiker aber auch so etwas wie eine Berufskrankheit. Über die langen Jahre und Jahrzehnte, die viele von ihnen schon in der Politik sind und in denen sie sich von den Jugendorganisationen ihrer Parteien über Orts- und Gemeinderäte bis in die Bundespolitik emporgearbeitet haben, haben sie sich diese Art zu sprechen antrainiert. So wie Ärzte sich ihr "Ärztelatein" aneignen oder Anwälte eine hermetische Juristensprache. Das ist dann nicht unbedingt vorsätzlich, sondern die Folge von Tausenden Vorträgen, Grußworten und politischen Diskussionen. Die haben auch sprachlich ihre Spuren hinterlassen.
Woher nehmen die Politiker ihre Phrasen? Merkels "Wir schaffen das das" scheint ja beispielsweise aus der Kinderserie "Bob der Baumeister" entnommen zu sein…
Oliver Georgi: (lacht) Das müsste man Frau Merkel mal fragen, ob "Bob der Baumeister" sie zu diesem Satz inspiriert hat. Aber im Ernst: Die Herkunft von Phrasen zu entschlüsseln dürfte in den meisten Fällen sehr schwer fallen. Sie sind aber immer auch Ausdruck der Zeit, in der sie verwendet werden.
Nehmen Sie einmal das Wort "Stabilität", das in zahlreichen Phrasen eine große Rolle spielt, etwa bei den "stabilen Verhältnissen oder dem Begriff der "stabilen Regierung", mit dem Politiker oft gegen bestimmte Koalitionen argumentieren. Dass Stabilitätsphrasen in den vergangenen Jahren so inflationär verwendet werden, hat auch damit zu tun, dass das allgemeine Gefühl der Verunsicherung zugenommen hat. Finanzkrise, Brexit, das Erstarken des Rechtspopulismus, die Bedrohung alter Bündnisse durch Donald Trump, angesichts dieser Krisen wächst die Sehnsucht nach Beständigkeit, eben nach "stabilen Verhältnissen". Die politische Sprache spiegelt dieses Bedürfnis, auch in ihren Phrasen.
War die Ära Schröder maßgeblich für diese Entwicklung? Zumindest wurden damals die meisten der heute noch verwendeten Phrasen geprägt …
Oliver Georgi: Ist das so? Das würde ich bezweifeln, Phrasen gab es in der Politik schon immer. Und man könnte umgekehrt auch sagen, dass Politiker wie Gerhard Schröder oder auch Joschka Fischer gerade für ihre vergleichsweise klare Sprache bekannt waren, weil man bei ihnen das Gefühl hatte, dass sie sich weniger als andere darum scherten, ob sie mit ihren Äußerungen Widerspruch auslösten.
Bei Wolfgang Schäuble ist das immer noch so - das ist meines Erachtens einer der Gründe dafür, warum er von vielen, auch parteiübergreifend, so geschätzt wird. Heutzutage nennt man diese offene Art zu sprechen dann gern "knorrig" oder eben "authentisch". Schäuble traut sich zu polarisieren - das rechnen ihm viele hoch an, unabhängig von parteipolitischen Fragen.
Das Gegenmodell dazu ist Angela Merkel, ihre technokratische, phrasenhafte Art zu sprechen ist ja zu Recht berühmt-berüchtigt. Wenn Phrasen in der Politik deutlich zugenommen haben, dann eher in der Ära Merkel. Bei vielen ihrer Reden glaubt man förmlich zu spüren, wie sehr sie auf mögliche Polarisierungen hin abgeklopft wurden, bis am Ende nur noch leere Worthülsen übrig bleiben.

"Äußerungsdruck auf Politiker hat enorm zugenommen"

Welche Rolle spielen die Medien bei der Phrasenhaftigkeit der politischen Sprache?
Oliver Georgi: Ich finde, die Medien, vor allem die sozialen Netzwerke, tragen eine Mitverantwortung dafür, weil der politische Diskurs in vielen Fällen immer erregter wird. Heutzutage kann ein einzelner Satz eines Politikers, der aus dem Zusammenhang gerissen wird und dann bei Twitter läuft, binnen Minuten einen Shitstorm auslösen, obwohl er vielleicht ganz anders gemeint war.
Auch in vielen klassischen Medien kann man zunehmend eine Tendenz zur Skandalisierung beobachten: Aus der knackigen, aber undramatischen Äußerung eines Politikers wird schnell eine "Abrechnung", und aus einer engagiert vorgetragenen, polemischen Replik eine empörte Debatte über den richtigen Stil in der Politik. Hinzu kommt, dass der Äußerungsdruck auf Politiker durch die Beschleunigung der Berichterstattung enorm zugenommen hat: Von ihnen wird heute erwartet, dass sie binnen Minuten fast zu jedem beliebigen Thema sprechfähig sind - das ist eine ständige Überforderung.
All diese Entwicklungen lehren Politiker, dass sie mit leeren, aber harmlosen Phrasen im Zweifel besser fahren, weil sie sich nicht angreifbar machen. Diese überhitzte Debattenkultur trägt mit zur Phrasenschwäche vieler Politiker bei. Deshalb finde ich es zu einfach, immer nur mit dem Finger auf sie zu zeigen.
Sie geben in Ihrem Buch auch uns allen, also den Wählern, eine Mitverantwortung für die Phrasen von Politikern. Warum?
Oliver Georgi: Weil wir in unseren Erwartungen an Politiker oft ambivalent sind. Wir wünschen uns authentische Politiker, die auch mal unbequem sind und unerschrocken, die keine Angst vor Widerspruch haben, die sich auch mal menschlich geben. Und wenn sie das dann einlösen, mit einer Äußerung, die vielleicht etwas über das Ziel hinausschießt und polarisiert, dann sind wir oft wie vor den Kopf geschlagen und empören uns. Wir fordern also etwas, was wir kurz darauf verdammen - das ist eine sehr unehrliche Haltung.
Nehmen Sie Peer Steinbrück, den Kanzlerkandidaten der SPD 2013: Als er Kandidat wurde, wurde er dafür gepriesen, dass er "Klartext" sprach und unbequem war. Und kurz darauf hat man ihn in der Luft zerrissen, weil er diese "Beinfreiheit" auch im Wahlkampf für sich beanspruchte und zum Beispiel öffentlich sagte, er möge keinen billigen Wein und ein Kanzler verdiene zu wenig. Was denn nun, welche Politiker wollen wir?
Unsere Fehlertoleranz gegenüber Politikern, die mit der geforderten Authentizität einhergehen müsste, ist sehr gering. Viele Politiker ziehen aus all dem zu Recht die Lehre: Lieber nicht anecken, lieber langweilig und phrasenhaft bleiben, dafür aber unangreifbar. Teflon statt Kante.