Katar-Krise: Saudi-Koalition droht weitere Sanktionen an

Großauftrag bei Airbus storniert

Nachdem die von Saudi-Arabien angeführte Anti-Katar-Koalition nach dem Ablauf eines am Dienstagabend abgelaufenen Ultimatums erst verlautbart hatte, es werde vorerst keine weiteren Sanktionen geben, teilten sie gestern Abend mit, sich nun doch auf solche geeinigt zu haben. Wie die neuen Sanktionen konkret aussehen werden, ist noch nicht bekannt. Den Angaben der Koalition nach sollen sie aber eher die katarische Staatsführung als die Bevölkerung treffen.

Zur Begründung führten Vertreter von Saudi-Arabien, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain an, die Weigerung Katars, die Forderungen zu erfüllen, sei ein Beleg dafür, dass das Land tatsächlich Verbindungen zu Terrorgruppen pflegt.

Übereinstimmenden Medienberichten nach verlangt die Koalition von Katar neben dem Ende des vom katarischen Emir finanzierten Senders al-Dschasira einem Stopp der Unterstützung aller terroristischen Organisationen, die Ausweisung aller Hamas-Mitglieder, das Einfrieren aller Hamas-Konten, ein Ende der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ägyptens, die Ausweisung aller Mitglieder der Moslembruderschaft, die Ausweisung aller "Anti-Golf-Kooperationsrats-Elemente", das Versprechen, keine Politik gegen die Interessen des Golf-Kooperationsrates zu machen und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Iran (vgl. Katar: Widersprüchliche Äußerungen aus der US-Administration).

Der in Katar ansässige Sender al-Dschasira ("Die Halbinsel") startete vor gut 20 Jahren mit vielen Vorschusslorbeeren, büßte seinen Ruf als vermeintlich unabhängiges Medium aber inzwischen ein. Der Mainzer Geographieprofessor Günter Meyer befand bereits vor fünf Jahren:

So eine Form von Desinformation habe ich noch nie erlebt. […] Al-Dschasira hatte am Anfang noch eine hohe Akzeptanz als Nachrichtensender. Aber dann tauchten Mitschnitte auf, in denen zwei Journalisten des Senders bei der Interviewvorbereitung einem als Verletzte kostümierten Mädchen erklären, was es bei der Aufzeichnung sagen soll, und einen Arzt dazu bringen, eine falsche Diagnose für das gesunde Kind abzugeben. Da wird systematische Fälschung betrieben. Al-Dschasira hat dadurch in der arabischen Welt als seriöse Quelle weitgehend den Rückhalt verloren.

Eine sehr lesenswerte Schilderung, welche Rolle Al-Dschasira-Mitarbeiter wie Abdelazizz Ahmed im Syrienkrieg einnehmen, findet sich aktuell im Blauen Boten. Dort hat Jens Bernet ausführlich dargelegt, dass der angeblich verifizierte Twitter-Account der siebenjährigen Bana Abed aus Aleppo als ersten Follower nicht etwa ihre Mutter, ihren Vater oder eine Schulfreundin, sondern den oben genannten Journalisten hatte, der seinen eigenen Account erst kurz vorher eröffnete.

Die Staatsführung von Katar wies gestern den Vorwurf der Terrorfinanzierung erneut als "Vorwand" zurück, der Saudi-Arabien und seinen Verbündeten "international Sympathie für ihre Maßnahmen sichern" solle. Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman al-Thani meinte aber auch, sein Land sei trotz der Sanktionen, die seiner Ansicht nach "Verstöße gegen das Völkerrecht" sind, "weiter zum Dialog bereit", werde jedoch niemals die "Souveränität" des Landes aufgeben.

Währenddessen stornierte die Fluggesellschaft Qatar Airways eine 1,2 Milliarden Euro schwere Bestellung von vier A350 Großraumjets der deutsch-französischen Firma Airbus. Als offiziellen Grund dafür nannte der Qatar-Airways-CEO Akbar al-Baker Bloomberg, dass Airbus die Maschinen nicht rechtzeitig geliefert habe. Seit Inkrafttreten der Sanktionen dürfen Flugzeuge von Qatar Airways die Territorien der Nachbarländer Saudi-Arabien, Bahrain und Vereinigte Arabische Emirate nicht mehr überfliegen und müssen deshalb Umwege in Kauf nehmen.

Der deutsche Außenminister und ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel warf der Anti-Katar-Koalition gestern "offene Aggression" vor und kündigte an, auf dem G20-Gipfel in Hamburg mit US-Außenminister Rex Tillerson über die Sanktionen zu sprechen.

Dass Airbus für die vier stornierten Maschinen mit jeweils 283 Sitzplätzen schnell andere Abnehmer findet, ist insofern unwahrscheinlich, als die Flugbuchungen derzeit rückläufig sind. Einige Beobachter machen dafür das Laptop-Verbot der US-Regierung verantwortlich, andere die schlechte Behandlung von Fluggästen durch die Unternehmen (vgl. Geschäftsmodell Überfüllung und Nach United-Skandal: US-Politik beschäftigt sich mit Überfüllung als Geschäftsmodell).

Hintergrundinformationen zur Rolle von Katar und Saudi-Arabien bei den Konflikten im Nahen Osten finden Sie im neuen Telepolis-eBook von Ramon Schack: Zeitalter des Zerfalls - Gespräche zu Entwicklungen unserer Epoche.

(Peter Mühlbauer)

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