Katholische Kirche und Neue Rechte

Zur Ausladung von AfD-Vertretern vom Katholikentag in Leipzig

Die den Reichen sehr wohlgesonnene Partei AfD, die mit rassistischen, antiislamischen und grenzschießfreundlichen Voten bei den sogenannten "kleinen Leuten" auf Stimmenfang geht, hat beim 100. Katholikentag in Leipzig keine Podiumsmikrofone zur Verfügung gestellt bekommen. Mit einiger Sicherheit war der Theologe, CDU-Politiker und neue ZdK-Vorsitzende Thomas Sternberg maßgeblicher Inspirator dieser Entscheidung.

Dafür hat er sogar vom Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur einen - merkwürdig verquasten - Tadel erhalten. Die römisch-katholische Publizistik in unserem Land spricht angesichts der bedrohlichen Rechts-Entwicklungen im Lande offenbar lieber von neuen "Schmuddelkindern", als im Sinne des katholischen Universalismus streitbar Farbe zu bekennen.

Indessen könnte sich Thomas Sternberg sehr gut auf Bischof Franziskus von Rom berufen. Der hat nämlich dem US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump - unter Voraussetzung einer korrekten Medienwiedergabe der Trump-Statements - bescheinigt, keine christlichen Positionen mehr zu vertreten. Wieso sollte da das oberste Laiengremium der deutschen Katholiken päpstlicher als der Papst sein und den antiislamischen Flüchtlingsfeinden in der Nähe auch noch ein Podium zur Verbreitung menschenfeindlicher Gesinnungen zur Verfügung stellen?

Das wollen sie ja, als Vertreter ganz "normaler" gesellschaftlicher Positionen in jeder Talkshow und eben auch auf Kirchentagen gebauchpinselt werden ... (Die polemischen Gegenattacken der AfD halte ich übrigens in Solidarität mit Flüchtlingen als durchaus für hilfreich. Ich glaube auch, dass es Immobilien- und Technologiebesitzer gibt, die ungebührlich am Migrationselend verdienen. Den Kirchen sollte der Nachweis kaum schwerfallen, dass sie zu diesen Nutznießern nicht gehören.)

Harte Kontroversen scheuen - der rechtkatholische Sumpf

Irritierend sind nicht die Nichteinladung von AfD-Vertretern zu Katholikentags-Podien und die klare Entscheidung für einen "geschwisterlichen katholisch-islamischen Dialog" im Land, sondern die kleinmütige Zweiflerhaltung mancher Kirchenleute bezogen auf das weltkirchliche Profil der Spitze des katholischen Zentralkomitees und die erfolgten Klärungen beim Streit um ein "Abendland", das sich mit guten Gründen auf den jüdischen Morgenländer Jesus aus Galiläa berufen kann.

Dass man den Wählern der neuen rechten Propagandisten zuhören muss, ist selbstredend richtig, aber inzwischen zur Kotzreiz-Plattitüde geworden - besonders beliebt bei all jenen, die harte Kontroversen scheuen oder ihre eigene Nähe zu jener Angstwelt verschleiern, die die neuen konservativen Revolutionäre mit Beistand faschistoider Kräfte sich zunutze machen.

Die entscheidende Frage lautet nämlich, wie stark auch der rechtskatholische Sumpf heute ausfällt und ob die kirchlichen Eliten, so es sie noch gibt, aus der Geschichte lernen wollen! Im Übrigen ist es natürlich ein Unterschied, ob man den Rattenfängern Wege ebnet oder ob man die "Gemütslage" ihrer Opfer zu verstehen sucht.

Seit einigen Jahren wollen mich wohlmeinende Freunde vom Blick auf historische Analogien abbringen, doch die Klügeren unter ihnen werden zunehmend kleinlauter. Über das katholische Laientreffen vom 27.- 30.8.1922 in München zum Beispiel kann man das Nötigste im hochgescheiten wie unterhaltsamen Band "Hundert Katholikentage" von Holger Arning und Hubert Wolf nachlesen.

Konrad Adenauer musste die republiktreue Haltung des Zentrums gegen den rechtsmonarchistischen Münchener Erzbischof Michael von Faulhaber verteidigen. Georg Heim, Gründer der bayerischen CSU-Vorläuferpartei BVB, rief damals während Adenauers Rede laut aus: "Schmeißt den Kerl doch einfach raus!" Solch eine Geschichte sollte nicht außer Acht lassen, wer sich heute angesichts des bayerisch-katholischen Kleinbürgers Horst Seehofer keinen rechten Reim mehr zu machen weiß. Und hier, bei Horst Seehofer, ist das Etikett "Kleinbürger" einmal ganz sicher am Platz!

Aus der Geschichte lernen?

Als ZdK-Generalsekretär bestimmte 1932 der erprobte Militärseelsorger Theodor Legge den rechtskatholischen Publizisten Emil Ritter zum Essener Katholikentag mit der Leitung einer Arbeitsgemeinschaft zu politischen Fragen, welche sich dann günstig zur deutschnationalen Parteimitgliedschaft (DNVP) von Katholiken positionierte. Legges ebenfalls militärseelsorgerisch geprägter Bruder Petrus, später Bischof von Meißen, war laut Christoph Hübner in der Weimarer Republik dem rechtsradikalen, DNVP-nahen Stahlhelm "nicht feindlich gesonnen".

Ja, die Deutschnationalen anno dazumal: kein homogener Haufen, Konservative und faschistoide Mordhetzer bunt gemischt, antisemitisch allzumal, und obendrein der politische Standard der meisten evangelischen Theologen, so sie nicht schon NSDAP-Wähler waren. Diese Komplexe hat man sich anzuschauen, um die Ausladung der AfD durch den neuen ZdK-Präsidenten auch in historischer Hinsicht richtig würdigen zu können und die Einladungspraxis beim nächsten evangelischen Kirchentag ebenso.

Die römisch-katholischen Deutschnationalen des letzten Jahrhunderts, deren Drahtzieher zumeist adelig waren, landeten fast durchweg bei der NSDAP oder zumindest in nationalsozialistischen Vorfeld-Kampagnen. Ihren Irrtum erkannten sie in der Regel erst, als es zu spät war. Wenn es nach dem CDU-Mann Thomas Sternberg geht, wird sich so etwas nicht noch einmal wiederholen.

Wer hierzulande die katholischen Positionen des Bischofs von Rom konsequent vorträgt, darf freilich mit keinem allzu großen Medienecho rechnen. Der Kölner Kardinal Rainer Woelki, derzeit wohl der profilierteste Bischof im Lande, hat auf Fronleichnam der deutschen Regierung recht unmissverständlich eine schäbige Flüchtlingspolitik bescheinigt und in diesem Zusammenhang davon gesprochen, die Politiker wollten "uns in den Dornröschen-Schlaf zurückversetzen" oder seien "als Sandmännchen unterwegs".

Was ist los in Deutschland, wenn auch dem überregionalen römisch-katholischen Mediengefüge diese Botschaft nicht viel mehr als eine Randnotiz wert ist, während man dort peinlichen Quatsch Tag für Tag im Übermaß erleiden muss? (Peter Bürger)