Kapital als Klimakiller

Der Wachstumszwang der Weltwirtschaft macht eine ressourcenschonende Gesellschaftsordnung nur jenseits des Kapitals möglich

Neueste Veröffentlichungen der Klimawissenschaft bestätigen eine deprimierende Tendenz bei der Erforschung des Treibhauseffekts: Es kommt immer schlimmer als befürchtet. Die pessimistischen Langzeitprognosen zu den Folgen der Erderwärmung, die zuerst vom Mainstream der Klimawissenschaft kaum beachtet wurden, erweisen sich oftmals im Gefolge weiterer Forschungen als zutreffend.

Diesmal scheinen sich die düsteren Prognosen einer Studie des ehemaligen NASA-Wissenschaftlers James Hansen zu erhärten, die noch vor zwei Jahren auf breite "Skepsis einer Reihe von Klimawissenschaftlern" stieß, wie es die Washington Post formulierte.

Hansens Team hatte auf Grundlage komplexer Computersimulationen prognostiziert, dass das Abschmelzen der Eismassen in den Polarregionen die thermohaline Zirkulation, das "globale Förderband" von Meeresströmungen, das maßgeblich das globale Klima prägt, zum Erliegen bringen würde.

Jüngste empirische Forschungen scheinen dieses Szenario zu bestätigen, das einen weitaus schneller ablaufenden, sprunghaften Klimaumschwung prognostiziert. Demnach habe Schmelzwasser bereits das übliche Absinken des kalten salzigen Meerwassers vor der Küste der östlichen und westlichen Antarktis beeinträchtigt.

Dies löse eine positive Rückkopplung in dieser Region aus, bei der das in tiefen antarktischen Meeresschichten verbliebene Warmwasser die riesigen Gletscher der Region immer schneller, quasi sprunghaft abschmilzt. Ein Kipppunkt des Klimawandels scheint in der Antarktis bereits überschritten, deren gigantische Gletscher noch vor wenigen Jahren von der Wissenschaft als relativ klimabeständig angesehen wurden.

Dieses drohende Erliegen der thermohalinen Zirkulation tangiert schon jetzt Europa. Auch der Golfstrom, die Zentralheizung Westeuropas, der vor wenigen Jahren noch als stabil galt, wird jüngsten Forschungsergebnissen zufolge bereits schwächer. Das Strömungssystem habe sich seit den 1950ern um 15 Prozent verlangsamt. Ein Ausfallen dieser Meeresströmung hätte - vorsichtig formuliert - drastische Folgen für Europa.

Man könnte hier von einer Dialektik des Klimawandels sprechen, der gerade nicht graduell, sondern sprunghaft abläuft: Quantitative Veränderungen im komplexen Klimasystem (Anstieg CO2-Niveau) führten somit nach dem Überschreiten eines Grenzwertes zu einem qualitativen Umschlag des gesamten Systems in einen anderen Zustand. Die Folgen für den Zivilisationsprozess - rascher Meeresspiegelanstieg, abrupte Klimaänderung, bislang unbekannte Extremwetterereignisse - wären verheerend.

Und dennoch scheint der Kapitalismus angesichts dieser sich überdeutlich abzeichnenden Klimakatastrophe absolut reformunfähig zu sein. Allen Sonntagsreden, allen "historischen" Klimagipfeln und Vertragsabschlüssen zum Trotz scheint eine substanzielle Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen illusorisch.

Im Gegenteil: Auch 2017 ist der Ausstoß von Klimagasen - trotz der technischen Fortschritte bei regenerativen Energien - auf ein Rekordniveau angestiegen. Eine geläufige, insbesondere von der Neuen Rechten wiederbelebte Ideologie sieht in der "Überbevölkerung", vor allem in der Dritten Welt, die Ursache des Anstiegs des Ressourcenverbrauchs.

Die Thesen des liberalen Ideologen Thomas Malthus, der schon Ende des 18. Jahrhunderts den damaligen Pauperismus als eine Folge von Überbevölkerung interpretierte, erfreuen sich angesichts der Flüchtlingskrise erneut großer Beliebtheit.

Ein kurzer Blick auf die Fakten entlarvt die Unhaltbarkeit dieser malthusianischen Thesen. Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung produzieren rund 50 Prozent der weltweiten Emissionen von Treibhausgasen, die verarmte untere Hälfte der Menschheit ist nur für circa zehn Prozent der Emissionen verantwortlich. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung generiert Treibhausgase, die um das 175-fache größer sind als die Emissionen des untersten Zehntels.

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