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Kapital im Wertbegriff und Kapitalist in der Entfremdung

Mexiko City, Wandmalerei am Nationalpalast, von Diego Rivera. Bild: Wolfgang Sauber, 2008 / CC-BY-SA-3.0

In dieser Folge: Wert / Ausbeutung / Entfremdung / Pariser Manuskripte

Ein Tisch war zu Marxens Zeiten selbstredend aus Holz, und der Schreiner kaufte vom Entgelt vielleicht einen Rock. Der Schneider wiederum musste Leinwand einkaufen.

20 Ellen Leinwand = 1 Rock. Genau genommen: ...sind 1 Rock wert. Diese Formel aus dem ersten Band des "Kapital" kann jeder Marx-Eleve im Schlaf. Der Rock ist in dieser Stellung, rechts vom Gleichheitszeichen, der Wertausdruck. Das sieht man seinem Gebrauchswert nicht an, aber er wird zum stofflichen Träger des Tauschwerts. Entscheidend ist: Der Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts. Im weiteren Verlauf tritt an die Stelle dieser Äquivalentform des Werts das Geld und später das Kapital. Spätestens dann häufen einige Warenbesitzer Reichtümer an und der Rest verarmt.

Eine große Leistung von Marx ist jedoch, dass er methodisch vom Tausch gleicher Werte, vom gerechten Tausch (iustum pretium) ausgeht. Und dennoch geschieht hinter dem Rücken der Produzenten Merkwürdiges. Das sei angedeutet mit Formeln, in denen W für Ware und G für Geld steht: Erstens W-W. So wie eben besprochen. Zweitens W-G-W. Geld tritt hinzu, um den Tausch nicht nur auf zwei zu beschränken. Das Geld hat sich dabei aus der Äquivalentform entwickelt. Es ist allgemeines Äquivalent. Drittens. G-W-G. Die Tauschakte können auch mit dem Geld begonnen werden, mit dem Kauf.

Viertens G-G'. Geld tauscht sich mit Geld aus und schwitzt mehr Geld aus. Kein Aktienhändler weiß genau, warum. Er handelt einfach, hat es aber letztlich nicht in der Hand, die Vermehrung zu steuern. An dieser Stelle, der Kapitalvermehrung, hat Marx aber bereits die Grundlagen für das Mehr, das "Surplus", vorbereitet. Der Wert (nicht identisch mit Geld und Kapital, aber deren Substanz) hat die Eigenschaft, sich selbst zu vermehren. Selbstlos ist es allerdings nicht. Unter allen Waren gibt es eine Ware, die die Eigenschaft hat, Werte zu schaffen, die über das Äquivalent hinausgehen, das zu ihrer Reproduktion notwendig ist. Das ist die Ware Arbeitskraft. Aus Wert wird Mehrwert für diejenigen, welche diese Ware kaufen und verwerten. Erstaunlich: Selbst diese Ware wird zu ihrem (Markt-)Wert gekauft. Kein Betrug. Auch Kredite sind nicht per se Wucher. Alles legal. Betrugstheorien kratzen nur an der Oberfläche.

Der Rest kann in Band zwei und drei nachgelesen werden: Genau genommen gibt es sogar einen vierten ('Theorien über den Mehrwert'). Aber die kleineren Schriften 'Lohnarbeit und Kapital' und 'Lohn, Preis und Profit' empfehlen sich als Einstieg.

These:
In der einfachsten Formel, dem Tausch zweier Waren zu gleichen Werten, steckt bereits das Kapitalverhältnis.

Im Fetisch wird Geronnenes, das Geld als Form und Maß des Wertes, zu scheinbarem, flüchtigem Leben erweckt. Aber die eigentliche Lebendigkeit liegt in der Arbeitskraft, in der Arbeitszeit x Produktivkraft. Der "gerechte Tausch" zu gleichen Werten überdeckt das. Er überdeckt die Ausbeutung, von der gesagt wird, dass sie in Wohlstandsländern überwunden sei. Korrekt müsste es heißen: Man merkt die Ausbeutung nicht so. An diesem Punkt tritt doch wieder der Fetisch hinzu, der das Geld zum magischen Spiel eines ständigen Mehr, der die Geldvermehrung zum Rausch des Glücksspiels macht. Geld ist Aufputschmittel und Narkotikum zugleich.

Wem "Das Kapital" auch nach erster Lektüre Höhere Mathematik ist, der fange noch einmal bei der Rohmasse an. Die "Ökonomisch-philosophischen Manuskripte" sind ein erster spontaner Wurf, den Marx 1844 zur Selbstverständigung schrieb. Er wählte dort einen philosophischen Ansatz, den er in Ökonomie auflöst:

Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware." Je mehr Waren er schafft, desto wohlfeiler wird die Ware Arbeit(skraft).
"Dieses Faktum drückt nichts weiter aus als: Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber. Das Produkt der Arbeit ist die Arbeit, die sich in einem Gegenstand fixiert, sachlich gemacht hat, es ist die Vergegenständlichung der Arbeit. Die Verwirklichung der Arbeit ist ihre Vergegenständlichung. Diese Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.

(MEW Erg.bd. I/511f.)

"Der Arbeiter legt sein Leben in den Gegenstand; aber nun gehört es nicht mehr ihm, sondern dem Gegenstand." Die Verkehrung, die in der Entfremdung liegt, formuliert Marx grundlegend: "Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause." (MEW Erg.bd. I/514) Diese Aufspaltung ändert sich zwar in den postindustriellen Zeiten des Home office allmählich, aber um so mehr wird der Anteil der Selbstausbeutung an der Arbeit steigen.

Aus dem Grundsatz leitet Marx weitere Formen der Entfremdung ab. Die Entfremdung zeigt sich nicht nur im Produkt, sondern auch im Akt der Produktion, als eine wider den Arbeiter gerichtete Tätigkeit, als Selbstentfremdung. Weiter entfremdet die Arbeit dem Menschen die Gattung: "Indem daher die entfremdete Arbeit dem Menschen den Gegenstand seiner Produktion entreißt, entreißt sie ihm sein Gattungsleben, seine wirkliche Gattungstätigkeit." (MEW Erg.bd. I/517)1[1] Diese wird nur noch Mittel zum Zweck der physischen Existenz.

Eine letzte Konsequenz, "dass der Mensch dem Produkt seiner Arbeit, seiner Lebenstätigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist, ist die Entfremdung des Menschen von dem Menschen." Das fremde Wesen kann nur der Mensch selbst sein. Das Produkt der Arbeit gehört einem anderen Menschen außer dem Arbeiter. Die Entäußerung der Arbeit erscheint als Aneignung der Gattungstätigkeit des Arbeiters. Wenn der Arbeiter als Individuum auf dem Markt auftritt, scheint in der Gattungstätigkeit, die sich andere aneignen, eine Potenz zu liegen, die Werte schafft - aber nicht für die Arbeiter.

Alles, was bei dem Arbeiter als Tätigkeit der Entäußerung, der Entfremdung erscheint, "ist beim Nicht-Arbeiter Zustand der Entäußerung, der Entfremdung." Man ahnt es schon: Der Andere ist der Kapitalist, der von der gesellschaftlichen Arbeit profitiert, indem er sie "privatisiert". An dieser substantiellen Zuspitzung Marxens auf den (ideellen) Kapitalisten ändert nichts, dass Manager heute jene Nicht-Arbeitszeit noch einmal in die Arbeitszeit der leitenden Tätigkeit umwandeln. Ihr Einkommen erweckt Misstrauen.

Den Begriff der Entfremdung sucht Marx ökonomisch zu fassen, als eine materielle Gewalt. Heute ist derselbe Begriff höchst aktuell als psychische Kategorie, als aus dem Arbeitsleben hervorgehende Symptomatik zwischen Burnout und Depression.

Der Nicht-Arbeiter tut alles gegen den Arbeiter, was der Arbeiter gegen sich selbst tut, aber er tut nicht gegen sich selbst, was er gegen den den Arbeiter tut.

(MEW Erg.bd. I/522)

In diesem Satz erweist sich Marx ganz als Hegelianer. Die brisante Dialektik von Lohnarbeiter und Kapitalist hatte Hegel bereits auf das Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft bezogen. Das Bild von Herr und Knecht taucht 1895 in Lew Tolstois gleichnamiger Erzählung wieder auf mit der Aussicht auf Emanzipation von Herrschaft, was jedoch am Schneesturm und nicht am Aufstand des Proletariats liegt.

Entfremdung:
Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich.

In den "Pariser Manuskripten" grenzt sich Marx von Pierre-Joseph Proudhons These ab, dass Eigentum Diebstahl sei. Marxens gesamtes System fußt darauf, dass Mehrwert und Profit nicht durch Prellerei zustande kommen. Das moderne Privateigentum geht aus den Produktionsverhältnissen hervor. Es ist die notwendige Konsequenz der entäußerten Arbeit und des äußerlichen Verhältnisses des Arbeiters zur Natur und damit auch zu den stofflichen Mitteln seiner Produktion.

Marx-Engels-Werke, Berlin 1956ff. Die "Pariser Manuskripte" wurden erst nachträglich in die "Blauen Bände" aufgenommen. Bild: Emmenn / CC-BY-SA-3.0[2]

Das kennzeichnet den methodischen Wechsel von Marx: In den 'Pariser Manuskripten' geht er von der Arbeit zur Ware/Privateigentum vor, im "Kapital" geht er den umgekehrten Weg von der Ware zur Arbeit. Die 'Pariser Manuskripte' eignen sich bestens zur Vorbereitung der "Kapital"-Lektüre. Verwunderlich ist, dass die Herausgeber der MEW die 'Pariser Manuskripte' unterschlugen und erst, nachdem der Text im Westen 1962 neu veröffentlicht worden war, an die MEW-Ausgabe Ergänzungsbände anhingen. War den DDR-Exegeten der Begriff der Entfremdung zu "ontisch", da ausgehend von und wieder zurückkehrend zu einem unentfremdeten, gleichsam überzeitlichen Sein? Passte ihnen nicht, dass Sartre[3] sich für den Text stark gemacht hatte? Oder passte der erstarrte "wissenschaftliche" Sozialismus nicht mit der Aufbruchsstimmung des "Vormärz" zusammen, die der Text verströmt? Lag alles das am "Kalten Krieg"?

In den 'Pariser Manuskripten' geht Marx methodisch von der Arbeit zur Ware/Privateigentum vor, im 'Kapital umgekehrt.

Akkumulation, ursprüngliche (Teil 5)[4] / Ausbeutung ([5]Teil [6]2)[7] / Bonaparte (Teil 3)[8] / Bonapartismus (Teil 3)[9] / Charaktermaske (Teil 1)[10] / Diktatur des Proletariats (Teil 6) / Entfremdung (Teil 2)[11] / Expropriation der Expropriateure (Teil 5)[12] / Fetisch (Teil 1)[13] / Gewalt (Teil 5)[14] / Hegel (Teil 4)[15] / Holzdiebstahl (Teil 1)[16] / Ideologie (Teil 4)[17] / Judenfrage (Teil 4)[18] / Kolonialismus (Teil 8) / Kommunismus (Teil 6) / Lumpenproletariat (Teil 3)[19] / Obschtschina (Teil 8) / Pariser Kommune (Teil 6) / Pariser Manuskripte ([20]Teil [21]2)[22] / Philosophie (Teil 4)[23] / Stundenzetteltheorie (Teil 7) / Tanz (Teil 8) / Tisch (Teil 1)[24] / Utopischer Sozialismus (Teil 7) / Wert ([25]Teil [26]2)[27].


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[3] https://www.hdg.de/lemo/biografie/jean-paul-sartre
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