Karriere: Wie Erfolgstüchtigkeit über Qualität triumphiert

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Über den Aufstieg – und wer aus welchen Gründen eine Spitzenposition erreicht

Eindruck schinden und durch geschickte Pflege von "Kontakten" sowie durch Dienstbeflissenheit und Folgebereitschaft gegenüber "wichtigen Personen" den eigenen Erfolg zu befördern – diese Praxis ist weit verbreitet. Gerade bei Politikern drängt sich häufig die Frage auf: Wie ist sie oder er bloß zu einer so hohen Position in der Hierarchie aufgestiegen?

Der Aufstieg von Karl-Theodor von und zu Guttenberg, erst CSU-Generalsekretär und dann von 2009 bis 2011 Bundesminister, bildet ein filmreifes Beispiel dafür, wie weit jemand mit Schaumschlägerei bzw. blendendem Auftreten kommt.

In politischen Verwaltungen zeigt sich Erfolgstüchtigkeit bei Leitungspersonen darin, Vermerke so zu schreiben, "wie man glaubt, dass die Spitze sie lesen will und nicht so, wie man es selbst für richtig halten würde". Das sagt eine vom Tagesspiegel zitierte Mitarbeiterin der Berliner Bildungsbehörde. "So hoffe man, aufzusteigen. Sie habe beobachtet, dass Scheeres‘ (die frühere Bildungssenatorin – Verf.) Stab "immer größer wurde und sich immer mehr abschottet". Menschen mit "Null Ahnung" bekämen Verbindungsstellen:

"Die Blase wird immer größer und alle sind per Du." […] Es entstünden durch die sozialen Kontakte bestimmte Netzwerke, "in denen man sich gewissermaßen erkennt, ohne nach dem Parteibuch fragen zu müssen"

Susanne Vieth-Entus, Hehre Ziele, viele Reformen, schwache Leistungen, Tagesspiegel 25.1.2021

Protektionswirtschaft

Für die Erfolgtüchtigen gilt: Ihre Stärken liegen im Impressionsmanagement oder im Sich-Anbiedern, in der Pflege der Kontakte, im Taktieren und Klüngeln oder Networking. Erfolgstüchtige verstehen sich darauf, dem Erfolg mit jenseits der Leistung liegenden Tricks nachzuhelfen. Es kommt darauf an, für den Erfolg maßgebliche Personen zu beeinflussen. Relevant wird hier, wie Beziehungen und Kontakte hergestellt und verwertet werden können.

Der Erfolg zum Beispiel eines Künstlers oder Kunstwerks hängt von auswählenden Instanzen oder Torwächtern ab: Galeristen, Theaterdirektoren, Verlegern, Kritikern – und von einem guten Geschick, diese Personen zu beeinflussen. Oder von Neigung und Vermögen, die eigenen "Werke" so zu verfassen, dass sie im Milieu der Multiplikatoren und der Feuilletonisten Resonanz erzeugen und Anerkennung finden.

Nehmen wir ein nicht mehr ganz aktuelles, aber dafür umso prägnanteres Beispiel – das Buch "Brandeis" (1978) von Urs Jaeggi :

Wieso aber applaudiert der Literaturbetrieb einem Buch, dem es an literarischer Qualität so sehr mangelt, dass selbst Jaeggis Bewunderer ihre Lobeshymnen mit dem verlegenen Eingeständnis beschließen, Sprache und Stil des Autors ließen doch sehr zu wünschen übrig?

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Literaturkritiker sich als engagierte Intellektuelle begreifen, die jede Gelegenheit zur Bekundung ihrer kritischen Zeitgenossenschaft begierig am Schopfe packen. Und Jaeggis Roman ist da ein wahrhaft paradiesisches Angebot. Auf seinem ideologischen Grabbeltisch findet der kritische Zeitgenosse alles, was man so braucht, um als kritischer Zeitgenosse durchzugehen. […] Umweltzerstörung ? Beziehungsfrust? APO-Vergangenheit?

Der engagierte Literaturkritiker muss gar nicht mehr hinhören, denn dieser Autor nimmt ihm ja beständig das Wort aus dem Mund. Und eben dies gilt ihm als hohe Roman-Kunst, dass es aus einem Buch herausschallt, wie er in sein Feuilleton hineingerufen hat.

Schultz-Gerstein 1987, 32f.

Dem Erfolg ist häufig nicht anzumerken, inwiefern er durch Leistung oder Erfolgstüchtigkeit erzielt worden ist. Die Realität enthält immer Mischformen. Zur Mystifikation des Erfolgs trägt auch die leichtgläubige Vorstellung bei, es sei das Gute, das sich durchsetze.

Viele nehmen implizit an, künstlerische Werke bekämen "kraft des ihnen innewohnenden Wertes den ihnen gebührenden Platz in der öffentlichen Meinung" (Schücking zit. n. Ichheiser 1930, 18f.). Eine nachträgliche Rationalisierung ist weit verbreitet: Was erfolgreich ist, was sich durchgesetzt hat in der Konkurrenz, an dem muss doch wohl etwas "dran" sein.

Wie werde ich "sichtbar"?

Jutta Allmendinger (2021, 39), die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, bringt gut auf den Punkt, worum es schon bei akademischen Nachwuchskräften vor ihrer Dissertation geht:

"In Harvard wurde ich sofort Teaching und Research Asistant, war sichtbar und erhielt ein sehr kompetitives Stipendium."

Die Probleme, vor denen Personen stehen, die vor allem ihre Erfolgstüchtigkeit trainieren, sind mannigfaltig: Wie schaffe ich es, mich der rechten Gunst der jeweiligen Schlüsselperson wert zu erweisen? Wie mache ich mich für sie unentbehrlich? Wie gewinne ich jemand für mich, ohne dass mein Vorgehen durchschaubar wirkt? Wie mache ich der Person, die ich für mich einnehmen möchte, Komplimente, ohne dass es zu "bemüht", "plump" oder "aufdringlich" aussieht?

Wie nutze ich die Tatsache aus, dass andere solche Menschen mögen, die ihnen Wertschätzung entgegenbringen und die ihre Überzeugungen teilen? Wie kann ich einen Akzent einbringen, mit dem ich ein wenig Divergenz signalisiere, um mit meiner Demonstration von Übereinstimmung nicht als plumper Jasager zu gelten? Wie schaffe ich einen Glaubwürdigkeitsbonus für mich? Wie komme ich in karriereförderliche Seilschaften hinein?

Erfolgstüchtige entwickeln einen sportlichen Eifer, auf dieser Klaviatur gut spielen und sich auf glattem Eis sicher bewegen zu können. Ihre Leistungen betreffen weniger die Sache oder den Inhalt, auf den sie sich vorgeblich beziehen, als das Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen sowie die Konversationskünste in Sachen Eindrucksmanipulation.

Hier erweisen sich Personen als kundig und erfahren, die ihre Erfolgstüchtigkeit einseitig zulasten anderer Fähigkeiten optimiert haben. Das erfolgstüchtige Individuum "kennt die kleinen Schliche, ist in allen Mittelchen erfahren, mit allen Salben geschmiert. Ein Meister des Durchschlängelns, ein Experte der Umwege, ein Vertrauter im Labyrinth der Untergründe.

Es versteht nicht die großen Zusammenhänge des Geschehens, das über ihn hinwegbraust. Aber es versteht sich auf kleinliche Manipulationen. Er ist zielunklar und zukunftsblind, aber ein ausgekochter Junge. Behend in allen Tricks der Hand, von der er in den Mund lebt, ist er ungelenk und steuerlos", wo es um größere Angelegenheiten geht als seinen individuellen Erfolg (Steuermann 1932, 147f.).

Die Kosten der Erfolgstüchtigkeit

Der Schaumschläger, der Schmeichler und derjenige, der sich auf Impressionmanagement versteht, der Günstling von "wichtigen" Leuten sowie der Fachmann für Reklame in eigener Sache – jeder von ihnen hat viel Zeit, Mühe und Energie in seine Erfolgstüchtigkeit investieren müssen. Bei endlichen Kräften geht dieser große Aufwand häufig auf Kosten der eigenen Leistung und des eigenen sachlichen Beitrags.

Was für den einzelnen Konkurrenten karriere-rational sein mag, stellt, vom Standpunkt der Entwicklung seiner Sinne und Fähigkeiten durch sinnvolles Tun gesehen, häufig verlorene Lebenszeit dar.

Wer sich hocharbeitet, muss mindestens ebenso viel Anstrengung in den beharrlichen Kampf um den Aufstieg investieren wie in die eigentliche Arbeit, die angeblich mit dem Aufstieg honoriert wird. Imagepflege heißt diese Extraarbeit, die in nichts investiert wird, die also nichts hervorbringt, was irgendjemandem dienlich oder zu irgendetwas zu gebrauchen ist.

Die Konkurrenz bringt mit sich, dass ein enormer Aufwand für nichts getrieben wird, und ein gigantischer Leerlauf permanent aufrechterhalten werden muss, nur damit die einen besser dastehen als die anderen; was eben gerade nicht heißt, dass sie auch tatsächlich besser oder gar gut sind.

Gronemeyer 2012, 42

Die Abneigung gegen die Vergeudung von Energie und Arbeit sowie die Sorge um die mit der Erfolgstüchtigkeit verbundene charakterliche Fehlentwicklung bestehen zu Recht. Nicht jeder mag in informellen Gesprächen mit für die Karriere relevanten Personen klüngeln. Vielen ist es zuwider, zu langweiligen Tagungen zu reisen, in den Rotarierclub einzutreten oder Golf spielen zu lernen, um Kontakt zu Leuten zu bekommen, die Kontakte zu den "wichtigen" Personen haben.

Nicht jeder möchte sich in häufig recht steifen gesellschaftlichen Einladungen mit überzeugt wirkendem Lachen über die Witze von höherrangigen Personen und mit einnehmendem small-talk dezent bemerkbar machen. Es gilt, sich durch beifällige Kommentare zu profilieren und eigene Pfiffigkeit zu demonstrieren, ohne sich allzu sehr in den Vordergrund zu spielen. Er muss den amtierenden Platzhirschen vorbehalten bleiben.

Margherita v. Brentano (1987, 23f.), ehemals Professorin für Philosophie an der FU Berlin, beschrieb die Sozialisation im "Mittelbau" der Universitäten:

"Dass auch andere Leute als diejenigen, die an einem Professor hängen, eine Chance bei Bewerbungen haben, dass es einigermaßen objektiv zugeht, das ist im Moment sehr, sehr schwierig. […] Erst muss man so sein, dass keiner etwas auszusetzen hat; und ob sie es dann schaffen, sich als Professor später freizuschwimmen, ist fraglich."