Karl lebt - als Zombie

Die Dekonstruktion versucht sich am Erbe des Marxismus

Das Triumphgeschrei all derer, die im Untergang des Sowjetimperiums den endgültigen Sieg des Marktes, des Kapitalismus und der Demokratie gefeiert haben, ist merklich abgeebbt. Und auch vom postideologischen Zeitalter oder gar vom Ende der Geschichte ist kaum noch die Rede. Zu groß sind die Schwierigkeiten und Konfliktherde, denen sich die vernetzte Weltgesellschaft und ihre Knoten, Staaten und Organisationen, ausgesetzt sehen: Migration und Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und soziale Armut, Drogenmafia und Proliferation, Entwaffnungskriege und Rassenhass. Mit dem Tod des einstigen Gegners, von Marxismus und Kommunismus, sind diese Probleme nicht verschwunden, sondern eher schärfer ins Bewusstsein getreten, da sie jetzt mit Bordmitteln entschärft und gelöst werden müssen.

Die Geister, die ich rief, wird' ich nun nicht los.

J. W. v. Goethe, Der Zauberlehrling

Der Versuch der "heiligen Allianz", durch Drohung und Erpressung, durch Wirtschaftssanktionen und militärische Interventionen Schurken, Widerspenstige und Unwillige gefügig zu machen, um auf diese Weise die Welt in ein "New Jerusalem" zu verwandeln, sind bislang nicht von großem Erfolg gekrönt. Im Gegenteil, Terrorangst und Essentialismus, anti-westliches Gedankengut und Selbstmordbombertum wachsen.

Mittlerweile haben sie die liberalen Demokratien in einen permanenten Alarm- und Ausnahmezustand versetzt. Der Feind hat sich universalisiert. Er sitzt überall, nicht mehr nur hinter dem "anti-imperialistischen Schutzwall" oder im islamistischen Viereck. Jederzeit kann er zuschlagen, in Warschau und Moskau genauso wie in London oder Denver.

Marx und Söhne

Einer der wenigen, die sich vom neo-evangelistischen Gedöns weder haben anstecken noch beeindrucken lassen, war der Philosoph Derrida. Vor gut zehn Jahren hatte der Maitre die Leser aufgefordert, den "kritischen Geist" von Karl Marx zu bewahren und den Auftrag, den er der Nachwelt überliefert hat, nämlich die Welt gerechter und für Menschen lebenswerter zu machen, nicht zu vergessen.

In zwei Vorträgen, die der Meisterdenker in Kalifornien im Frühjahr 1993 anlässlich der Tagung: "Wohin mit dem Marxismus?"1 hielt, hatte er diverse "Spukgestalten" im Gesamtwerk von Marx (die Religion, den Staat, den Warenfetisch...) ausfindig gemacht, zehn "Wunden der neuen Weltordnung" aufgezählt und zur Bildung einer "Neuen Internationalen" aufgerufen, die nicht mehr von Partei, Staat oder Ideologie zusammengehalten wird, sondern sich vom Disparaten und der Situation leiten lässt.

Kein Wunder, dass sich der Philosoph mit diesem politischen Manifest nicht nur Freunde unter eingefleischten Marxisten gemacht hat. Zu viele "heilige Kühe" des Marxismus werden dort von der Dekonstruktion geschlachtet: Ideologie und Überbaulehre, Klassenbegriff und Klassenkampf, das Subjekt der Geschichte und der Materialismus.

Vor fünf Jahren haben darum prominente Marxisten, darunter so illustre Denker wie Frederic Jameson, Toni Negri und Terry Eagelton, auf Derridas Provokation, die Dekonstruktion zur legitimen Erbin des Marxismus zu machen, reagiert und diverse Einwände gegen das Take-over in dem Essayband Ghostly Demarcations niedergelegt. Auf deren kritische Rückmeldungen und Zurückweisungen antwortete, vor allem um Missverständnisse auszuräumen, wiederum der Meister, wortreich wie immer, den Gegenstand mit viel rhetorischem Aufwand um- und einkreisend. Diese Entgegnung, die den Status der Philosophie und den Stand der Revolution, die Ästhetisierung und der Re-Politisierung der Marxauslegung behandelt, wurde dem Buch anschließend bei- und vorangestellt.

Kurz vor Weihnachten ist Derridas Antwort im Suhrkamp Verlag mit dem Titel Marx & Sons in deutscher Übersetzung erschienen. Gut an dem schmalen und preiswerten Bändchen ist, dass er die Argumentationen der Kritiker in Fußnoten nachzeichnet, sodass der deutsche Leser nicht unbedingt im Besitz des englischen Originals sein muss, um sich ein Bild von den Themen, Gegenständen und Fragen der Diskussion zu machen, die Derridas Überlegungen, Begründungen und Schlussfolgerungen leiten.

Den Spuk akzeptieren

Da ist zum einen sein Einwand gegen eine Wirklichkeitskonstruktion, die laufend Barrieren zwischen Wirklichkeit und Schein, Sein und Nicht-Sein, Anwesendem und Abwesendem errichtet und strikt zwischen Wesen und Erscheinung, Basis und Überbau, Zirkulations- und Produktionsebene unterscheidet. Während Marx eine Revolution fordert, die diese Mauer niederreißt und die Wirklichkeit als solche wiederherstellt, will Derrida den Blick für Grenzen und ihre Effekte schärfen. Anders als der Patron jener folgenschwersten Ideologie, die die Welt jemals gesehen hat, ergreift der Dekonstruktivist weder für die eine noch die andere Seite Partei. Stattdessen verlangt der Meisterdenker, sich mit dem Spuk als solchem, dem Fantasmatischen der Ware und aller ihrer Derivate, anzufreunden und vom "Ontologen" zum "Hantologen" (Spukforscher) zu mutieren.

Über Bord geht damit selbstverständlich auch das materialistische Denken, in deren Tradition und Spuren der Marxismus sich bekanntlich bewegt. Zwar jagte auch Marx zeit seines Lebens diversen Phantomgestalten des Kapitalismus nach: dem Spuk, den die Ware in ihrer Janusköpfigkeit entfacht; den "theologischen Mucken", die sich im Warenkörper materialisieren; dem Warenwert, der in der Zirkulation verschwindet, um später, im kapitalistischen Warenverkehr, als Mehrwert unversehens wiederaufzutauchen; dem Gespenst des Kommunismus, der den Kapitalismus heimsuchen sollte usw., sodass auch er mit guten Gründen als Hantologe bezeichnet werden kann.

Doch Marx suchte stets, diese Gespenster, die seiner Beobachtung nach unmittelbar aus dem kapitalistischen Warenverkehr entspringen, zu bändigen, sie als undurchschautes Sozialverhältnis zu entlarven, um sie sodann auf ihre ursprüngliche Herkunft, auf die Praxis bzw. die materielle Produktion zurückzuführen. Für Derrida hingegen haftet diesem Bedürfnis nach einer "erfüllten Gegenwart" selbst etwas Gespenstisches an. Es ruft in der Kritik gerade jene Geister an, die sie danach nicht mehr los wird: die Partei, die Ideologie, den Klassenkampf, die klassenlose Gesellschaft usw.

Derrida zufolge gibt es weder eine prägeisterhafte Wirklichkeit, von der aus die Geschichte neu erzählt werden könnte, noch gibt es eine postgespenstische Welt, zu der diese hinbewegt werden könnte. Für den in Psychoanalyse und kabbalistischer Mystik bewanderten Philosophen ist die Welt mit spukenden Gestalten durchdrungen, sodass der Gang von der Warenzirkulation zum eigentlichen Produktionsprozess durch das Spukhafte verstellt ist. Weshalb eine Rückkehr zum Denken in Gebrauchswerten nicht mehr in Frage kommt. Was zu tun bleibt, ist, dem Spukhaften als solchem nachzustellen, es zuzulassen oder durch Inszenierungen zu bannen.

Klassenmischmasch

Da ist zum anderen der Begriff der Klasse. Derrida bestreitet nicht, dass es gesellschaftliche Klassen gibt. Was ihm problematisch erscheint, ist vielmehr die grob vereinfachende Vorstellung, dass es diese einzige Klasse gibt, die "homogen, gegenwärtig und mit sich selbst identisch ist wie ein letzter Stützpunkt."

Der Spuk, den Geld, Ware und Kapital entfachen, hat inzwischen alle Bürger heimgesucht, die Besitzenden ebenso wie die Besitzlosen. Gibt es diese eine Klasse aber nicht mehr, in der sich alle Widersprüche der Warengesellschaft bündeln, dann implodiert damit auch der politische Code und Popanz des Klassenkampfes, den Marx und seine Gefolgsleute aufgebaut haben.

Es überrascht daher nicht, wenn man in neueren marxistischen Arbeiten vergeblich nach Merkmalen oder Kriterien gemeinsamer Klassenzugehörigkeit sucht, die den Bedingungen der vernetzten Weltgesellschaft Rechnung tragen. Und es überrascht auch nicht, dass die Organisationsfrage spätestens seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ungeklärt ist. Auch die Autoren von "Empire", Michael Hardt und Toni Negri, haben darauf keine befriedigende Antwort gefunden (Es rappelt im Emperium). Bei ihnen muss bekanntlich der schwammige Begriff der "Multitude" herhalten, um den Begriff der Klasse zu erhalten.

Gesten des Protests

Was aber bleibt vom Geist des Marxismus, wenn ihm all seine kritischen Instrumente: Klassenstandpunkt und Klassenkampf, Gebrauchswert, Ausbeutung und Mehrwert abhanden gekommen sind und bestenfalls dazu taugen, die gespenstische Logik, die die "ungeheure Warensammlung" des Kapitalismus in Gang setzt, zu perpetuieren? - Nicht viel, wenn wir Derrida folgen; nicht wenig, wenn wir auf ihn hören.

Nach Derrida ist es zunächst das politische Engagement, das gegen alle möglichen Ungleichheiten in der Welt, soziale, kulturelle, wirtschaftliche, technisch-wissenschaftliche, militärische aufbegehrt, in Angola, in Algerien oder in den Banlieues der großen Kapitale.

Noch nie in der Geschichte der Erde und der Menschheit haben Gewalt, Ungleichheit, Ausschluss, Hunger und damit wirtschaftliche Unterdrückung so viele menschliche Wesen betroffen.

Jacques Derrida

Diese Aussage ist natürlich banal und mehr oder weniger nichtssagend. Diese Äußerung könnte sowohl der Attac-Funktionär unterschreiben wie der Indymedia-Aktivist oder der bayerische Ministerpräsident. Wie überhaupt man sagen muss, dass ihre Analysen genau dann diffus und konventionell bleiben, wenn die Dekonstruktion konkret werden und politisch Farbe bekennen muss, gleich, ob sie zum "Medial-Technischen" oder zum Raum-Politischen Stellung nimmt und Partei für die davon Ausgeschlossenen oder Gedemütigten ergreift. Meist kommt sie kaum über das Affekthafte hinaus oder liefert Meinungen ab, wie sie auch in Sabine Christiansens Talkrunden gang und gäbe sind.

Marxismus ohne Marx

Sodann bleibt vom Marxismus eine "Erwartung ohne Erwartungshorizont", die allem Berechenbaren und Programmierbaren widersteht, Verantwortung gegenüber dem anderen zeigt und sich für das Ankommen des Ereignisses allzeit bereithält. Ohne diese Offenheit gäbe es laut Derrida weder ein Ereignis, das den Namen Revolution verdient, noch eine Gerechtigkeit, die sich jenseits des üblichen Rechts vollzieht und vom Recht (des Stärkeren) unterscheidet. Hier klingen wieder die großen ethischen Themen und Motive an, die die Dekonstruktion seit ihrem "political turn" Mitte der 80er Jahre umkreist: die Haltung der "Gastfreundschaft", die dem Fremden und Heterogenen Zutritt gewährt; die Gabe, die gegeben wird, ohne mit einer Gegengabe zu rechnen.

Diese schwache messianische Kraft, die Derrida (in guter Benjaminischer Manier) dem Marxismus attestiert, muss allerdings ohne Messias auskommen. Gekoppelt an dieses Ur-Vertrauen, das zwar an keine politische oder allgemeine Geschichte geknüpft ist, aber doch einen Ur-Sprung mitführt, der nicht de-konstruiert werden darf, ist einzig der Appell an eine Zukunft, die (hoffentlich) eine andere Gerechtigkeit als die aktuelle, eine andere Demokratie als die gegenwärtige für die Menschen bereithält. Wer hier sofort an eine Utopie denkt, liegt falsch. Derrida will diese, seine "Erwartung" nicht mit dem Utopischen amalgamiert wissen.

Das Messianische [...] ist alles andere als utopisch: Es ist in allem der Bezug auf das Kommen des konkretesten und wirklichsten Ereignisses, d. h. auf die unauflöslich heterogenste Andersheit. Nichts ist 'realistischer' und 'unmittelbarer' als diese messianische Sorge. Die auf das Ereignis dessen gerichtet ist, der (das) kommt.

Ereignisse sind einzigartig

Diese "Sorge", die dem Ereignis als solchem anhaftet, spiegelt eine Verbindung von Angst und Verlangen, Furcht und Kraft, Versprechen und Bedrohung wider. Kommt es an, so muss das nicht unbedingt und bei allen Begeisterung auslösen. Auch der elfte September ist so ein Ereignis gewesen. Angekommen sind, aus heiterem Himmel, zwei Zivilflugzeuge, die in die Twin Towers gerast sind und Tausende von Menschen mit in den Tod gerissen haben.

Ob die darauf folgenden Kriege in Afghanistan und im Irak die Welt dem Kommen einer künftigen Demokratie näher gebracht haben, glauben höchstens Bush, Blair und Konsorten. Ob dieses Ereignis allerdings auch eins im derridistischen Sinn ist, ist zweifelhaft. In einer Diskussion mit Jean Baudrillard und Alain Gresh, die Derrida noch am Vorabend des Irakkrieges geführt hat, scheint er dessen Einzigartigkeit jedenfalls zu bestreiten. Folgt man dem Maitre, dann wäre das Attentat ab- und vorhersehbar gewesen. Die Irakfrage hätte sich über kurz oder lang auch ohne den elften September gestellt. Zu groß seien die Ölinteressen der Amerikaner, die sie von den Chinesen bedroht sähen.

Nach Baudrillards Überzeugung redet Derrida das Ereignis dadurch klein. Gewiss hätten sich die ökonomischen und geopolitischen Fragen auch ohne dieses Attentat gestellt. Andererseits habe es aber auch "etwas völlig Neues" geschaffen. Deutlich werde das auf der symbolischen Ebene. Ausgebeutete, geknechtete und gedemütigte Völker befanden sich bislang immer in der "Position des Empfangens". Mit dem Angriff hätten sich diese Machtverhältnisse zum ersten Mal umgekehrt. Die Weltmacht, die vorher nur zu nehmen gewohnt war, wurde in ihrem Zentrum attackiert, eine Herausforderung, auf die sie mit maßlosen Aktionen antworte, die ihren möglichen eigenen Untergang miteinkalkulieren. Symbolisch bedeute das eine Gabe, die keine soziale Beziehung mehr stifte und folglich ohne Gegengabe bleiben muss. Seitdem befinde die Welt sich in einer Gewaltsituation, die ohne Gleichgewicht ist. Bestreite man diese Singularität, indem man sie auf imperialistische oder sonstige Zwecke zurückführe, ginge genau diese herausfordernde Geste, die diese Gabe betont habe, verloren.

Bin Laden scheint mithin nicht nur der bessere Hantologe zu sein. Auch auf der Tastatur des Symbolischen spielt er offenbar geschickter als Derrida, der nur im jüdisch-abendländischen Weltbild agiert, diesem verhaftet bleibt und sich nur ihm verpflichtet fühlt.

Literatur

  1. Jacques Derrida, Marx' Gespenster: Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt: Fischer 1995, 284 Seiten, 10 Euro.
  2. Ghostly Demarcations. A Symposion on Jacques Derrida's Specters of Marx, hg. von Michael Sprinker, London: Verso 1999, 278 Seiten, 13,60 Euro.
  3. Jacques Derrida, Marx & Sons, Frankfurt: Suhrkamp 2003, 140 Seiten, 9 Euro.
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