Kategorische Ablehnung Israels und Realpolitik

Die Hisbollah zwischen Jihad und Mandat. Teil IV: Das Verhältnis zu Israel und die Bedeutung des Widerstands für die Partei und die Araber

Den Libanesen gilt sie als Widerstandspartei und auch westliche Experten bestätigen, dass sich die Hisbollah weit von den terroristischen Anschlägen ihrer Anfangsjahre entfernt hat. Dessen ungeachtet bettete die Bush-Administration den Julikrieg 2006 in den Rahmen eines "Krieges gegen den Terror" ein.

Einen Hehl machte sie nie daraus: für die Hisbollah gibt es den "Staat Israel" nicht, lediglich eine "zionistische Einheit", deren Existenz auf der "betrügerischen Usurpation der rechtmäßigen Staatshoheit des palästinensischen Volkes" gründet, wie Richard Anderson in Anlehnung an die Erkenntnisse der Hisbollah-Forscherin Amal Saad-Ghorayeb schreibt.

Die Ansichten von Abdallah Mortada, die Mats Wärn in seiner profunden Studie von 1997 wiedergibt fügen sich dem nahtlos an: Israel, so der Hisbollah-Sprecher für Auslandsbeziehungen, sei "illegal", weil es auf einer "ethnischen Säuberung" basiere. Zudem visiere es die Abhängigkeiten aller arabischen Nationen von ihm bzw. seiner starken Wirtschaft an. Die Produktion, deren Konsumenten die arabischen Staaten wären, läge letztlich in den Händen der Israelis.

Auch gegenüber den Friedensabsichten Israels bekundet Mortada tiefes Misstrauen:

Vielleicht will Israel Frieden, aber was wäre ein Frieden zu Israels Bedingungen? Ein 'Frieden' wie mit der PLO? Ist das Frieden? Mit vier Millionen palästinensischen Flüchtlingen, denen nicht erlaubt wird, dorthin zurück zu kehren, wo sie hingehören?...Das ist ein Frieden ohne Gleichgewicht.

Eine Vertreibung mit anschließender Rückkehr-Verweigerung fürchtet Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah auch hinsichtlich des Südlibanon. So betonte er gegenüber dem libanesischen New TV Channel vergangenen Sonntag (der Ausschnitt findet sich hier , dass "Peretz, Olmert, Livni und alle israelischen Verantwortlichen", eine "Rückkehr der Hisbollah in den Süden" unterbinden wollen. Abgesehen davon, dass dies Wunschdenken sei, da die Hisbollah keineswegs aus dem Süden vertrieben worden sei, unterstrich Nasrallah, dass die Mitglieder seiner Partei seit jeher die "Eltern des Landes" und die "Kinder der Dörfer" seien. Kurz: die Hisbollah sei der Süden.

Aussagen wie diese oder die des stellvertretenden Generalsekretärs Naim Qassim, es sei auch zu befürchten, dass sich Israel im Friedensfalle "in unsere Kultur, Mentalität und unsere Denkprozesse einmischt", verraten, dass es um weit mehr geht, als um die Besetzung der Schebaa-Farmen, von denen sich vor allem sagen lässt, dass sie definitiv nicht Israel gehören.

Vielmehr geht es um existentielle Ängste, und das nicht allein auf israelischer Seite. Vor allem die in Palästina betriebene grounds-on-fact-Politik, deren Eckpfeiler Siedlungsbau, Mauerbau sowie Beibehaltung der Kontrolle in der Luft, zu Wasser und an den Grenzen lauten, führen zu der Frage, welche genuinen Überlebenschancen die israelische Politik den Palästinensern allen Ernstes einräumen will. Ihren vehementesten Förderer findet sie in George W. Bush, der nach eigenen Aussagen, wiederum ein Anhänger von Nathan Sharansky ist, der "die arabische Welt als Konglomerat religiöser und ethnischer Minderheiten beschreibt, die unfähig seien, in nationalstaatlichen Verbänden zusammenzuleben".

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die feindliche Haltung der Hisbollah gegenüber Israel (und den USA) keineswegs nur in territorialen Streitigkeiten gründet, sondern in der Überzeugung, als Araber mit legitimen Eigeninteressen und zu respektierenden Ansprüchen nicht anerkannt worden zu sein und vermutlich nie anerkannt zu werden.

Doch nicht einmal im Kontext dieses Kernproblems verliert die Hisbollah ihre Realpolitik aus den Augen. Sayyed Muhammad Hussein Fadlallah plädiert beispielsweise wiederholt für den Dialog, gerade auch mit dem eigenen Feind.

Zwar distanzierte sich der Hisbollah-Gründer in den Neunzigern von der Partei, jedoch vorrangig auf religiöser Ebene (er erkannte Ayatollah Khameini nicht als Wali al-Faqih an). In den großen politischen Linien herrscht weiterhin Übereinstimmung, wobei Fadlallahs Urteil hohes Ansehen bei Libanons Schia genießt. Ob dies der Auslöser für Nasrallahs indirekte Verhandlungen mit Israel in der Angelegenheit des Gefangenenaustausches war, sei dahingestellt.

Fakt bleibt, dass die im Sommer 1996 unter deutscher Vermittlung zustande gekommenen Verhandlungen im August 2003 zum Ziel führten: Ein israelischer Geschäftsmann sowie die Leichen dreier israelischer Soldaten wurden gegen 401 Palästinenser, 28 Angehörige anderer arabischer Staaten sowie die Leichen von 59 Libanesen ausgetauscht.

Während der Bostoner Universitätsprofessor Augustus Norton darauf hinweist, dass Israel während der gesamten Verhandlungen nie das Recht der Hisbollah, israelische Soldaten im Libanon anzugreifen, in Frage gestellt und somit die Rolle der IDF als Besatzung stillschweigend eingestanden habe, lenkt Adam Shatz von The Nation den Blick auf einen zwischenmenschlichen Aspekt. Israel musste Nasrallah als glaubwürdigem, wenngleich "zum Verzweifeln harten" Verhandlungspartner Respekt zollen, was dieser mit einem Lob über die Entschlossenheit der Israelis, ihre Toten zurückzuerhalten, erwidert habe: Diese Werte seien auch die Werte der Hisbollah.

Über ihre Entwaffnung ließ die Hisbollah indes wenig mit sich verhandeln - wenngleich sie sich einer Serie "Nationaler Dialoge", die der Libanon dazu seit 2005 abhielt, nicht verschloss. Shatz zufolge, überzeugte nichts Nasrallah mehr von der Notwendigkeit, an seinem Waffenarsenal festzuhalten, als die feindliche Gesinnung der Amerikaner seit dem Anschlag vom 11. September (den die Hisbollah als terroristisch verurteilt hatte).

So stufte der US-Vize-Staatssekretär Richard Armitage die Partei im September 2002 als "A-Team der Terroristen" - quasi noch vor al-Qaida - ein. Als weitere Bestandteile der neokonservativen Kampagne führt Shatz den pro-Likud-Ideologen David Wurmser an, Dick Cheneys Syrien-Berater und erklärten Verfechter "preämptiver" Schläge gegen Syrien und die Hisbollah. Eine Position, der sich unter anderem John Bolton und Richard Perle anschließen sollen.

Und tatsächlich: Im Bürgerkrieg und in Reaktion auf die Invasion Israels in den Libanon 1982 und auf die Massaker, die unter Ariel Sharon in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila verübt wurden, schuf sich die Hisbollah selbst das Image einer religiös-fanatischen Partei, deren Agenda vorrangig aus Terror zu bestehen schien.

Hierzu trugen hauptsächlich ihr Selbstmordanschlag 1983 auf das Hauptquartier der US-Marines, gefolgt von der Sprengung des französischen Hauptquartiers sowie die Entführung einer TWA-Maschine 1985 bei. Anfang bis Mitte der Neunziger folgten zwei Anschläge in Buenos Aires: auf die israelische Botschaft (in unmittelbarer Vergeltung für Israels Ermordung von Hisbollah-Führer Abbas al-Musawi) und auf ein jüdisches Gemeindezentrum. Shatz zufolge, wurden viele dieser Anschläge Imad Mughnieh, einem "zwielichtigen pro-iranischen Terroristen" zugeschrieben.

Heute sei jedoch zweifelhaft, ob er überhaupt noch in Kontakt zur Partei stünde, zudem lägen seit Jahren kaum Anzeichen für eine von der Hisbollah initiierte Gewalt gegen westliche Ziele vor - vielmehr hätten mehrere offizielle Parteivertreter Shatz gegenüber die Möglichkeit diplomatischer Beziehungen zu den USA begrüßt. Auch der libanesische Islamismus-Experte Nizar Hamzeh betont gegenüber telepolis, dass sich die "Partei Gottes" längst nur mehr gegen die Besatzer des eigenen Bodens und nicht länger gegen ausländische Ziele richte, in diametralem Gegensatz zur global operierenden al-Qaida. Wissenschaftler wie Henry Laurens, Autor von "La question de Palestine", und seine US-amerikanischen Kollegen, darunter Norton, Judith Harik und Sami Hajjar plädierten infolge dieser Entwicklungen verstärkt dafür, den Wandel, den die "Partei Gottes" vollzogen hat, endlich wahrzunehmen.

Selbst Dennis Ross, Nahostentsandter unter Clinton, Direktor des der amerikanischen Israellobby zuzurechnenden Washington Institute for Near East Policy und häufiger Gast beim regierungsfreundlichen Fox News Channel, legte in der linksnationalistischen libanesischen Tageszeitung As-Safir am 23. März 2002 dar, dass Hisbollahs Widerstand gegenüber Israel im Unterschied zu ihren vergangenen Anschlägen auf westliche Ziele nicht als Terrorismus einzustufen sei. Ein Vorstoß, der vermutlich der Einsicht geschuldet war, dass die zu Libanons fragilem Politgefüge unwiderruflich gehörende Hisbollah nicht weiterhin dämonisiert werden dürfe (und sei es einzig aus dem Grund, um die Region nicht weiter zu destabilisieren und US-Interessen besser durchzusetzen). Die Bush-Administration betet indes weiterhin unermüdlich ihr Mantra vor.

Die Hisbollah mag sich angesichts dessen in ihrem Argwohn bestätigt sehen, zumal vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse. Der Julikrieg 2006 brachte nun mit erschreckender Unverhältnismäßigkeit Tod und Zerstörung über den Libanon - eine Unverhältnismäßigkeit, die einzig dadurch zu rechtfertigen sein könnte, dass "das Leben eines Arabers mehr wert sein (soll) als das Leben eines Israelis", wie Alain Gresh in der August-Ausgabe von Le Monde Diplomatique ebenso hintersinnig wie provokant überlegt.

Zugleich aber gelang der Hisbollah das, was sämtlichen arabischen Armeen verwehrt blieb: sie bot militärisch den israelischen Streitkräften erfolgreich die Stirn und bewies somit, laut Saad-Ghorayeb, dass "nur der Widerstand ein Gleichgewicht der Kräfte" in der Region etablieren könne.

Kein geringer Beweis für die seit Jahrzehnten von militärischen, und damit auch von moralischen Niederlagen gegenüber Israel frustrierten arabischen Völker, die sich längst die eigene Hisbollah herbeiwünschen.

Dass Hassan Nasrallah in seinem Interview vergangenen Sonntag einräumte (mp3), mit der Härte der israelischen Reaktion nicht gerechnet zu haben (anderenfalls wäre es nicht zu der Gefangennahme der beiden israelischen Soldaten am 12. Juli gekommen), sollte dabei nicht als Schuldgeständnis missverstanden und nur am Rande als Erdung der euphorischen syrischen Rhetorik (vgl. die Rede Baschar al-Assads) interpretiert werden.

Weit wichtiger ist das Signal, das Nasrallah seinen Landsleuten, von denen viele glauben, einen blutigen Stellvertreterkrieg im Namen der Gottespartei ausbaden zu müssen, damit geben wollte: Die Hisbollah spielt nicht mit libanesischen Leben Russisch Roulette. Im selben Atemzug betonte er, seit dem Jahr 2000 mit israelischen Angriffen auf den Libanon gerechnet zu haben. Lediglich die Wahl des Zeitpunktes sei unklar gewesen. Hätten die IDF nicht die Hisbollah-Operation vom 12. Juli zum Anlass genommen und eine weniger alarmierte Hisbollah angegriffen, wäre ihnen möglicherweise die Auslöschung der "Partei Gottes" geglückt - und damit, wie Nasrallah unterstreicht, die des libanesischen Widerstandes. So aber sei das Überraschungsmoment ausgeblieben.

Eine solche Darstellung - gleichgültig, bis zu welchem Grad man ihr folgen mag - ist von einem "mea culpa", geschweige denn von einem militärischen Kleinbeigeben weit entfernt, zumal der Hisbollah-Chef eindringlich davor warnt, im nationalen Interesse mit dem Thema "besetzter Boden" (Schebaa) zu "spielen".

Daher dürften seine Worte als zutiefst libanesische Rede, vielleicht als die libanesischste seit Gründung der Gottespartei gelten. Angesichts der innerlibanesischen Zerrissenheit und der Kollaboration, der sich zumindest Teile der libanesischen Armee, (die prinzipiell zu Recht als einzig legitime staatliche Verteidigungsmacht eingefordert wird), schuldig machten, war Nasrallahs Taktik klug, zumal er auch jegliche Fingerzeige auf US-orientierte arabische Nachbarstaaten unterließ (etwa auf das mit der Hariri-Fraktion bzw. der Chirac-Regierung kooperierende Saudi-Arabien).

Wenn Libanons nationale Einheit gewahrt bleibt, wird der Widerstandserfolg der "Partei Gottes" zweifelsohne "eine politische Übersetzung" innerhalb der libanesischen Landesführung finden, wie Saad-Ghorayeb prognostiziert.

Die Möglichkeit einer "Hizbollisierung" des Libanon erscheint Joseph Barhout vom Pariser Institut d'Etudes Politiques dabei aber doch als zu extrem. Allerdings läge die Voraussetzung dafür, dass die Hisbollah aufhört, Staat im Staat zu sein und gar nicht erst anfängt, selbst der Staat zu sein, in einer noch stärkeren "Libanonisierung" der Partei. Dies könne nur vollzogen werden, wenn ihre innerlibanesischen Gegner sie annehmen und mit ihr ein Staatssystem ausarbeiten, das, im Gegensatz zum Ta'if-Modell (vgl. Die "Libanonisierung" der Hisbollah), den komplexen Strukturen des Libanon tatsächlich gerecht würde. In diesem Fall wäre auch das Waffenproblem langfristig keines mehr.

Um dieses bestmögliche Szenario, das einen stabilen Libanon mit einem ausgewogeneren Kräfteverhältnis gegenüber Israel zufolge hätte, zu realisieren, bräuchte es allerdings auch das Zutun des Westens und Israels. Momentan ist das nicht in Sicht.

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