"Keen Platz för Nazis"

Am vergangenen Samstag demonstrierten tausende Menschen in Hamburg und Bremen gegen Faschismus, für Vielfalt und Toleranz

Selten waren die Menschen in Hamburg sich so einig: Mehr als 630 Initiativen und Organisationen unterstützen den Aufruf des Hamburger Bündnisses gegen Rechts (HGbR) zu einer Protest-Kundgebung gegen den "Tag der Patrioten". Dazu hatten sich 5.000 z.T. einschlägig vorbestrafte Neonazis in Hamburg angekündigt. Die Gerichte verboten indes die Nazi-Demo in allen drei Instanzen.

Namhafte Kultur-Einrichtungen sowie der 1. FC St. Pauli riefen zur Teilnahme an der Protestkundgebung auf, alle lokalen Radio-Sender spielten um 12h das Lied "Imagine" von John Lennon und der Radiosender NDR4 übertrug die Protestkundgebung im Livestream. Beschäftigte des Reisezentrums der Bundesbahn unterstützen die Antifas, zeitgleich mit Neonazis aus Rostock am Hauptbahnhof angekommene Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen. Allerdings kam es dabei zu Tumulten. Auf Züge, in denen Neonazis vermutet wurden, wurden Steine geworfen. Festgenommen wurde 34 Neonazis, die versucht haben sollen, die linken Demonstranten, die die Flüchtlinge schützen wollten, zu provozieren.

"KEEN PLATZ FÖR NAZIS" stellte das berühmte Ohnsorg-Theater, das direkt am Hauptbahnhof residiert, mit einem Transparent klar. Schräg gegenüber am Schauspielhaus hieß es "KEIN PLATZ FÜR NAZIS". "SAY IT LOUD. SAY IT CLEAR. REFUGEES ARE WELCOME HERE", gaben sich die Kiez-Kicker etwas mehr polyglott.

Am vergangenen Mittwoch hatte das Hamburger Verwaltungsgericht (VG) den von dem wegen Bedrohung mit Waffen, Nötigung, Körperverletzung und Raubes zu Haftstrafen verurteilten Neonazi Thorsten de Vries initiierten Aufmarsch zum "Tag der Patrioten" verboten, das Oberverwaltungsgericht und das Bundesverwaltungsgericht bestätigten das Urteil. Da damit gerechnet wurde, dass Neonazis trotzdem nach Hamburg kommen würden, sollte die Protestkundgebung unabhängig vom Versammlungsverbot für die "Patrioten" stattfinden.

Diese mobilisierten daraufhin nach Bremen, doch auch da wurde ein Aufmarsch nicht genehmigt. Um sowohl den Neonazis als auch ihnen nachreisenden Linken die Route abzuschneiden, wurde der Zugverkehr zwischen Bremen und Hamburg vorübergehend unterbrochen. Das hatte Auswirkungen auf den Bahnverkehr bis nach Frankfurt und darüber hinaus.

In Hamburg kam es zu Auseinandersetzungen, als ein u.a. mit Neonazis besetzter Zug aus Rostock zeitgleich mit einem Zug aus Richtung Süden ankam, in dem Flüchtlinge auf der Durchreise nach Schweden saßen. Schnell wurde ein Spalier gebildet, um den Flüchtlingen Schutz zu bieten. Spontan griffen Beschäftigte des Reisezentrums der Bundesbahn ein und sorgten dafür, dass die Flüchtlinge in einem separaten Raum sicher untergebracht wurden. Als dieser Raum nicht für alle ausreichte, wurden für Unterbringung im Deutschen Schauspielhaus gesorgt. Aufgrund dieser kurzzeitigen Auseinandersetzung wurde sämtlicher Zugverkehr am Hauptbahnhof eingestellt.

Dabei hatte sich der Reiseverkehr am Hamburger Hauptbahnhof gerade erst wieder normalisiert, nachdem letzte Woche die Dänische Bahn den Verkehr eingestellt hatte, um die Einreise von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern zu verhindern. 250 Flüchtlinge hatten den Lübecker Bahnhof besetzt, um ihre Weiterreise nach Dänemark durchzusetzen (Aufstand der Verzweifelten)). Schlussendlich durften sie jedoch ungehindert weiterreisen. An der dänischen Grenze, bzw. in Puttgarden beim Übergang zur Fähre kam es wieder zum Reisestopp. Die schleswig-holsteinische Landepolizei entschied sich schließlich, keine Gewalt einzusetzen gegen die Menschen, die so viele Strapazen auf sich genommen hatten, um aus ihren zerstörten Heimatorten nach Nordeuropa zu gelangen. Sie ließen sie nicht nur ungehindert reisen, sondern zahlten z. T. die Bahntickets.

Die dänischen Behörden versuchten anfangs, die Einreise der Flüchtlinge zu unterbinden, gaben aber sehr schnell nach und ließen die Flüchtlinge ebenfalls ungehindert reisen. Am vergangenen Freitag durften Flüchtlinge die dänische Bahn kostenlos nutzen.

In vielen Städten wurden Willkommens-Zentren von ehrenamtlich Tätigen eingerichtet, die sowohl national als auch international vernetzt die neu ankommende Flüchtlinge mit Informationen, Trinkwasser, Nahrung und Kleidung versorgen. Das Flüchtlingsforum Schleswig-Holstein hat dauerhaft Posten am Hauptbahnhof in Flensburg sowie an der Fähre in Puttgarden errichtet. Dort werden die Flüchtlinge nicht nur betreut, sondern ihnen werden Tickets für die Weiterreise nach Schweden zur Verfügung gestellt. Die Organisation hat einen Aufruf gestartet, in dem sie um Geldspenden bittet, um die Arbeit fortsetzen zu können. (Birgit Gärtner)