Katholische Ambivalenz und bärenhafte Dumpfheit

Das Label Trikont veröffentlicht eine CD-Reihe über die Bayern

Wenn Bayern Witze über sich selbst erzählen hört sich das so an: "Ein Bayer auf Urlaub in Paris erspäht unter dem Eiffelturm ein benutztes Präservativ, hebt es auf, hält die abgestreifte Liebespelle gegen das Licht, stellt fest: 'Mei de Preißn, des Beste in da Weißwurscht lassen´s drin!' und zutzelt und zutzelt und zutzelt ..."

Womit dem Außenstehenden ein erster Hinweis über das Gemüt des auch derbsten Genüssen nicht abgeneigten Alpenvölkchens gegeben wird, das - falls die Ergebnisse aus der Jugend-forscht-Zeit im eigenen Familienverband verallgemeinerbar sind - beim Sonntagsbraten die Resultate des soeben getätigten Stuhlgangs so leichtherzig zum Gegenstand des Tischgesprächs kürt, wie andernorts vielleicht das Wetter oder der Tabellenstand: Eine Extravaganz, die sich vielleicht nur die mächtigsten Fürstenfamilien zu Zeiten des Hochfeudalismus leisten konnten.

Das Konglomerat hochpikanter Charakterzüge der bayerischen Volksseele, die mit dem Begriffspaar "barocke Lebensfreude" nur unzulänglich umschriebene, bärenhafte Dumpfheit, gepaart mit übermäßiger Sauf-, Fress- und Streitlust, komplettiert durch eine vielleicht ansonsten nur Stieren eigene Lendenwut, die über die Jahrhunderte hinweg in einen Zustand stumpfer, allgegenwärtiger Paarungsbereitschaft zurückgedrängt wurde und sich spätestens nach der vierten Maß mit einem lauten Knall wieder zurückmeldet wie ein Böllerschuss auf dem Schützenfest, wird durch eine besonders perfide und heuchlerische Doppelmoral, die man auch dialektische Ehrlichkeit nennen könnte, bestens kaschiert.

Dies gipfelt in eine besondere Form von Kultur, die durchgehend von katholischer Ambivalenz geprägt ist, welche den menschlichen Schwächen und Begierden in der Praxis jene Rechte zuerkennt, welche ihnen das Christentum zuvor in der heiligen Schrift abgesprochen hat und die unmittelbar noch an den Sinnen klebt, während es bereits ans Transzendentale geht, woraus sich aus der derben Profanität erstaunliche Einsichten ergeben können.

Gleichwohl der Bayer keinen Sinn für Tiefsinniges und hochgeistige Erbaulichkeiten hat, entgehen ihm nicht grundlegende Tiefenstrukturen: Wo andere inbrünstige und erhabene Liebesschwüre hören, entdeckt er die Kalten Bauern in den Unterhosen. Und egal wie nieder die Bilder auch sein mögen, dem Menschen sind sie auf irgendeine Art sympathisch, weil er in dieser unverstellten Unerbittlichkeit auch sich selbst erkennt. Kulinarisch kulminiert dies alles in einer Portion Schweinebraten mit Münchner Kartoffelsalat und einer frisch gezapften Halbe Augustiner und stellt mitunter dar eine Art von Barbarei, die wir durchaus nicht missen möchten.

Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe, der Deutschland mehrfach bereist hat, fasst seine investigativen Recherchen, die er in Münchens Bierhallen zusammengetragen hat, wie folgt zusammen:

Diese zu großen Kreisen zusammengeschlossenen Menschen in der großen, düsteren Halle wirkten fast übernatürlich, als vollführten sie einen alten Ritus; man spürte etwas, was zum Wesen dieser Rasse gehörte, etwas Fremdartig-Dunkles, Asiatisches, etwas, das einmal einen Altar umtanzt, das Menschenopfer dargebracht und verbranntes Menschenfleisch verschlungen hatte.

Lion Feuchtwanger beschreibt den bayerischen Phänotypus als einen Menschen,

der nur Sinneswahrnehmungen hat, die er praktisch verwenden kann, dem es aber nicht gegeben ist, gedankliche Zusammenhänge herzustellen (...), ein Wesen, das sich, an Urteilsfähigkeit zurückgeblieben hinter den meisten andern Weißhäutigen, mehr triebhafte Instinkte bewahrt hat (....). Dieser nur oberflächlich zivilisierte Wald- und Frühackermensch, der mit Zähnen und Klauen das Erworbene festhält, misstrauisch, dumpf knurrend, wenn Neues an ihn heran will: Ist er nicht großartig in seiner Ich-Beschränktheit, dieser Bewohner der bayerischen Hochebene? Wie er seine Fehler als Stammeseigentümlichkeiten glorifiziert? Mit welcher Überzeugung nennt er seine atavistische Plumpheit patriarchalisch, seine Grobheit knorrig, seine dumpfe Stierwut gegen alles Neue Sinn für Tradition. Prachtvoll, wie er sich wegen seiner primitiven Streitlust als den bayerischen Löwen feiert.

Dabei zeichnet den Bayern der Umstand aus, dass er immer wieder gebenedeit ist mit Eingebungen und Erkenntnissen, die so naheliegend sind, dass sie im Strudel der Alltagswirrnis gewöhnlich untergehen. Unser Großvater zum Beispiel war als junger Sozialdemokrat im 1. Weltkrieg einer Meldeeinheit unterstellt, deren Aufgabe es war, während des Gemetzels antrainierten Hunden Botschaften um den Hals zu hängen, mit denen diese sich durch das Schlachtfeld auf den Weg in die hinteren Linien machen mussten. Als er nun wegen einer wichtigen Nachricht das Ritterkreuz verliehen bekam, hing er dieses sofort seinem Hund um, weil schließlich diesem und nicht ihm das eigentliche Verdienst zukam (worauf er degradiert wurde). Auf so einen einfachen Gedanken muss man erst einmal kommen!

Diesem besonderen Kosmos der bayerischen Lebensform, die ja gleichzeitig eine Denk- und Sprachform ist, weil sich diese dralle, hinterfotzige, obergescherte, sinnenfrohe Bodenständigkeit auch in den Dialekten spiegelt, widmet das Trikont-Label mit Stimmen Bayerns eine eigene CD-Reihe, deren erste beiden die Themen, Tod und Liebe, also Vergehen und Werden behandeln, zu denen das hiesige Agrarvölkchen jeweils eine durchaus spezielle Beziehung pflegt. Aus Hunderten O-Tönen, Gedichten, Kurzgeschichten, Essays, Sketchen und Songs wurden Tondokumente von bayerischen Volksschauspielern wie Fritz Straßner, Therese Giehse und Gustl Bayrhammer, Literaten á la Franz Xaver Kroetz und Franz Dobler, Kabarettisten wie Georg Ringsgwandl ausgewählt.

Der Tod wird in der Anthologie ohne jegliche Transzendenz hingenommen und mitunter sein Entspannungspotential auf amüsante Weise extrapoliert. Gerhard Polt: "Tod ist, wenn oahm a Fleischfliang im offenen Mei umanandafliagt und es oahm persönlich vollkommen wuarscht is." Und die Liebe bekommt natürlich im Geschehen des bayrischen Volksmunds, der sich durch eine Art Nietzscheanismus für den Hausgebrauch auszeichnet, auch ihr Fett weg. So in dem Hochzeitsgruß an die Wirtin Rosi Spöckmayer von Ludwig Thoma, der eingerahmt über seinem ehemaligen Stammtisch in einem Wirtshaus in Rottach-Egern hängt:

In das Geheimnis, in das Heiligtum
Trittst Du jetzt ein
Mit süßem, sehnlichen Verlangen.
In Duftgeschleier wie Du selbst gehüllt
Siehst Du die Welt wie einen Garten prangen.
Mein Schatz, Du kennst die Gschicht noch lange nicht.
Liegst Du erst im Ehebett recht schmal:
Er zieht sich aus, behaglich grunzt er
Er lost an Schoas. Und dann brunzt er.

Das mag jenseits des Weißwurstäquators Befremden auslösen, doch kann man mit einigem Recht behaupten, der erste und letzte Katholik, den die deutschen Protestanten voll und ganz verstanden hätten, wäre der Askese-Adolf Hitler gewesen und so sei den Bayern ihr Rest an Unverständlichkeit, nicht nur gegönnt, sondern auch als Dienst an der Zivilisation gepriesen.

Glanzstücke u.a. von Robert Hültner, Ödön von Horváth, Georg Queri, Karl Valentin, Ruth Geiersberger und Doktor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater sind auf der Anthologie zahlreich vertreten. Weil die Trikont-Macher echte Demokraten sind, darf man auch einem Text des [zensiert] Suhrkamp-[zensiert] Albert Ostermaier und Liedern der Bayern-mit-Abitur-Bayern, La Brassa Banda, den Police Oberbayerns auch lauschen. Dies aber schmälert den Verdienst dieser Anthologie in keiner Weise, sondern macht deren Kompilatoren in ihrer menschlichen Fehlbarkeit auf katholische Art sympathisch.

Wer dem Trikont-Label eine eigene Entdeckung für die Reihe zu den weiteren Themen unterbreiten möchte, kann dies übrigens gerne tun.

(Reinhard Jellen)

Anzeige