Kaum belastendes Material gegen vermeintliche Skripal-Attentäter

Sind die Verdächtigen hinsichtlich ihrer tatsächlichen Identität entlarvt? Sind sie damit als schuldig anzusehen?

Nach etwas mehr als einem Monat seit der Bekanntmachung der mutmaßlichen Skripal-Attentäter durch den Chef der britischen Anti-Terror-Polizei Neil Basu sei ihre wahre Identität aufgedeckt, jubelt Bellingcat. Damit wären nicht nur die Beteuerungen von Alexander Petrow und Ruslan Boschirow widerlegt, sie seien einfache Touristen gewesen und würden tatsächlich so heißen. Ebenso wäre Wladimin Putins Glaubwürdigkeit angekratzt, da er versicherte, beide würden nicht dem Militär angehören.

Bereits am 26. September behauptete Bellingcat, bei Ruslan Boschirow handele es sich um den hochdekorierten GRU-Oberst Anatoli Tschepiga. Die Identifizierung erfolgte anhand eines mehr als 15 Jahre zurückliegenden Fotos. Der frühere britische Botschafter und gegenwärtige Aktivist für Menschenrechte Craig Murray kritisierte nicht nur die Recherchemethoden von Bellingcat, sondern konstatiert auch signifikante Differenzen beim Gesichtsvergleich. Zweifel werden durch die Tatsache bekräftigt, dass sich der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson veranlasst sah, einen Tweet mit Dankesgrüßen an die vermeintlichen Wahrheitsfinder schon nach 20 Minuten zu löschen.

Nun wurde vorgestern die Identität des zweiten Verdächtigen Alexander Petrow enthüllt, wie Bellingcat versichert. Bei ihm soll es sich um den Militärarzt des GRU Alexander Mischkin handeln. Zwar ist auch diesmal der einzige Beleg ein altes Foto. Jedoch beruft sich Bellingcat jetzt auf die Ergebnisse einer Gesichtserkennung des Professors für Visual Computing an der Unversität Bradford, Hassan Ugail. Dieser hat einige Tage zuvor eine ähnliche Stellungnahme zu den Fotos von Boschirow und Tschepiga abgegeben, er bot sich damit als Experte an. Dennoch sind bereits für den Laien Unterschiede bei Mischkin erkennbar, etwa hinsichtlich der Form der Nase sowie der größeren Abstände der Augen und zwischen Nase und Mund.

Wenn auch die Bellingcat-Reportage von nahezu allen westlichen Medien - teilweise als Hauptnachricht - übernommen wurde, wurde davon abgesehen, sie als harte Fakten zu präsentieren. Der "Spiegel" titelt "Zweiter Verdächtiger im Skripal-Fall angeblich identifiziert", und bei der "Süddeutschen Zeitung" heißt es "Zweiter Verdächtiger soll russischer Militärarzt sein". Wieder einmal fällt die "Bild" aus der Rolle, indem sie per Schlagzeile meldet: "Skripal-Attentäter arbeitet für Russen-Geheimdienst".

Hingegen wurden die Informationen weder von der britischen Metropolitan Police noch von offiziellen politischen Stellen aufgegriffen. Angesichts der Finanzierungsquellen Bellingcats, zu denen auch das britische Außenministerium gehört, drängt sich der Schluss auf, dass es sich vornehmlich um eine Medienkampagne handelt. Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass Petrow und Boschirow in dubiosem Auftrag tätig waren und ihre wahre Identität verbergen. Ihr Auftreten im russischen Fernsehen war wenig überzeugend, und neben einigen Ungereimtheiten spricht ihre Weigerung dafür, nähere Auskünfte über ihren Hintergrund zu geben.

Unabhängig davon, ob die Bellingcat-Recherchen den Tatsachen entsprechen oder ob die Verdächtigen anderweitig gelogen haben, dürften die Erkenntnisse der Metropolitan Police zu den Geschehnissen in Salisbury kaum für eine Anklage genügen - wäre da nicht der Nowitschok-Fund im Londoner Hotel. Da dieser nicht der OPCW gemeldet wurde und eine wiederholte Probenahme fehlschlug, könnte er als alleiniges Indiz möglicherweise nicht für eine Verurteilung ausreichen.

Das Internet-Portal "Theblogmire" greift nun die Frage auf, ob die Informationen der Ermittler sich tatsächlich auf die spärlichen Bilddokumente beschränken, die publiziert wurden. Wie das für die CCTV-Überwachung verantwortliche Wiltshire Council mitteilte, waren alle Anlagen Anfang März diesen Jahres in Betrieb. Über die Stationierungsorte wollte es keine Angaben machen, versicherte aber, dass sie nachgereicht würden, vermutlich in diesem Monat.

Über die Bewegungen der beiden Verdächtigen am 3. März, dem ersten Tag ihres Aufenthalts in Salisbury, wurden keine Bildaufnahmen der Öffentlichkeit präsentiert, die sie nach Verlassen des Bahnhofs zeigen. Nach den Untersuchungen des ehemaligen Kriminalbeamte Cain Külbel ist allein das Bahnhofsgelände vollgespickt mit Kameras. Neben den Bahnsteigen wird auch der Platz vor dem Bahnhofsgebäude observiert, sodass es möglich sein sollte, zumindest die Richtung anzugeben, in die sich Petrow und Boschirow bewegten.

Für den 4. März existieren mehrere Bilddokumente, wobei der Aufnahme an der Shell-Tankstelle entlang der Wilton Rd besondere Bedeutung zukommt, da diese sich nur sechs Minuten Fußweg vom Wohnort der Skripals befindet. Vom Bahnhof mussten beide 1,13 km zurücklegen, was bei dem auf dem Bild erkennbaren gemächlichen Schritt 15-20 Minuten dauern dürfte. Die Zeitdifferenz der Aufnahmen zwischen beiden Orten beträgt allerdings knappe 10 Minuten, d.h. sie müssten sich im Jogging-Tempo bewegt haben, was aber unnötiges Aufsehen erregt hätte. Wie Külbel recherchiert, sind auf dem Weg zwei Überwachungskameras stationiert, die von den Verdächtigen hätten passiert werden müssen. Auch entlang der alternativen Wegstrecke über ein Gewerbegebiet gibt es mehrere CCTV-Überwachungsanlagen, die Entfernung würde zudem 1,29 km betragen.

Es spricht einiges dafür, dass die britische Polizei über ein weitaus exakteres Bewegungsprofil verfügt, als wie es in der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde. Was für Petrow und Boschirow gilt, trifft auch auf Sergej Skripal und seine Tochter Julia zu. Fraglich erscheint insbesondere die Behauptung, über deren Aufenthalt zwischen dem Zeitraum von 9:15 und 13:30 am 4. März gebe es keine Angaben. Ist noch niemand auf die Idee gekommen, beide direkt zu fragen?

Auf dem "Theblogmire"-Portal wird in Kommentaren die Vermutung geäußert, sie hätten eine orthodoxe Kirche in Bath oder Southampton besucht, worauf auch das Abschalten der Handys verweisen würde. Dies müsste sich verifizieren lassen. Weitaus wichtiger wäre zu erfahren, ob sie danach zu ihrem Wohnort zurückgekehrt sind und den Türgriff angefasst haben. Die Behauptung, die beiden Verdächtigen hätten diesen in dem kurzen Zeitraum davor mit Nowitschok präpariert, das sich auf die Opfer übertrug, ließe sich bestätigen oder falsifizieren. Auch kann es als wahrscheinlich betrachtet werden, dass das Haus der Skripals überwacht wird.

Külbel fragt abschließend: "Gibt es denn im britischen Parlament nicht eine ehrliche Haut, die da mal fragt, wieso die Skripals nicht zu Wort kommen?" Hinzufügen lässt sich "… und warum relevante Teile des CCTV-Überwachungsmaterials offenbar unter Verschluss gehalten werden". (Bernd Murawski)

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