Katholische Kirche: Aus den "langweiligen Schablonen" befreit

"Evangelii Gaudium" - der neue Papst stellt sein neues Regierungsprogramm vor: Müssen sich Politik und Wirtschaft fürchten?

Manche Stubenkleriker müssen sich warm anziehen, der neue Papst hält wenig von Abschottung, dem Retiro in die "Spiritualität des Wohlbefindens", er will die Türen der Kirche aufmachen und die Welt draußen reinlassen. Die sich in vatikanischen Gemächern oder hinter den Kirchenmauern bis zur "klerikalen Verkrustung" verschanzt haben, sollen raus und rein sollen die, denen die "Kälte einer verschlossenen Tür" nicht länger zugemutet werden darf. Gemeint sind die Armen.

Franziskus will größere Nähe zwischen Kirche und den "Menschen auf der Suche". Er stellt die Mission in den Vordergrund. Auf die Welt, die sich im permanenten Umbruch befindet, antwortet er mit dem Aufruf zur "permanenten Mission". Auf alten Positionen sitzenbleiben, geht nicht mehr.

Das dies bloß ein Metaphernspiel wäre, ist bei Franziskus nicht zur erwarten. Das heute veröffentlichte päpstliche Lehrschreiben "Evangelii Gaudium" (Zusammenfassung) schließt sich an andere Äußerungen des neuen Kirchenoberhaupts an, die bereits den Zug zu einer neuen Offenheit haben erkennen lassen.

Wer nach Stellen sucht, die den Reformwillen dokumentieren, wird reichlich fündig. Reformorientierte Kirchenexperten und Textinterpreten dürften ihr Vergnügen an einzelnen Passagen haben, während manch' Kleriker flehentlich zum Himmel schauen wird. Außenstehende Beobachter erinnert manches an Ansagen zu Relaunch-Projekten:

"Neue Wege" und "kreative Methoden" sollen dazu dienen, die "ursprüngliche Frische der Frohen Botschaft" neu zu erschließen. Jesus soll aus den "langweiligen Schablonen" befreit werden, in die wir ihn gepackt haben. Zwei Dinge braucht es dazu. Erstens den "Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung (...), der die Dinge nicht so belassen darf wie sie sind", zweitens eine Reform der Strukturen der Kirche.

Aus der Zusammenfassung von Radio Vaticana

Zu den unorthodoxen Momenten des Textes gehört, dass Franziskus das Dogma des unfehlbaren Papstes, seit langem ein Kritikpunkt aller Außenstehenden, in der Praxis zurücknimmt: "Vom päpstlichen Lehramt dürfe man keine 'endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen' erwarten."

Lieber eine "verbeulte" Kirche, die verletzt und beschmutzt ist

Stattdessen setzt er auf die Ortsbischöfe, die idealerweise besseren Kontakt zur konkreten Gemeinde haben - idealerweise, nicht in der Realität, Regensburg dürfte nicht der einzige Ort der Welt sein, wo man dem Bischof genau die kirchenfürstliche Distanz vorwarf, die Franziskus kritisiert (Wollte er Gerhard Ludwig Müller bei sich in Rom haben, um ihm das nahezubringen?).

Das große Programm jedenfalls heißt Dezentralisierung, weniger Rom im Mittelpunkt als die Ortskirchen, "Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen" - auch hier zeigt sich das Leitmotiv des Papst: mehr direkte Begegnung, das Sich-Aussetzen statt Verschanzen und Aussitzen:

Mir ist eine "verbeulte" Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.

Auch die Theologen und Puristen sollen raus, weg vom Schreibtisch und ihre Nase mit Dingen in Berührung bringen, über die sie sie sonst rümpfen: die Volksfrömmigkeit, die Verschiedenheit der Katholizität - die Kirche könne nicht erwarten, dass die gesamte Welt das Modell übernähme, das sich in der Geschichte Europas herausgebildet hätte.

Kirche ist keine Privatsache, sondern wird politischer?

In manchen Dingen geht dieser Papst mit seiner Annäherungsmission dann so weit, dass es auch die außenstehenden Säkularisten in ihrem Credo trifft. Kirche und Glaube als Privatsache? Nein, so so Franziskus, "man könne von der Kirche nicht erwarten, dass sie den Glauben ins Privatleben verlege und so keinen Einfluss mehr habe auf das soziale Zusammenleben". Er will, dass sich die Kirche mehr einmischt und er hat sich einen Bereich ausgesucht, wo sich Konflikte anbahnen:

"In der Wurzel ungerecht" nennt Papst Franziskus das aktuelle ökonomische System. Diese Form der Wirtschaft töte, denn in ihr herrsche das Gesetz des Stärkeren. Der Mensch sei nur noch als Konsument gefragt, und wer das nicht leisten könne, der werde nicht mehr bloß ausgebeutet, sondern ausgeschlossen, weggeworfen. Diese Kultur des Wegwerfens habe etwas Neues geschaffen. "Die Ausgeschlossenen sind nicht "Ausgebeutete", sondern Müll, "Abfall"." Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des "vergötterten Marktes", die manchmal sichtbar, manchmal virtuell sei. Hier regiere die Finanzspekulation, die Korruption und Egoismen, die sich etwa in Steuerhinterziehung ausdrückten.

Das ist keine neue, unerhörte Analyse der ökonomischen Verhältnisse und der Zurichtung von Menschen, die nicht zu den Gewinnern der Leistungsgesellschaft gehören, aber sollte es dem Papst tatsächlich gelingen, hier erfolgreich zu missionieren, so könnte das heikel werden, weil politisch.

Das derzeit gute Image Franziskus würde Risse bekommen, darauf kann man warten. Das wäre auch ein Zeichen, dass es um mehr als um Katholizismus als spirituelles Freizeitangebot geht. Bislang ist er keine politische Gefahr, außer für die vatikanischen Machtfilialen. Ob sich das ändern wird, ob er er das ändern will, wo wird die Grenze seines Engagements liegen, wo werden sie ihm gezogen?

Zu beobachten ist jedenfalls in der Mittelschicht hierzulande, dass die katholische Kirche nichts mit den Lebensentwürfen der Mehrheit zu tun hat. Die Vorgaben der Kirche und deren Ideale stehen außerhalb dessen, was im Alltag zählt; es gibt manche Feste - die Taufe, die Kommunion, Hochzeiten - die nach dem Ritus der Kirche mit kirchlichen Zeremonienmeister abgehalten werden, die Gespräche während der Feste zeigen allerdings, dass es sich häufig um eine mit ein paar Sentimentalitäten angewärmte Formsache handelt, deren Verbindlichkeit stark limitiert ist. Die Werte, die verpflichten, stammen aus anderen Quellen.

Dogmen, die bleiben: Keine Frauen im Priesteramt, keine Abtreibung

An ein paar Dogmen hält auch übrigens auch dieser Papst fest. Das Priesteramt bleibt den Männern überlassen. Auch wenn die "Beanspruchung der legitimen Rechte der Frauen" die Kirche "vor tiefe Fragen" stelle, "die sie herausfordern und die nicht oberflächlich umgangen werden können". Und auch die Einstellung der Kirche zur Frage der Abtreibung werde sich nicht ändern. Das sei keine Frage der Modernität der Kirche, es gelte der Schutz des ungeborenen Kindes. Ohne Relativierung?

Wahr sei aber auch, "dass wir wenig getan haben, um die Frauen angemessen zu begleiten, die sich in sehr schweren Situationen befinden", etwa nach Vergewaltigungen: "Wer hätte kein Verständnis für diese so schmerzlichen Situationen?"

(Thomas Pany)

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