Kartoffelernte würde ohne Pflanzenschutzmittel weitgehend ausfallen

Kartoffelmehltau (Phytophthora infestans). Foto: United States Department of Agriculture.

Massive Ernteeinbußen durch schlechtes Wetter

Den Bauernverbänden nach sorgt der feuchte Sommer 2016 für massive Ernteausfälle: Kartoffeln, bei denen das schlechte Wetter den Pilzbefall fördert, können Michael Horper, dem Präsidenten des Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau, und Joachim Rukwied, dem Präsident des Deutschen Bauernverbands zufolge nur durch den vermehrten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wie Benalaxyl und Metalaxyl-M geerntet werden. Ruckwied meinte dazu am Freitag im Bayerischen Rundfunk wörtlich: "Wir sind froh, dass wir heute mit Pflanzenschutzmitteln, die Pilzinfektionen bekämpfen können. Hätten wir diese nicht gehabt, gäbe es in diesem Jahr keine Kartoffeln".

Das ist auch eine indirekte Mahnung, dass übertriebene Verbote von Pflanzenschutzmitteln und eine zu starke Konzentration auf "Bio-Produkte" die Ernährungssicherheit gefährden. "Nicht nur für den Obst- und Gemüsebau, sondern für den gesamten Ackerbau", so Rukwied, "benötigen die Landwirte eine ausreichende Palette an Wirkstoffen für Pflanzenschutzmittel, auch um der Entstehung von Resistenzen durch Wirkstoffwechsel vorzubeugen". Deshalb müssten Politik und Zulassungsbehörden mehr Wirkstoffe zulassen. Bei Metalaxyl-M, das die EU-Kommission nicht in die Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe aufnehmen wollte, geschah dies erst nachdem der der Europäische Gerichtshof diese Entscheidung auf die Klage eines Herstellers hin aufhob.

Welche Folgen Missernten ohne Pflanzenschutzmittel haben, konnte man Mitte des 19. Jahrhunderts sehen: Damals sorgte der Kartoffelmehltau (Phytophthora infestans) dafür, dass die Ernten in Europa in den Jahren 1845 und 1846 deutlich zurückgingen: In Preußen beispielsweise um 47, in Württemberg um 55, in Dänemark um 50, in Schweden um 20 bis 25, in Frankreich um 20, in den Niederlanden um 71, in Belgien um 87 und in Irland um 88 Prozent zurückging.

Dort, in Irland (und in den schottischen Highlands), hatte der Ernterückgang die verheerendsten Folgen, weil man auf etwa einem Drittel der bebaubaren Fläche Kartoffeln anbaute, während man in Württemberg nur 3 bis acht Prozent dafür nutzte. Deshalb verhungerten auf der Insel zwischen 1845 und 1852 mindestens eine Million Menschen. Weitere ein bis zwei Millionen entkamen dem Hungertod nur dadurch, dass sie auswanderten - vor allem in die USA. Am Ende der Hungersnot lebte in Irland ein Fünftel bis ein Viertel weniger Menschen als vorher.

Mahnmal an die Hungersnot in Dublin. Foto: Public Domain.

Bei Getreide hatte das schlechte Wetter zur Folge, dass die Ernte noch nicht vollständig eingebracht wurde, weil die Mähdrescher oft nur stundenweise ausfahren konnten. In Bayern steht beispielsweise noch etwa 15 Prozent des Weizens auf den Feldern. In der deshalb vorläufigen Erntebilanz schätzt der Deutsche Bauernverband, dass die Getreideernte in der Bundesrepublik mit insgesamt 43,5 Millionen Tonnen um etwa elf Prozent unter der von 2015 liegt. Auch hier sorgten Pilzerkrankungen wie Fusariose für Einbußen.

Vorteil der Globalisierung

Im Obst- und Gemüseanbau sorgte bereits der kalte Mai für Einbußen, weil die Blühphase der Obstbäume erst Wochen später als gewöhnlich einsetzte. Danach sorgten lokale Wetterextreme teilweise für Totalausfälle: In der Vorderpfalz vernichteten Überschwemmungen Salat und Blumenkohl und in der Steiermark zerstörten Hagelunwetter nicht nur Ernten, sondern auch Gewächshäuser, deren Scheiben die tennisballgroßen Körner ebenso durchschlugen wie die Schale von Kürbissen.

Dass sich Schlechtwettersommer wie 2016 - anders als in früheren Jahrhunderten - nicht auch negativ auf den Viehbestand auswirken, weil das Futter knapp wird, ist ein Vorteil der Globalisierung, die es erlaubt, dass Sojaschrot aus anderen Weltgegenden zugekauft werden kann, in denen das Wetter weniger schlecht war. (Peter Mühlbauer)