Karoshi: Tod durch Überarbeitung

Alte Stempeluhr, Textilmuseum Bocholt. Bild: Ziko-C/CC-BY-3.0

In fast einem Viertel der japanischen Firmen leisten Angestellte mitunter mehr als 80 Überstunden monatlich, in Deutschland geht es nach dem Arbeitsreport 2016 trotz Flexibilisierung gemächlicher zu

In Japan arbeiten die Menschen noch immer zu lange, so scheint es. Eingeführt wurde bereits vor Jahrzehnten ein Begriff für den Tod durch Überarbeitung: Karoshi. Zunächst waren eher Manager davon betroffen, was bei uns der bekannte Herzinfarkt der gestressten Manager war. Ende der 1980er Jahre führte das japanische Arbeitsministerium Karoshi-Statistiken durch. Natürlich waren es nicht nur die Manager, sondern auch normale Angestellte, die entweder zu viel arbeiteten- in der Regel durch unbezahlte Überstunden - oder anderweitig unter Druck gesetzt wurden. Neben dem Stresstod wuchs auch die Zahl der Selbstmorde.

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Gerade wurde festgestellt, dass auch der Tod einer 24-jährigen Japanerin, die erst seit April 2015 nach Abschluss ihres Studiums beim Werbekonzern Dentsu angestellt war und im Dezember 2015 Selbstmord begangen hatte, als Karoshi eingestuft werden muss. Sie soll im Oktober 130 und im November 99 Überstunden abgeleistet haben. Zuständig war sie für Online-Werbung.

Im Jahr 2000 verurteilte ein Gericht erstmals einen Arbeitgeber, der einen Angestellten zu lange arbeiten ließ und für dessen Tod verantwortlich gemacht wurde.

Das Arbeitsministerium hat 2015 96 Selbstmorde und Selbstmordversuche auf Überarbeitung zurückgeführt, was verbunden ist mit Schadensersatzleistungen, die die Unternehmen zahlen müssen. Zudem wurden 96 Todesfälle durch Herzinfarkte oder Schlaganfälle als arbeitsbedingt bezeichnet, auch hier müssen Schadensersatzzahlungen geleistet werden. Kritiker merken an, dass die Zahl der Karoshi-Opfer in Wirklichkeit viel höher sei. Das Arbeitsministerium wende zu enge Kriterien an.

Passend hat das Arbeitsministerium am vergangenen Freitag auch das erste Whitepaper über Karoshi veröffentlicht, das nach einem neuen Gesetz nun jährlich erstellt werden muss. Befragt wurden 10.000 Firmen und 20.000 Angestellte. Letztere scheinen geantwortet zu haben, allerdings nur etwas mehr als 1.700 Firmen. Klar aber wurde durch die Befragung, dass fast ein Viertel der Firmen einräumte, dass Angestellte mehr als 80 Überstunden pro Monat ableisten. In 10,8 Prozent der Fälle waren es zwischen 80 und 100 Überstunden, bei fast 12 Prozent mehr als 100 Stunden.

Am stärksten mit Überstunden belastet sind danach Angestellte in der IT-Branche. Hier sagen mehr als 44 Prozent der Unternehmen, ihre Angestellten würden mehr als 80 Überstunden im Monat leisten. Auch Akademiker, Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten offenbar ähnlich lange. Danach kommen Angestellte in der Transportbranche und postalischen Diensten.

Die Regierung strebt an, den Anteil der Angestellten, die mehr als 60 Wochenstunden arbeiten, auf 5 Prozent aller Angestellten zu senken. Bis 2020 sollen auch alle Angestellten ihren bezahlten Urlaub auch wirklich nehmen. Was machen die Menschen dann mit der vielen Freizeit?

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