Kaputte, alte Konsumgesellschaft

Bild: K. Kollmann

In der Konsumgesellschaft ist trotz Postmaterialismus alles zur Ware geworden, natürlich auch der einzelne Mensch

Eine neue Verbrauchergeneration hat sich in den letzten Jahren entwickelt, die Postmaterialisten. Mitunter als Bobos bezeichnet, sind sie meist Bio-Freunde, insgesamt aber nicht freundlichere, das heißt behutsamere Konsumenten, sondern sie haben eben neue Vorlieben entwickelt und vermarktungsfähige Trends angestoßen (Schöne neue Konsumkultur). Im erwähnten Beitrag war der Blick in erster Linie auf die Menschen als Verbraucher gerichtet, jener auf die Gesellschaft wäre noch beizufügen.

Der kürzlich verstorbene polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman wurde anlässlich seines Todes zwar ausgiebig medial gewürdigt, jedoch fielen dabei seine Analysen zur Konsumgesellschaft vollständig unter den Tisch. Das nachzuholen, trifft sich mit dem erwähnten Beifügungsgebot.

In der Konsumgesellschaft ist alles zur Ware geworden, natürlich auch der einzelne Mensch. Dies ist nicht nur eine Beschreibung der Wirklichkeit, sondern versteht sich ebenso als an den Einzelnen gerichtete Aufforderung. Sowohl beim Konsum wie bei der Erwerbsarbeit geht es darum, die Marktfähigkeit der einzelnen Person sicherzustellen - und das ist die Aufgabe der betroffenen Person selbst, sie muss dabei mitmachen. Man ist Arbeitskraftware und Manager seines eigenen Produkts geworden, wer aus diesem Grundraster herausfällt, wer hier nicht mithalten kann, wird sehr schnell zum "Abfall" degradiert, wie Bauman nüchtern feststellte: "Die Armen der Konsumgesellschaft sind völlig nutzlos."1

Diese unbrauchbaren "Underclass"-Menschen, die sich nicht als gute, normale Verbraucher und Berufstätige benehmen und dem konsumkulturellen (= neoliberalen) Verständnis nach selbst daran schuld sind, da sie das jederzeit ändern könnten, sofern sie nur wollten, werden damit zum achselzuckend hingenommenen Kollateralschaden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts. Die heutigen Postmaterialisten (vor allem Linke und Grüne) die meist nicht aus der früher so genannten Arbeiterklasse stammen, verachten diese Unterschicht, die Prolls, die Billigkonsumenten, die Armen, die "Deplorables" (Hillary Clinton), besonders naserümpfend und nachhaltig, sie gehören nicht zu den Inkludierten.

Konsumieren in modernen Zeiten ist kontinuierliche Auswahl, so Bauman, "eine Verurteilung zu lebenslanger, harter Arbeit", aus der sich dann mühsam so etwas wie persönliche Identität oder das, was man halt dafür hält, herausschält. Der "homo eligens" (der auswählende Mensch) wählt jedoch gar nicht autochthon und souverän, sondern er darf zum einen nur aus einer vorgegebenen Palette des von den Unternehmen gemachten Angebots aussuchen - gestalten darf er es nicht - und zum anderen sind seine Vorlieben dabei längst fremdbestimmt, durch Marketing und Werbung, ihm selbst jedoch meist unkenntlich, präformiert. Er wählt das, was ihm die allgegenwärtige Werbeindustrie einredet und glaubt dabei, er allein wäre es, der wählt. Das ist Marktwirtschaft.

Dieses Wählen-Können, vielmehr: andauernd Wählen-Müssen, in einer Welt, die kontinuierlich Neues oder neu Scheinendes, produziert, schafft nun flüchtige, flüssige Verhältnisse, wo es ehedem noch stabil, fest und wohlgeordnet zuging. Ein durchgehender Wahlzwang herrscht - nicht nur beim Konsum, sondern bis in die beruflichen und privaten Verhältnisse hinein.

Auch der Beziehungspartner ist zu so einer Ware geworden, die wenn sie nicht mehr passt, wenn sich einmal Besseres bietet, ohne Scham und Schuldgefühle entsorgt werden kann. Ebenso wie das veraltete Mobiltelefon zu Abfall geworden ist, wenn neue Geräte in die Geschäfte kommen oder eben ein Arbeitsplatzwechsel vorgenommen wird, wenn sich dieser in mehr Geld, Macht oder Anerkennung niederschlagen kann. Ohne schlechtes Gewissen, denn man weiß ja, dass Arbeitgeber mit einem selbst, mit der Arbeitsware, genauso vorgehen und einen dann freistellen, wie das heute euphemistisch heißt, wenn jemand Besserer auftaucht.

Solange die Moderne primär eine industriekapitalistische Produktionsgesellschaft war, hatte sie noch überschaubare, langfristig orientierte, stabile Strukturen und genügend innergesellschaftliche Solidarität, um einen Sozialstaat und die Möglichkeit dauerhafter Lebensverhältnisse herauszubilden. Aber mit der Dominanz des Konsumismus und dem Wandel zur Konsumgesellschaft zerfiel die Stabilität, die Moderne wurde schließlich flüssig, flüchtig2, wie es Bauman nannte.

Diese Bezeichnung ist wohl etwas schön gefärbt, passender wäre vielmehr: die Gesellschaft ist zu Treibsand oder Schlamm geworden. Das heißt - wir befinden uns jetzt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg - es kommen nun sich kontinuierlich wandelnde und instabile, bedrohte Verhältnisse, die nichts Gutes verheißen. Aus Arbeitern und Bürgern werden damit eben nicht politische Subjekte, die ihre Demokratien bzw. Kommunen, Länder und Nationalstaaten selbst gestalten, sondern bloß zwangsindividualisierte und damit eigenverantwortlich gemachte Konsumenten, die sich ihre Lebensumstände privat zusammenbasteln müssen. Das wirkt umso nachhaltiger, als kaum jemand vorgefertigte und einem drübergeschobene Lebensumstände à la DDR haben will. Menschen möchten sich schließlich in irgendeiner Weise frei und gewissermaßen selbstbestimmt fühlen dürfen.

Der Umbruch vom (monarchistischen, christlich-sozialen, sozialdemokratischen, faschistischen, stalinistischen) Paternalismus zum (neoliberalen, EU-bürokratischen und versteckt-sanft paternalistischen) Konsumindividualismus mag bedauerlich sein, insbesondere da damit Eigenschaften wie Empathie, Solidarität und Gemeinschaftlichkeit den Bach hinuntergehen - aber Individualität und Solidarität gibt es jedenfalls nicht im Kombipack. Das schafft Probleme, insbesondere eine herbe, harte und gelegentlich schizoide Wirklichkeit - wer da nicht mithalten oder abschalten kann, bekommt über kurz oder lang Probleme, zumindest Depressionen.

Nun, sieht man von der "Underclass" ab, so müsste heute eine große Mehrheit in unseren Gesellschaften zufrieden sein. Einerseits sind die Glücksverspechen der Konsumsphäre nahezu unendlich, andererseits ist das alte große Tabu Sexualität völlig entsublimiert: aus früheren Zwängen und Verfeinerungen befreit. Heute kann jeder in ungezählten Varianten sein sexuelles Glück finden und gegebenenfalls dazu das geborene Geschlecht wechseln, sich chirurgisch aufschönen und verjugendlichen, nahezu alles ist möglich. Dumm ist nur, dass jenes Konsumglück von meist rigide begrenzten Löhnen abgeschnürt wird und offenbar die nunmehr gesellschaftlich gestattete sexuelle Freizügigkeit für viele auch nicht das Gelbe vom Ei ist.

Stattdessen (wir verlassen jetzt langsam Zygmunt Baumans Universum) haben neue milieutypische Gruppennormen den zwanglos gedachten Individualismus kaserniert und dazu wurden eigentümliche moralische Vorstellungen in manchen dieser Milieus entwickelt. Gruppenzwang, hübscher ausgedrückt: Groupthink dominiert dann. Bei den Postmaterialisten (also links rosa und grün) sind dies vorallem sprachliche Gendervorschriften, eine Welcome-Romantik, etwas Nationalhass (aktiv gegen Monokulturalität sowie alte, fade Geschichte) und dann vor allem die Kultivierung subjektiver Empfindsamkeit.

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