Karl Marx zum Zweihundertsten

Marx, der Prophet? Grafik von Carlos Latuff. Bild: Public Domain

Kleines Marx-Lexikon - Folge 1

Der zweihundertste Geburtstag des revolutionären Denkers ist es wert, noch einmal in seinen Texten zu schürfen. Eine Ausbeute in acht Folgen.

Marx wird gern wie ein Kirchenvater gesehen. "Im soundsovielten Kapitel steht geschrieben...", heißt es dann. Nahe dabei liegt seine Rolle als Salvator. In ihn werden unbestimmte Hoffnungen gesetzt, die wachsenden Miseren der Welt, sei es die fortschreitende Verschulung des Studiums, sei es die "Heuschrecken-Plage" der Globalisierung erklären und lösen zu können. Hält Marx, was wir uns von ihm versprechen? Da hilft nur genaue Lektüre. Marx hat es genau so gehalten. Wenn wieder einmal etwas mit der Revolution nicht klappte, hat er sich in der British Library auf den Hosenboden gesetzt und studiert, bis es schmerzte.

Da die Stichwörter untereinander zusammenhängen, wurde auf alphabetische Reihenfolge verzichtet. Diese sei vorangestellt. In Klammern der Verweis auf die jeweilige Folge, in der sie erscheinen:

Akkumulation, ursprüngliche (Teil 5) / Ausbeutung (Teil 2) / Bonaparte (Teil 3) / Bonapartismus (Teil 3) / Charaktermaske (Teil 1) / Diktatur des Proletariats (Teil 6) / Entfremdung (Teil 2) / Expropriation der Expropriateure (Teil 5) / Fetisch (Teil 1) / Gewalt (Teil 5) / Hegel (Teil 4) / Holzdiebstahl (Teil 1) / Ideologie (Teil 4) / Judenfrage (Teil 4) / Kolonialismus (Teil 8) / Kommunismus (Teil 6) / Lumpenproletariat (Teil 3) / Obschtschina (Teil 8) / Pariser Kommune (Teil 6) / Pariser Manuskripte (Teil 2) / Philosophie (Teil 4) / Stundenzetteltheorie (Teil 7) / Tanz (Teil 8) / Tisch (Teil 1) / Utopischer Sozialismus (Teil 7) / Wert (Teil 2).

Los geht es mit viel Holz. Die Stichpunkte der ersten Folge haben zufälligerweise mit diesem Stoff zu tun, vom toten Holz bis zu sehr lebendigem Holz.

Holzdiebstahl

"Die hölzernen Götzen siegen und die Menschenopfer fallen", schreibt Marx 1842 in der Rheinischen Zeitung. Aus diesem Bild hat er im ersten Band des "Kapital" (1867) seine berühmteste Figur, den Fetisch, entwickelt. In diesem frühen Text geht es der junge Marx ganz nüchtern an mit der Beschreibung eines sozialen und ökonomischen Konflikts. Im rheinischen Landtag wurde ein Gesetz durchgeboxt, welches das Aufsammeln von Raffholz verbietet. Der junge Karl Marx wirft sich mit seinem frisch erworbenen juristischen Wissen für die Opfer in die Bresche, denen ein jahrhundertealtes Gewohnheitsrecht entzogen werden soll.

Marx: Beim Raffholz wird nichts vom Eigentum getrennt. Der Baum besitzt jene Reiser nicht mehr. Das Raffholz steht so wenig in einem organischen Zusammenhang mit dem lebendigen Baum wie die abgestreifte Haut mit der Schlange. Die Natur stellt mit den dürren geknickten Reisern selbst den Gegensatz von Armut und Reichtum dar. Die menschliche Armut leitet aus diesem Verwandtschaftsgefühl zu den abgestorbenen Ästen ihr Eigentumsrecht ab. Das Dasein der armen Klasse selbst ist bisher eine bloße nebensächliche Gewohnheit der bürgerlichen Gesellschaft. Das Subproletariat, das Marx hier im Unterschied zum Lumpenproletariat der französischen Restaurationszeit vehement verteidigt, hat in der Staatsgliederung noch keine angemessene Stelle gefunden.

Die Fraktion der Waldeigentümer setzt das Sammeln von Raffholz mit dem Diebstahl ganzer oder geschlagener Bäume gleich. Marx dreht die Argumentation um: Im Eigentumsbegriff als solchem verbirgt sich eine Aneignung und damit Gewalt, sowohl logisch als auch historisch. Paradigmatisch lässt sich das an der Geschichte des Waldes ablesen. Gemeinschaftliche Formen der Nutzung und Bewirtschaftung wurden immer exklusiver gehandhabt, bis sie verschwanden. Waldweide wurde durch den Wirtschaftswald verdrängt. Mit dem Verbot des Holzsammelns ist der Wald endgültig kapitalisiert.1

Aus einem Gewohnheitsrecht der Armen wird ein Monopol der Reichen. Das Privatisierungsinteresse der Reichen macht den Staat und das Gesetz zu einem Mittel des Privatinteresses. Die rheinischen Waldeigentümer beanspruchten eine eigene Gerichtsbarkeit über die Holzdiebe und gleichsam eine eigene Exekutive in Person von Forsthütern. "Diese Logik, die den Bedienten des Waldeigentümers in eine Staatsautorität (verwandelt), verwandelt die Staatsautorität in Bediente des Waldeigentümers." (MEW 1/130)2

These:
Das Verbot des Sammelns von Raffholz macht aus einem Gewohnheitsrecht der Armen ein Monopol der Reichen. Zugleich eignen sie sich das Gewaltmonopol an.

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