Kaugummikauen beschleunigt Heilung nach Darmoperationen

Durch das Kauen werden stimulierende Hormone für den Magen-Darm-Trakt ausgeschüttet

Kaugummikauen hat offenbar positive Auswirkungen auf den Heilungsprozess nach Darmoperationen. Patienten, die nach dem Eingriff dreimal täglich zu der elastischen Masse griffen, konnten bedeutend früher aus dem Krankenhaus entlassen werden als frisch Operierte, die keinen Kaugummi erhielten. Der Grund: Das Kauen regt die Ausschüttung von Hormonen an, die den Magen-Darm-Trakt stimulieren und die beeinträchtigten Darmfunktionen erheblich früher wieder in Gang setzen.

Das Kauen zuckerfreier Kaugummis hilft nicht nur bei der Zahnreinigung. Dreimal täglich angewendet wirkt es sich offenbar auch positiv auf die Heilung nach chirurgischen Eingriffen am Darm aus. Das schreibt ein Medizinerteam um Rob Schuster vom Santa Barbara Collage Hospital in Kalifornien im Fachjournal Archives of Surgery (JAMA/Archives:Arch. Surg. 2006;141:174-176). Es klingt zunächst abwegig, doch der Erfolg scheint den Ärzten Recht zu geben. Denn die ungewöhnliche Ergänzung der üblichen Behandlung löst viele Probleme, die nach solchen Operationen auftreten. Die Patienten bekommen nicht nur früher wieder Hunger, sie erlangen auch früher die Kontrolle über ihre beeinträchtigten Darmfunktionen zurück und können früher entlassen werden. Das hilft nicht zuletzt bei der Einsparung von Behandlungskosten.

Um die Darmfunktionen der Patienten schnell wieder anzukurbeln, haben Ärzte bisher versucht, ihnen bereits wenige Stunden nach dem Eingriff etwas zu essen oder zu trinken zu geben. Etwa jeder fünfte vertrug die Nahrungsaufnahme jedoch nicht. Deshalb gaben Schuster und seine Kollegen 17 Patienten einen ungewöhnlichen Auftrag: Sie sollten vom Folgetag ihrer Darmoperation an dreimal täglich zuckerfreien Kaugummi kauen. Weitere 17 Patienten kamen in eine Kontrollgruppe und erhielten weder Kaugummis noch Essen.

Die ersten Hungergefühle regten sich bei den kaugummikauenden Kranken nach zweieinhalb Tagen, einen halben Tag früher als bei der Kontrollgruppe. Darmwinde wurden bei der Gruppe mit der Alternativbehandlung ebenfalls einen halben Tag früher registriert. Die erste Bewegung der Eingeweide schließlich setzte bei den Kaugummi-Kauern durchschnittlich auch nach zweieinhalb Tagen ein, während es bei der Kontrollgruppe fast einen ganzen Tag länger dauerte.

Patienten mit der Kaugummi-Behandlung konnten im Schnitt bereits nach vier Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden, während die Patienten der Kontrollgruppe erst nach knapp einer Woche nach Hause durften.

Patienten leiden nach einer Darm-OP neben Schmerzen und psychischem Stress vor allem darunter, dass die Darmfunktionen meist mehrere Tage zum Stillstand kommen. Der Grund dafür ist, dass die Darmperistaltik – wie Mediziner die Muskelbewegungen des Verdauungsorgans nennen – vorübergehend nicht richtig funktioniert. Der Darm kann durch den OP-Schock wie gelähmt sein, weil die Kontraktion der glatten Muskulatur des Organs durch verschiedene Einflüsse gehemmt wird. Zudem haben die Patienten tagelang kein Hungergefühl.

Offenbar springt durch die Operation verstärkt der Teil des nicht willentlich steuerbaren (vegetativen) Nervensystems an, der dafür zuständig ist, den Körper bei Anstrengungen oder Angriffen in Leistungsbereitschaft zu versetzen – der Sympathikus. Dieser steigert die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Spannung in den Skelettmuskeln, drosselt aber gleichzeitig die Darmtätigkeit. Wird dem Körper Leistung abverlangt, ist dieser Ablauf durchaus sinnvoll. Im Falle eines operativen Eingriffes jedoch, den der Körper als Angriff wahrnehmen mag, verzögert es die Heilung des Darmes.

Darmoperationen zwingen die Betroffenen zu vier- bis zwölftägigen Krankenhausaufenthalten, vor allem wenn Teile des Organs entfernt werden mussten. Je länger allerdings der Krankenhausaufanthalt dauert, desto höher ist auch das Risiko, dass sich Patienten Infektionskrankheiten durch besonders resistente Krankenhauskeime zuziehen.

Das Kauen gaukelt dem Körper offenbar vor, dass demnächst Nahrung in den Magen-Darm-Trakt gelangen wird. Die Bewegungen der Kiefermuskeln stimulieren nach Meinung der Ärzte die gleichen Teile des vegetativen Nervensystems, die auch beim Essen angeregt werden – die parasympathischen Bahnen. Diese Nervenaktivität stimuliert die Ausschüttung verschiedener Hormone, die beim Magen und dem Darm Muskelkontraktionen auslösen – ohne dass der Körper bereits richtige Nahrung verdauen muss. Belegen wollen die Ärzte ihre These durch weitere Tests, in denen sie die Menge der Hormone im Blut von Darm-OP-Patienten messen und Unterschiede bei Kaugummikauern und Kontroll-Patienten untersuchen.

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